Olympia : Berlin 1936, Peking 2008

Sport tauge "nicht als politisches Druckmittel", erklärte der Deutsche Olympische Sportbund. Boykotte der olympischen Spiele und Aufrufe dazu sind nicht neu. 1936 blieb es allerdings bei der Überlegung, den Berliner Nazi-Spielen fernzubleiben. 72 Jahre später ist es Zeit, daraus zu lernen.

Bernhard Schulz

Das Olympische Feuer nimmt einen sorgfältig choreografierten Weg. Gestern im antiken Olympia entzündet, wird die Fackel im Laufe der kommenden Monate bis zum Mount Everest getragen, bevor sie nach allein 40 000 Kilometern China-Rundkurs das symbolische Feuer in Pekings neuem Stadion entfacht. Griechenlands Polizei hat schon einmal vorgemacht, wie sich die Weltöffentlichkeit den Fackellauf nach chinesischem Muster vorzustellen hat: Ein paar Demonstranten wurden vom Ort der Zeremonie beiseitegeschafft. Das Fernsehen, war zu lesen, schaute weg.

Wegschauen werden die internationalen Medien indessen nicht, jetzt, wo der Fackellauf den olympischen Countdown unwiderruflich eingeläutet hat. Unwiderruflich? Wenn es nach dem Deutschen Olympischen Sportbund geht, allerdings; der hat gestern, parallel zur Entzündung der Fackel, einen Boykott der Pekinger Spiele kategorisch ausgeschlossen. Denn der Sport tauge „nicht als politisches Druckmittel“.

So ähnlich war das im Laufe der neuzeitlichen Geschichte der Olympischen Spiele schon mehrfach zu hören. 1980, als westliche Länder – nicht alle – Moskau fernblieben, um den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan zu verurteilen; vier Jahre darauf, als der Ostblock in Los Angeles seine Retourkutsche fuhr. Die Welt drehte sich in beiden Fällen unbeeindruckt weiter.

Sie drehte sich auch 1936 weiter, als der von den westlichen Demokratien erwogene Boykott der Berliner Nazi-Spiele ausblieb. Die Verfolgung der Juden, Anlass der Boykottaufrufe, wurde nach dem Ende der Spiele – und dem Abflauen der internationalen Aufmerksamkeit – drastisch verschärft. Die Mäßigung der Reichsbehörden im Sommer 1936 war nichts als eine zynische Geste. Dass ein Boykott der Berliner Propagandaspiele auch nur einen Deut an der verbrecherischen Judenverfolgung hätte ändern können, wird zwar – im Lichte der furchtbaren Geschichte des Holocaust – niemand behaupten wollen. Doch der von Goebbels erhoffte Propagandaeffekt trat jedenfalls, dank der raffinierten Inszenierung, tatsächlich ein: Hitlers Reich stand vor den Augen der Welt als friedliebender Gastgeber da. Nur zwei Jahre später loderten die Feuer der „Reichskristallnacht“.

Die Lehren aus der Geschichte der Nazi-Diktatur, heißt es, dürften nie vergessen werden. Doch Geschichte wiederholt sich nicht. Die Volksrepublik China ist nicht das Deutsche Reich, die KP nicht die NSDAP. Und Tibet ist ein Land, um das sich die Welt schon 1959 nicht groß gekümmert hat, als der Aufstand gegen die chinesische Besatzung brutal niedergeschlagen wurde. Der Dalai Lama – bei aller Hochachtung vor seiner moralischen Integrität – zählt zur Politikfolklore, mehr nicht. Natürlich bedurfte es der bevorstehenden Spiele, um den Blick nach Tibet zu lenken. Aber immerhin. Wenn IOC-Chef Jacques Rogge jetzt über „die Agenda der Menschenrechte“ spricht und hofft, die Spiele mögen „den Wandel beschleunigen“, so zeigt das die Richtung an, die die Staatengemeinschaft und mit ihr die Sportverbände einschlagen müssen: Peking beim Wort der Olympischen Charta zu nehmen. Die katastrophale Auffassung von der Nachrichtenfreiheit, die China in der Berichterstattung über Tibet gezeigt hat, muss umgekehrt eine Informationsoffensive der internationalen Medien auslösen – bevor die Olympische Flamme bereits auf ihrem Weg erlischt. In Peking wird es keine Leni Riefenstahl mehr geben können, die mit betörenden Filmaufnahmen ein Bild sportlich-heroischer Wettkämpfe stilisiert, hinter dem das Militär ein bequemes Versteck findet.

Abseits vom zweifellos grandiosen Olympiastadion, mit dem Peking symbolisch seine Rolle als Führer der „Dritten Welt“ in Erinnerung ruft, die es stets beansprucht hatte, wird Anlass sein, die Wirklichkeit einer rücksichtslosen Großmacht auszuleuchten. Die Lehre aus dem ausgebliebenen Boykott der NS-Spiele ist 72 Jahre später nur dann verstanden worden, wenn die Teilnahme in Peking zur schonungslosen Offenlegung der Menschenrechtsdefizite führt – in Tibet und, darüber hinaus, ganz China.

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