Zeitung Heute : Oldtimer-City

Im Meilenwerk treffen sich seit einem Jahr Fans alter Automobile

Alva Gehrmann

Ein paar alte Männer, die in einer kleinen, dunklen Kammer jahrelang an ihren Autos schrauben, schweißen und polieren, daran denkt jeder, wenn er das Wort „Oldtimer-Werkstatt“ hört. Doch wer das Gelände des „Meilenwerk“ in der Charlottenburger Wiebestraße betritt, wird eines Besseren belehrt: Eine riesige lichtdurchflutete Halle mit verglasten Werkstätten sieht man dort, eine Waschanlage, Autohändler, etliche Büros – alles verteilt auf 16 000 Quadratmeter. „Forum für Fahrkultur“, nennt sich denn auch die kleine Oldtimer-Stadt.

Alles, was der Fan von Liebhaberfahrzeugen braucht, findet er hier: Versicherungsanbieter etwa, Sattler, Kfz-Sachverständige und eine Oldtimervermietung. In insgesamt 88 gläsernen Boxen können die Besitzer ihre Lieblinge parken und gleichzeitig präsentieren – was bereits ausgiebig genutzt wird: Glänzende Ferraris, alte Käfer, schmucke Bentleys, eine BMW Isetta – auch das älteste Gefährt des Meilenwerk, ein Original Benz „Comfortable“ von 1899, stehen in einer der Einstellboxen, die sich auf zwei Etagen verteilen. „Für 102 Euro monatlich waren sie sofort ausgebucht, und die Warteliste wird immer länger, derzeit stehen dort 150 Namen“, sagt Martin Halder, der Firmenchef und Gründer des Meilenwerk. „In der gesamten Halle herrschen ideale klimatische Bedingungen, die den Fahrzeugen ein langes Leben ermöglichen.“ Bei einer Temperatur von zwölf Grad könne sich kein Kondenswasser bilden, das die Oldtimer rosten lasse.

Transparenz ist Halder wichtig. „Die Türen stehen allen offen“, sagt der 34-Jährige. So können die Besucher auf dem Gelände herumstöbern, den Mechanikern bei der Arbeit zusehen. Nicht einmal die rund 60 Oldtimer, die zum Verkauf stehen, sind durch eine Kordel getrennt. Das Meilenwerk ist videoüberwacht, passiert sei bisher nichts.

In der Woche geht es gemütlich zu. Am Wochenende aber tummeln sich bis zu 6000 Neugierige auf dem Meilenwerk-Gelände, Besitzer holen ihre Oldtimer für eine Spazierfahrt ab, treffen auf Gleichgesinnte, führen „Benzingespräche“. Neugierige Passanten kommen auf einen Blick vorbei. Martin Halder möchte die Besucher zum Verweilen anregen, deshalb gibt es im Meilenwerk ein Restaurant und eine Cocktailbar. Bei sonnigem Wetter ist der Biergarten geöffnet.

„Heute sind Erlebniswelten statt Einkaufsmöglichkeiten gefragt“, sagt Halder. Und so eine Erlebniswelt stehe und falle mit ihrem Ambiente. Mit den Wiebehallen hat der Wirtschaftsingenieur und Immobilienökonom den idealen Ort gefunden. Vor hundert Jahren war dies das größte Straßenbahndepot Europas, 1994 musste die Halle wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. Halder kaufte die denkmalgeschützte Immobilie, die dann behutsam restauriert wurde. Im Mai 2003 öffnete das Meilenwerk seine Tore, und ist nun eine bisher einmalige Begegnungsstätte für Oldtimer-Fans. Auf die Meilenwerk-Idee kam Martin Halder, Dozent der European Business School, als er feststellte, dass Berlin zwar eine große Oldtimer-Szene hat, diese bisher aber wenig strukturiert war.

Da im Meilenwerk vieles im Angebot ist – auch eine Mietwerkstatt für Selbstschrauber – entfallen oftmals weite Wege. Jeder profitiert von jedem. „Die positive Nutzung von Synergien ist einer der wichtigsten Aspekte der Meilenwerk-Philosophie“, sagt Initiator Halder. Gute Multiplikatoren sind zudem Fans, deshalb werden Mobilclubs, wie dem Ferrari Club oder dem Mercedes-Benz Veteranen Club, kostenlos Räume zur Verfügung gestellt.

Martin Halder selbst ist natürlich auch Autofan. Er besitzt unter anderem einen schwarzen Jaguar XK 120, Baujahr 1954. Ein Cabrio. Der Oldtimer steht direkt vor den verglasten Büros. „Auch wenn ich Oldtimer-Fan bin, so beruht das Unternehmen doch auf wirtschaftlichen Kalkulationen“, betont Halder. Zehn Millionen Euro wurden in das Projekt investiert. Das läuft so gut, dass er bereits die nächsten Standorte im Visier hat. So wird es demnächst vielleicht auch ein Meilenwerk in München, Hamburg und im Ruhrgebiet geben.

Am Samstag präsentiert sich das Meilenwerk auf der Langen Nacht des Shoppings. Um 15 Uhr wird ein Korso von 35 Oldtimern in Richtung Joachimstaler Straße / Ecke Kurfürstendamm fahren. Im Oldtimer-Korso mit dabei ist auch Martin Halders Jaguar, er wird ihn ausnahmsweise nicht selbst fahren. Ein Mitarbeiter übernimmt das. Ihm vertraut Halder seinen Wagen an. Sonst gibt er die Schlüssel seines Schmuckstücks – wie wohl die meisten Oldtimer-Besitzer – nur ungern aus der Hand.

Meilenwerk Berlin, Wiebestraße 36-37, 10553 Berlin, Telefon: 030 36 40 780, www.meilenwerk.de, montags-samstags 8 bis 21 Uhr / sonntags von 10 bis 20 Uhr.

Meilenwerk-Präsentation auf der Langen Nacht des Shoppings: Mit dabei sind auch Einzelhändler zum Beispiel Modellshop Platzer, Technische Antiquitäten der Firma Mobilien Tonski und Slotracingartikel der Firma Mende .

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