Olympia-Entscheidung : Berliner verstehen sich aufs Verlieren

Wir kämpfen bis zum Schluss, in allen Disziplinen. Auch in der Kunst des Versagens - die hat Berlin perfektioniert.

Daniel Haas
Soll sich Deutschland mit Berlin oder mit Hamburg um Olympische Spiele 2024 oder 2028 bewerben? Wer wäre der bessere Verlierer?
Soll sich Deutschland mit Berlin oder mit Hamburg um Olympische Spiele 2024 oder 2028 bewerben? Wer wäre der bessere Verlierer?Foto: dpa

Für Sven Goldmann sind gescheiterte Olympiabewerbungen Routine: Vor 20 Jahren, als Berlin sich zuletzt bemühte, war er schon beim Tagesspiegel. Heute ist er Reporter – und noch immer sportlich. Daniel Haas, Redakteur der „ZEIT:Hamburg“, schätzt die Eleganz des Nordens und will sich einen Schwan zulegen.

In Hamburg tragen wir Blau. Blaue Mützen, blaue Blazer, Mäntel und Pullover in Blau, dazu ein frisches Grau in fein abgestufter Schattierung. Es heißt, das Blau beziehe sich auf die maritime Tradition, die See, den Himmel, die Uniformen der Marine und Schiffsleute. Aber viel wahrscheinlicher ist, dass wir Blau tragen, weil wir blue sind. Blue, aus dem Englischen, ein Wort für Melancholie und Trauer. Wer blue ist, weiß, dass das Leben eine Reihe von Abschieden ist, ein Gehenlassen, ein Verlust. Und schon deshalb wären wir Hamburger nicht nur die besseren Olympiagewinner, sondern auch die besseren, das heißt eleganteren, versierteren, von der Moderne und ihren Zumutungen erprobten Verlierer.

In Berlin werden Niederlagen ja gern als Triumphe gefeiert. „Arm, aber sexy“ heißt hier bekanntlich die Devise, und es gibt einen befremdenden Stolz auf das Scheitern, das man ausstellt, als sei es eine eigens für Deutschland erfundene Praxis. Noch die schlimmste Inkompetenz, die übelste Fahrlässigkeit lässt sich derart in einen Triumph umdeuten, und tatsächlich sind die Rekordmeldungen aus Berlin jene des Misserfolgs: mehr Armut, mehr Gewalt, mehr Schulden. Auch das Scheitern der Olympiabewerbung wird Berlin als Prä verkaufen, als Bonus der Lässigkeit und Ausweis des Ungerührtseins. Ganz so wie der Klassenrüpel stolz ist, in der Ecke zu stehen, unter dem beifälligen Gekicher der Angepassten, wird Berlin erklären: Mir doch egal. Olympia, ist ja eh nur Mainstream und Kommerz und überhaupt: Sollen sich den Stress lieber andere machen.

Und darauf läuft es wohl auch hinaus – dass das angeblich so feine und schnieke Hamburg diese Aufgabe schultert. Dass man die Ärmel der Barbourjacken und Tweetsakkos hochkrempelt und zupackt und am Ende wieder einmal als Musterknabe der Effizienz dasteht.

Wer ist besser, Hamburg oder Berlin?
Wer Olympia haben will, muss seinen Gästen was bieten. Am besten was zum Mitnehmen. Wie steht's also um die Souvenirkultur in Hamburg und Berlin? Wir haben den Test gemacht. Ein Wettkampf in drei Duellen, Sie entscheiden für sich, wer gewonnen hat. Hamburg beginnt in der Kategorie "Robbi vs. Trabi":Alle Bilder anzeigen
1 von 9Illustration: Jon Frickey für den Tagesspiegel und die "ZEIT"
13.03.2015 19:25Wer Olympia haben will, muss seinen Gästen was bieten. Am besten was zum Mitnehmen. Wie steht's also um die Souvenirkultur in...

Aber wenn, nur mal ganz hypothetisch gesprochen, wenn wir doch verlören, dann käme unsere blaue Seite zum Tragen. Blue Notes nennt man im Jazz die Töne, die den Bluescharakter eines Stückes prägen, und, ja, wir hätten den Blues. Die Stimmung wäre wie in einem Stück von Cole Porter, in das sich, durch eine Verdrehung der Chronologie, die Trompete von Miles Davis gemogelt hat, mit ihrem unsentimentalen und doch ergreifend traurigen Ton.

Der Soundtrack des Hamburger Scheiterns

Tatsächlich wäre das der Soundtrack unseres Scheiterns: ein langsam dahinschlendernder Swing, in den Miles seine dezenten Seufzer tupft. Und so ständen wir da, sagen wir am Baumwall, hinter uns ein Verlagshaus (auch eine Verlustgeschichte), vor uns der Hafen. In der Rechten einen Martini oder, standesgemäßer, einen Grog, in der Linken einen Regenschirm. Der Wind wehte ein paar Blue Notes herüber, und wir spähten in die Ferne und erinnerten uns: so viele Abschiede, so viele Verluste. Eine einzige Ebbe, kultur- und stadthistorisch gesprochen. Was haben wir nicht alles weggegeben? Wen haben wir nicht alles ziehen lassen?

Das Glück sportlicher Triumphe – verabschiedet mit jedem Spiel des HSV. Die Hoffnung auf wissenschaftliche Exzellenz, den Anschluss an die Spitzen-Unis in München und Berlin: ciao, arrivederci, adios. Das Konzept einer konservativen Opposition? Bye-bye, Dietrich Wersich. Überhaupt die Hamburger Politik: Ronald Schill, Populist und Kokainist, mussten wir sogar ins Big-Brother-Haus entlassen.

Grog lindert den Schmerz

Oder die Kultur: Daniel Richter ist weg. Jonathan Meese ist weg. Jan Delay, Tim Renner, die Hälfte von Deichkind – alle auf und davon. Sogar Til Schweiger ist jetzt in Berlin und dreht mit Didi Hallervorden. Selbst das Hamburger Wappentier, der Schwan, ist mittlerweile gefährdet und wenig belastbar: Im Winter droht er, auf der Alster festzufrieren, und die Vogelgrippe zwingt ihn obendrein ins Exil (Zelt).

Ja, wir sind blue, vielleicht sogar ein bisschen blau. (Der Grog tut einfach gut, um den Schmerz zu lindern.) Denn wie wir da so stehen und ins Weite schauen, wird klar: Hamburg war letztlich immer auch eine Hochburg der Verlierer, man hat nur kein großes Aufheben darum gemacht. Hapag Lloyd: Riesenverluste. HSH Nordbank: gerade noch so gerettet mit Staatsgeldern.

Die Reklameszene: von gestern und „unsexy“ (Star-Werber Stephan Rebbe in der „Zeit“). Die Medien: straucheln („Hamburger Morgenpost“), mauscheln („Stern“, „Spiegel“) oder ziehen nach Berlin („Bild“).Das ist überhaupt die schlimmste Einsicht (noch einen Grog, bitte): dass viele nach Hamburg kommen, um von hier aus ins Weite zu ziehen. Das ist die Grunderfahrung der Hafenstadt: dass sie als Tor zur Welt ein Ort der Abschiede ist. Dass sie Fernweh auslöst und die Kulisse darstellt für ein Versprechen – da draußen wartet ein Abenteuer.

Hamburg hat ein Gespür fürs Verlieren

Noch der hässlichste Tanker, das schnödeste Kreuzfahrtschiff sind Sinnbilder für dieses Drängen woandershin. Wo wir sind, wollen sie weg (noch einen Grog, ja?). Hiersein, das ist oft nur das Präludium für den Abschied. Sogar die Möwen machen den Abflug. Die Start-up-Leute sowieso.

Wer außer uns hat so ein tief sitzendes Gespür fürs Verlieren? Wer hat so ein Verlust-Know-how? Und auch wenn wir Olympia kriegen, ist das nur eine weitere Erfahrung des Loslassens. Dann werden sie von überall zu uns nach Hamburg kommen und Sport machen und ihren Spaß haben und wieder von dannen ziehen. Alles schwindet (auch die Sinne, verdammt, der Grog ist aber auch stark!). Alles vergeht.

Nur unsere Kompetenz als heimlicher bester Verlierer, die wird von Tag zu Tag größer.

Berliner verstehen sich aufs Verlieren

Die vornehmste olympische Tugend ist das Dabeisein, eine andere, schöner klingende Vokabel für das Nichtgewinnen, also: Verlieren. Wer versteht sich darauf besser als wir Berliner? Keiner unserer Kritiker wird uns die virtuose Handhabung von Niederlagen absprechen. Wir mögen nicht viel können, aber verlieren können wir wie sonst kaum jemand – auf dem Fußballrasen, in der Hartz-IV-Statistik und vor dem Bundesverfassungsgericht. Das Besondere daran ist, dass wir all diese Rückschläge mit einer ganz eigenen Würde hinnehmen. Der Berliner leidet nicht, der Berliner arrangiert sich, seine Ideologie ist der Pragmatismus. Verlustängste bringen hier niemanden um den Schlaf. Deswegen haben wir auch kein Problem damit, uns in der deutschen Olympia-Vorausscheidung mit Platz zwei zu begnügen. Denn wenn eine Stadt den symbolischen sechsten olympischen Ring für aussichtsloses Dabeisein verdient, dann ist es Berlin.

Eine stolze Stadt mit einer Tradition wie Hamburg ist es gewohnt, den Blick zurück als eine Aneinanderreihung von Erfolgen zu interpretieren. Ist Hamburgs Geschichte nicht die Geschichte einer vermögenden und aufgeklärten Bürgerschaft, eines großartigen Hafens, einer Metropole des Welthandels?

Hertha gegen Dortmund - im guten, alten Olympiastadion
Hertha BSC gegen Borussia Dortmund im Jahr 2000: Choreographie im Olympiastadion (mit dem alten Dach).Weitere Bilder anzeigen
1 von 91Foto: Imago
19.01.2018 07:59Hertha BSC gegen Borussia Dortmund im Jahr 2000: Choreographie im Olympiastadion (mit dem alten Dach).

Hier in Berlin werden wir an jeder Straßenecke an Niederlagen erinnert, beim Betrachten wilhelminischer Protzbauten, nationalsozialistischer Klötze oder der immer noch reichlich vorhandenen Baulücken. Und was das Thema Olympia betrifft: Es gibt da ja eine kleine Vorgeschichte. Es ist jetzt bald 100 Jahre her, dass Berlin zum ersten Mal Olympische Spiele zugesprochen wurden. Es kam dann eine kriegerische Auseinandersetzung dazwischen, wie so oft in der Geschichte dieser Stadt. Die für 1916 geplanten waren die ersten der Neuzeit, die abgesagt wurden (woran die Berliner Regenten nicht ganz schuldlos waren). Die Mächtigen der Welt hatten mit der Jugend anderes im Sinn, als sie zu sportlichen Wettkämpfen zu schicken. Das neue Stadion im Krieg zum Lazarett umgewidmet.

In Berlin ist immer alles das Beste und Tollste

20 Jahre später hat es dann doch geklappt, irgendwie. Die Olympischen Spiele von 1936 pervertierten die olympische Idee und galten lange als das beste Argument für deren Abschaffung. Ein Sportfest, an dessen sportlichen Charakter sich niemand mehr erinnern mag. Weil so etwas nie wieder jemand erleben will, empfinden es viele hier als charmante Idee, sich in der Vorrunde gegen die Nachbarn aus Hamburg zu verabschieden.

Ach ja, die Nazispiele von 1936. Lange her und doch allgegenwärtig. Dafür schämen wir uns bis heute. Damit wir ja nichts vergessen, haben wir das Aufmarschgelände der Spiele unter Denkmalschutz gestellt. Das Olympiastadion von March und Speer ist ein bisschen aufgehübscht worden, aber eben nur ein bisschen. Unser an Niederlagen gewohnter Bundesligaverein muss dort spielen, in einem Stadion, das so ungeeignet für Fußballspiele ist wie kaum ein anderes.

Die Sportstätten Berlins
Im Olympiabad gleich neben an soll um die Wette geschwommen werden.Weitere Bilder anzeigen
1 von 18Foto: promo
01.09.2014 10:15Im Olympiabad gleich neben an soll um die Wette geschwommen werden.

Das fügt sich gut in die Berliner Infrastruktur. Wann U- und S-Bahn fahren, ist manchmal Glückssache. Seit tausend und ein paar Tagen lebt Berlin mit einem nicht eröffneten Flughafen, von dem keiner weiß, ob er jemals eröffnet wird. Aber in vorauseilendem Gehorsam haben wir schon mal einen alten und gut funktionierenden Flughafen geschlossen. Der dafür verantwortliche Regierungschef genießt heute noch vergleichsweise hohen Respekt. Kann sich jemand an eine ernst zu nehmende Anti-BER-Demonstration erinnern?

Unser neuer Flughafen ist vor seiner weiland geplanten Eröffnung als der modernste der ganzen Welt angekündigt worden. Bei uns ist immer alles das Beste und Tollste. So in etwa bekommen wir das in schöner Regelmäßigkeit vom Rest der Welt zu hören. Unsere Hoteliers erzielen jedes Jahr neue Umsatzrekorde, was schon deshalb ein Wunder ist, weil ja eben der Flughafen noch nicht fertig ist.

Berlin ist Berlin, weil es unfertig ist

Die Jugend der Welt kommt ohne Olympische Spiele nach Berlin, und wahrscheinlich hängt auch das mit der von uns perfektionierten Kunst des Verlierens zusammen. In seiner Anhäufung von Unzulänglichkeiten ist Berlin so etwas wie der Woody Allen unter den Weltstädten.

Keiner fährt nach Berlin, um Perfektion und Schönheit und Eleganz zu erleben. Berlin ist Berlin, weil es schmutzig ist und anarchisch und immerfort unfertig. Die Jugend der Welt kommt nicht nach Berlin, um Sieger zu sehen, sondern all die anderen, die nur dabei sein wollen. Das ist unser Erfolgsgeheimnis.

Wenn alle Baulücken geschlossen sind und der Schmutz weggefegt und Kreuzkölln zum Biomusterdorf gentrifiziert ist, dann verliert Berlin den Charme, von dem es schon lange so lange gut lebt. Deswegen wäre es für Berlin gar nicht so unvorteilhaft, im vorolympischen Wettstreit an der Tradition des Verlierens festzuhalten. Eine runderneuerte Olympiastadt Berlin wäre so aufregend und interessant und begehrenswert und überraschend wie, sagen wir, Hamburg.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

2 Kommentare

Neuester Kommentar