Olympia und Politik : Dem Sport fehlt das Feuer

Robert Ide

Wie sie dastehen, die Sportler mit der erloschenen Fackel in der gesenkten Hand; wie sie hilflos die Schultern heben, die Sportfunktionäre, die plötzlich das Gewissen der ganzen Welt mit sich herumtragen – da können sie einem leidtun. Mit den Olympischen Spielen soll der organisierte Sport die Politik besser machen als sie ist und dabei noch neutral bleiben – an dieser Erwartung kann er nur scheitern. Jacques Rogge ist nicht der Dalai Lama, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat ein Sportfest in Peking zu organisieren, nicht die Tibetfrage zu lösen. Nein, das Problem des IOC ist ein anderes: Wenn man schon die Spiele an eine Diktatur wie China vergibt, muss man danach politisch sensibel denken und klug handeln. Man muss also das Gegenteil von dem tun, was der organisierte Sport bislang getan hat.

Die Funktionäre der Ringe, die derzeit in Peking mit sich ringen, haben sich von China zu sehr vereinnahmen lassen. Als das Regime die Proteste in Tibet gewaltsam niederschlug, war vom IOC nichts zu hören. Stattdessen wurden die Sportler belehrt, wie sie während der Spiele nicht zu demonstrieren hätten; stattdessen wurden die Protestler in Europa belehrt, wie sie während des Fackellaufs nicht zu agieren hätten. Immer lauter wurde das Schweigen des IOC zu den Menschenrechtsverletzungen in China; und als dann Jacques Rogge in dieser Woche endlich eine friedliche Lösung in Tibet anmahnte, war es schon zu spät, zumindest für seine Glaubwürdigkeit. Als Reformer war der Belgier einmal angetreten, von Korruption und augenzwinkernder Kungelei wollte er das IOC befreien, Olympia sollte nachhaltiger werden, auch wertehaltiger. Jetzt stehen die von Russland gekauften Winterspiele 2014 von Sotschi in der Bilanz – und das Desaster um den längsten Fackellauf aller Zeiten, der wohl der letzte weltumspannende gewesen sein wird.

Ja, die Spiele sollten in China stattfinden, im bevölkerungsreichsten Land der Erde, beim auch ökonomisch hofierten Aufsteiger. Das Sportereignis lenkt die kritischen Augen der Welt nicht nur auf das neue Olympiastadion, sondern auch auf den Platz des Himmlischen Friedens und auf das Leid in Lhasa. Und natürlich sollen Sportler nicht im Stadion mit politischen Plakaten umherlaufen, denn wo wollte man dabei die Grenze ziehen? Sport sollte nicht boykottieren, während Politik und Wirtschaft weiter ihrem Geschäft nachgehen, Sport sollte sich neutral verhalten. Unpolitisch aber ist Sport deshalb nicht – wenn er sich jetzt schmollend auf diese Position zurückzieht, ist das nicht ehrlich. Schon die Vergabe nach Peking war ein politisches Symbol, sie wurde ja auch mit der angestrebten Öffnung Chinas begründet. Wenn China aber nun olympische Symbole zur Propaganda missbraucht und derweil weiter Oppositionelle inhaftiert, Demonstranten niederknüppelt, die Presse behindert und die Visaregeln verschärft, muss das IOC deutlicher als bisher protestieren und sich von den Tätern distanzieren. Es hat auch auf der Hoheit der olympischen Symbole zu beharren. Warum muss der Fackellauf unbedingt durch Tibet gehen, warum das Verbot politischer Werbung nur für Sportler gelten, nicht aber für Chinas Funktionäre? Gerade jetzt, vier Monate vor der Eröffnung, ist der Spielraum des IOC noch groß, das Regime mit klarer Kritik unter Druck zu setzen. Ausladen kann China die Welt nicht mehr.

Das Feuer für Sommerspiele, welche eine Öffnung Chinas forcieren, haben die Machthaber in Peking gelöscht. Das IOC hat dabei zugesehen. Das ist der politische Fehler des Sports.

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