Zeitung Heute : Olympia, ein großes Videospiel

Urban Media GmbH

Von Joachim Huber

Jedem seinen Rausch: den deutschen Olympioniken die Medaillen, ARD und ZDF die Quoten. Die Winterspiele in Salt Lake City haben sich seit ihrem Start am 8. Februar zum Fernsehereignis entwickelt. Parallel zum Erfolg der deutschen Sportler ist das Interesse des Publikums gewachsen (siehe Grafik). „Unsere Übertragungen sind gleich richtig angeschoben worden, als es die ersten Medaillen für die Deutschen gab“, sagt Peter Jensen, NDR-Sportchef und nebenamtlicher Sportkoordinator der ARD. Dazu: Hochkarätige Wettbewerbe, Entscheidungen und Siege zur Primetime und besondere Anstrengungen der Sender.

Nie seien die Kosten für Mitarbeiter und die Produktion der Töne und Bilder von Winter-Olympia höher gewesen als in Salt Lake City, berichtet Jensen, dafür hat sich der gewünschte Effekt eingestellt – die Übersetzung von Olympia-TV in Programme für ein deutsches Publikum. Sieben, acht Wettkampfstätten sind laut Jensen „unilateral ausgestattet“, eigene Reporter, eigene Experten, eigene Produktionseinheiten von ARDund ZDF rücken die deutschen Olympioniken in den Fokus und nicht die Amerikaner. „Wir wollen so nahe wie möglich am Athleten dran sein, wir wollen Nähe und Menschelndes. Freud und Leid beim Wettkampf sollen live über den Schirm.“ Dass im engen Miteinander von Sport und Fernsehen mitunter die kritische Distanz des öfteren leidet, mag Jensen nicht erkennen: „Die Reaktionen der Zuschauer sind überaus positiv, nur in der veröffentlichten Meinung gibt es hin und wieder Kritik an den Kommentatoren und Moderatoren zu lesen.“ Jensen sieht die Leistung der ARD„einen Tick besser“ als beim ZDF: „Die ARDverfügt allerdings auch über einen größeren Pool an Mitarbeitern.“

Ein besonderer Vorteil von Winter- gegenüber Sommer-Olympia sei das Weniger an Wettbewerben, eine Sportart könne in Salt Lake City „ausgewalzt“ werden: Vorbericht, Live-Übertragung, Nachbericht und das alles bei elektronischer Ganzkörper-Überwachung der deutschen Teilnehmer, „das gibt eine eigene Dramaturgie“. ZDF-Sprecher Walter Kehr ergänzt, dass Winter-Olympia anders als die Sommerspielen kaum Vorläufe kenne: „Es geht gleich zur Sache, es geht gleich um Medaillen.“ Kehr führt die Resonanz beim Fernsehpublikum auch darauf zurück, „dass der Wintersport in der Zuschauergunst gewonnen hat – siehe Skifliegen“. Auch eine Folge stark verbesserter, optischer Aufbereitung. Biathlon werde heute im Fernsehen wie ein Videospiel dargeboten, der Langlauf finde nicht mehr im Wald statt, sondern auf offener Fläche und im Stadion-„Motodrom“: „Der Zuschauer erlebt mit, was die Sportler leisten.“ Sportarten wie der artistische Trick-Ski und das Snowboarden würden ein junges Publikum anziehen, seien „Zukunftsprogramme, die anzeigen, wo der Wintersport hingehen könnte“. Natürlich, sagt Kehr, seien die Bedingungen für die Sender günstig – bei Spielen, denen Sicherheitsmaßnahmen oder mieses Wetter nicht die heitere Atmosphäre trüben.

Für den nächsten Sportevent, die Fußball-WM, zeigen sich ARD und ZDF weniger euphorisch. „Da ist die Rechtelage viel schlechter. Wir können nur ein Spiel pro Tag übertragen, noch dazu am Vormittag“, sagt Jensen. Nachberichte liefen beim Privatsender Sat 1. Da heißt es für die Öffentlich-Rechtlichen, sich bei Olympia auszutoben, Leistung zu zeigen, Spaß zu haben. Wie die Sportler selbst.

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