Zeitung Heute : Ole an die Freude

Zu liberal, zu flapsig, zu wenig gutbürgerlich: Beust galt bisher nicht viel in der Bundes-CDU. Eigentlich war das gestern ja auch nur eine größere Kommunalwahl. Tatsächlich aber werden die Folgen seines Triumphs für Hamburg beachtlich sein – und für Berlin sogar gewaltig. Wie das Beispiel Angela Merkel zeigt.

Robert Birnbaum Tanja Stelzer

Von Robert Birnbaum

und Tanja Stelzer

Der Mann klingt ehrlich ein bisschen empört, aber das kann natürlich auch eine Täuschung sein in all dem Lärm. Was er indessen sagt zu seinem Gegenüber, ist völlig eindeutig: „Warum strahlen Sie nicht?!“ An diesem Abend ist Frohsinn erste Christdemokratenpflicht. Den Takt haben sie bei der CDU schon vorgegeben, drei Minuten bevor die Wahlergebnisse öffentlich verkündet werden. „It’s a beautiful day“, dröhnt und kracht es aus allen Lautsprechern in den drei riesigen Backsteinschiffen der Hamburger Fischauktionshalle. Überlebensgroß lächelt der Wahlsieger auf den Plakaten, die von den grünen Gusseisengeländern der Galerie herabhängen, auf seine CDU-Anhänger hinab. Überlebensgroß ist seit Sonntagabend, Punkt 18 Uhr, ein durchaus angemessener Maßstab für Ole von Beust.

Es ist ein ungeheuerlicher Triumph. Noch nie hat die CDU Hamburg allein regiert. Noch nie hat eine Partei bei einer Wahl in dieser Republik über 20 Prozent zugelegt. Noch nie – ach, lassen wir’s doch einfach Laurenz Meyer in einem Wort zusammenfassen: „Riesensensationsergebnis“, strahlt es in Berlin aus dem CDU-Generalsekretär heraus.

Ein Schwein aus Marzipan

Meyer hat gut lachen. Beust hat gesiegt. Die CDU hat gewonnen. Und zwar die ganze CDU. Diese Hamburger Wahl, bei normalem Licht betrachtet nicht mehr als eine Mischung aus Bürgermeister- und Kommunalwahl, ist aufgeladen gewesen bis zum Rand mit bundespolitischer Bedeutung. Auftakt zum Superwahljahr, Testwahl für die Wirkung des Franz Müntefering für die SPD, die Wahl, die die Koordinaten setzt für die Bundespräsidentenwahl. Die dürfte jetzt im Wesentlichen gelaufen sein. Jedenfalls, wenn es nach der Union geht. Und es dürfte jetzt erst mal ziemlich stark nach der Union gehen.

Dabei hatte es ja zuletzt noch ein bisschen nach einer Zitterpartie ausgesehen. „Patt“ stand über der letzten Umfrage, am Freitag veröffentlicht. Für Demoskopen müsste es ein dankbares Geschäft sein, einmal zu überprüfen, wie stark das Ole noch geholfen hat bei der Mobilisierung jener Wähler, die womöglich aus der Sicherheit der wochenlang wie betoniert erscheinenden Prognose einer absoluten Mehrheit aufgeschreckt worden sind. „Ole“ übrigens, das nur zur Erläuterung, ist keine ungebührliche Vertraulichkeit, sondern ein Markenzeichen. „Michel, Alster, Ole“ hatte die CDU plakatiert oder auch „Olé, Olé, Olé“. Dass ihr Held aber am Ende wirklich auf einer Stufe der demokratischen Legitimation stehen würde mit Leuten wie Roland Koch (absolute Mehrheit), Edmund Stoiber (absolute Mehrheit) oder Peter Müller (absolute Mehrheit), das hatten sie nicht zu hoffen gewagt. Die Hamburger CDU-Fraktion hat, Symbol des Zweifels wie der süßen Auflösung, zum Wahlabend ein Marzipanschwein von den Ausmaßen eines Spanferkels mitgebracht. Schwein gehabt. Stimmt.

Aber mögen die Folgen für Hamburg schon beachtlich sein – für Berlin sind sie gewaltig. Man sieht es und hört es an Angela Merkel. Normalerweise überlässt eine Parteivorsitzende die Interpretation eines Landtagswahlergebnisses ihrem General. Merkel geht noch am Sonntagabend auf Sendung. Lobt von Beust. Lobt den Mann, der bewiesen hat, dass die CDU eben nicht nur auf dem Land, im konservativen südlichen Stammmilieu, Siege erringen kann, sondern auch in Großstädten mit liberalem Ruf im Norden, wenn da nur die richtige Person vorne steht. Das ist ein Triumph auch für Merkel. Einer wie Ole hat bisher nicht viel gegolten in der Bundes-CDU. Immer ein bisschen zu liberal, zu flapsig, zu ungutbürgerlich. Auch deshalb haben manche Merkel vorgeworfen, sie mache sich in der leidigen Bundespräsidentenfrage viel zu sehr von den Unwägbarkeiten dieses Hamburger Ergebnisses abhängig. Die dürften nun auch leiser werden.

Ja, die Bundespräsidentenfrage. „Wir wollen nicht abheben“, sagt einer aus dem engeren Umkreis der Parteichefin. Aber Merkels öffentliche Versicherung, sie wolle weiter einen Kandidaten mit der FDP gemeinsam finden, klingt nach diesem Ergebnis dann doch sehr viel entschlossener als vorher. So wie die Ankündigung, bei Steuern, Arbeitsmarktreformen, Reformen der Sozialsysteme wolle die Union „vorzugsweise mit der FDP“ klaren Kurs fahren, in Richtung Liberale viel freundlicher klingen soll, als sie klingt. Erst recht, wenn anschließend Meyer anmerkt, „naturgemäß“ sei die Position der Union in der bis auf Weiteres wichtigsten Personalfrage dieses Jahres jetzt gestärkt.

Das ist andererseits schwer zu bestreiten. Drei Prozent haben die Freidemokraten geholt. Drei Prozent, trotz dezenter Leihstimmenkampagne der Ole-CDU, trotz heimeliger Fotos: Guido Westerwelle trifft Angela Merkel zu wichtigem Gespräch in Hamburger Café. Hat alles nichts genützt. Richtig überrascht hat es sie nicht, peinlich berührt ist die FDP-Führung trotzdem. Das war nicht ganz das Wunschergebnis. So ein bisschen schwarz-gelb wäre schöner gewesen. Weil natürlich auch in der FDP-Spitze gesehen wird, dass „nach allen Regeln der Kunst unsere Preise jetzt ein bisschen gesunken sind“.

Der liberale Trotz

Geht es also nach den Regeln der Kunst, kann die FDP jetzt sogar noch froh sein, wenn ihr die Union im Gegenzug für das Ja zu einem Kandidaten Wolfgang Schäuble ein Aufeinanderzugehen in inhaltlichen Fragen bietet. Ob es nach den Regeln der Kunst geht, wird sich zeigen. In der FDP rufen schon wieder die üblichen Verdächtigen laut nach dem eigenen Kandidaten. Aus Trotz, jetzt gerade. Aber auf Scheingefechte oder Scheinkandidaturen oder Absprachen über getrennte Kandidaten bis zum dritten, entscheidenden Wahlgang in der Bundesversammlung am 23. Mai – auf all solche Spiele, sagen sie bei der Union, wird sich Merkel jetzt nicht mehr einlassen.

In Hamburg aber übt sich derweil der große Sieger in genau der Bescheidenheit, die ihm so viel Sympathie verschafft hat. „Zum Größenwahn neigen wir alle nicht“, sagt Ole von Beust. Und dass es ja nun doch „ein bisschen eitel“ wäre, wenn er sich den Sieg allein zuschreiben lassen würde. Dabei wissen sie in der hanseatischen CDU, dass es genau so ist. Nicht eine supertolle Politik hat gesiegt. Nicht allein der Gegensturm aus Berlin war es, der die SPD in ihrer einstigen Hochburg hinter den Deichen sich hat tief ducken und fast unsichtbar werden lassen. Nicht der Überdruss an Ronald Barnabas Schill hat den letzten Ausschlag gegeben, der so sauer ist, dass er abwechselnd die Wahl anfechten und nach Südamerika auswandern will. Nein, gewonnen hat Ole, das Markenzeichen. Überlebensgroß.

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