Zeitung Heute : Olympia in China – Krieg im Kaukasus

Am Eröffnungstag der Spiele, die dem Frieden dienen sollen, kämpfen Russen und Georgier um Südossetien. Hunderte sterben

Peking/Moskau/Berlin - Am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele in der chinesischen Hauptstadt Peking haben die Konfliktparteien im Streit um die Kaukasusregion Südossetien zu den Waffen gegriffen. Nach dem Beginn einer Offensive Georgiens gegen die abtrünnige Region bombardierte die russische Luftwaffe nach georgischen Angaben Ziele auf georgischem Gebiet. Russland setzte Panzer in Marsch und verstärkte seine Truppen im Nachbarland. Der Präsident der Region Südossetien, Eduard Kokojty, sprach von 1400 getöteten Zivilisten. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes berichtete aus der Hauptstadt Zchinwali: „Alles brennt, vieles ist zerstört.“

Georgiens Präsident Michail Saakaschwili verkündete eine vollständige Mobilmachung und forderte von Russland ein Ende der Bombardierungen. Georgien kündigte zudem den Abzug von tausend seiner im Irak stationierten Elitesoldaten an. Der russische Präsident Dmitri Medwedew und Ministerpräsident Wladimir Putin, der an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking teilnahm, drohten Vergeltung für den Tod russischer Soldaten an und sicherten den zu 90 Prozent russischen Bewohnern Südossetiens ihren Schutz zu. „Wir können den Tod unserer Landsleute nicht ungesühnt lassen“, sagte Medwedew. Die Schuldigen „bekommen die Bestrafung, die sie verdienen“. Das Außenministerium in Moskau wies Berichte über Bombardements in Georgien als „Unsinn“ zurück. Nach georgischen Angaben wurden vier russische Kampfflugzeuge abgeschossen. Das Auswärtige Amt in Berlin gab eine Reisewarnung für Georgien aus.

Mit einem gigantischen Feuerwerk und einer Schau über 5000 Jahre chinesischer Geschichte sind am Freitag die Olympischen Spiele in Peking eröffnet worden. Mit der pompösen Veranstaltung im Beisein von 80 Staats- und Regierungschefs wollte China sich als modernes Land präsentieren, auch einen Schlussstrich unter monatelange Streitigkeiten über Menschenrechte und Tibet ziehen. Bis zum 24. August kämpfen 10 500 Athleten aus 204 Nationen um olympisches Gold in 28 Sportarten.

Kurz vor den Feierlichkeiten hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die weltweite Einhaltung des olympischen Friedens angemahnt. Er rufe alle Kriegsparteien dazu auf, diesem traditionellen Waffenstillstand zu folgen. „Legt die Waffen nieder, zumindest vorübergehend, damit die Menschlichkeit schon einen Anspruch auf Gold hat, noch bevor die Spiele überhaupt begonnen haben.“ Der olympische Friede war in der Antike die Voraussetzung dafür, dass die Olympischen Spiele stattfinden konnten. Die heilige Waffenruhe (Ekecheiria) der Griechen sollte ein unbesorgtes Fest ermöglichen und die unbeschwerte Anreise von Teilnehmern und Gästen sicherstellen. Auch in der Neuzeit fehlte es nicht an Appellen, die aber meist erfolglos verhallten.

Kanzlerin Angela Merkel rief die Konfliktparteien zu Besonnenheit und Zurückhaltung auf. Merkel, die mit beiden Seiten telefonierte, wird am Freitag in Sotschi, wo 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden, mit Medwedew zusammentreffen. Die Grenze zu Georgien liegt 35 Küstenkilometer südlich davon.

Während der südossetische Präsident Kokojty eine georgische Offensive für den Ausbruch der Kämpfe verantwortlich machte, rief Saakaschwili die internationale Gemeinschaft zu Hilfe und sprach von einer russischen Aggression. „Wir sind ein freiheitsliebendes Land, das in diesem Augenblick angegriffen wird“, sagte er dem Sender CNN. Er verglich Russlands Eingreifen zugunsten der abtrünnigen Region Südossetien mit früheren Militärinvasionen der Sowjetunion: „Das ist wie der Angriff auf Afghanistan 1979. Es ist wie damals in der Tschechoslowakei, als die sowjetischen Panzer anrollten.“ Der Präsident warf Moskau vor, das Datum für ihre Angriffe auf sein Land mit Bedacht gewählt zu haben. „Man sieht, wie gut der Moment ausgewählt wurde: Es sind Olympische Spiele, niemand kümmert sich um Politik.“ Die USA sind nach eigenen Angaben von Georgien nicht um Hilfe gebeten worden.

Die Bergregion im Südkaukasus wird wirtschaftlich von Russland unterstützt, gehört aber völkerrechtlich zu Georgien. Saakaschwili hatte Russland die schleichende Annektierung vorgeworfen. Moskau hatte die Bürger in Südossetien mit russischen Pässen ausgestattet.

Die Feier in Peking verfolgten eine Milliarde Menschen im TV. Chinas Staatschef Hu Jintao eröffnete die Spiele um 17 Uhr 36 mit der Formel „Ich erkläre die Olympischen Spiele von Peking zur Feier der 29. Olympiade neuer Zeitrechnung für eröffnet“. Zuvor sagte IOC-Präsident Jacques Rogge, China habe lange davon geträumt, seine Tore für die Sportler der Welt zu öffnen. „Heute wird dieser Traum Wirklichkeit.“ Den Konflikt im Kaukasus erwähnten beide nicht. Li Ning, Chinas dreifacher Turn-Olympiasieger der Spiele 1984, entzündete zum Schluss des längsten Fackellaufs in der Geschichte das Olympische Feuer. Tsp

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