Zeitung Heute : „Olympiastadion, alles aussteigen“

Mit der U 2 fahren jeden Spieltag Tausende von Fans durch den Berliner Untergrund zum Olympiastadion. Trotz des Ansturms der Fans ist von Hektik bei den U-Bahn-Fahrern keine Spur. Mit langjähriger Erfahrung bewältigen die Bahnführer herumturnende Tunesier, hektische Schweden und überfüllte Waggons. Fahrer Lutz Höhne sagt: „Zur Not verständigen wir uns mit Händen und Füßen.“

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Der wird doch wohl nicht darunter?“ U-Bahn-Fahrer Michael Laube blickt mit Adleraugen in den Spiegel der Abfertigungshilfe am Bahnhof Zoo. Ein tunesischerAnhänger turnt gefährlich nah an den Gleisen entlang. Dann Entwarnung, der Sicherheitsabstand ist wieder hergestellt, der tunesische Fan hat sich in den Strom seiner Landsleute eingereiht. In einer Stunde beginnt das entscheidende Spiel der Gruppe H zwischen der Ukraine und Tunesien.

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und steuert in die Dunkelheit der Strecke U 2. „Feinste DDR-Technik aus dem Jahre 1985“, sagt Laube lachend und tätschelt sanft die vor ihm liegenden Instrumente. Ihn bringt nichts mehr aus der Ruhe. Seit rund 20 Jahren ist Laube bereits im Berliner Untergrund unterwegs, doch die WM übertrifft die sonstigen Großveranstaltungen um Längen. Selbst Kirchentage sind kein Vergleich, an Spieltagen herrscht drangvolle Enge in den Zügen zwischen Olympiastadion und City, auch rund um die Fanmeile drängeln sich Tausende in den Bahnhöfen. Das bedeutet höchste Aufmerksamkeit für die Fahrer.

Mit 36 Jahren ist Lutz Höhne noch ein wenig länger als sein Kollege Laube bei der BVG, und auch er hat in diesen Tagen trotz des WM-Stresses die Ruhe weg. Alles besser als Bundesliga, findet er: „Die Hertha-Fans machen Randale in den Zügen und zerstören die Scheiben und Lampen in den Waggons“, berichtet er von seinen Erfahrungen mit den ganz normalen Fußballfans. „Die Jungs hier sind aber alle ganz friedlich“, freut er sich. Bestes Indiz: Keine Sachbeschädigungen oder Personenschäden habe er bislang zu vermelden gehabt.

Auch Höhne ist auf der Strecke der U 2 unterwegs, sein Zug passiert just den Bahnhof Ernst-Reuter-Platz. Aus den hinteren Waggons ertönen Gesänge, Tunesier und Ukrainer liefern sich Gesangsduelle, leichte Vorteile für die sangesfreudigen Tunesier. Die Waggons sind voll, aber nicht überfüllt. Zahlreiche Sonderzüge sorgen an den Spieltagen für Entlastung. Alle zwei Minuten rollen sie in Richtung Olympiastadion.

Auch Michael Laube befindet sich vor dem Spiel in den dunklen Tunneln unter der Stadt. Plötzlich ertönt ein lautes Piepen aus den Armaturen. „Da bin ich wohl ein wenig zu schnell gefahren“, erklärt er grinsend und betätigt routiniert den Bremsschalter vor ihm. Sanft verlieren die Waggons an Geschwindigkeit. Auch Lutz Hönig muss immer wieder abstoppen. „Durch die vielen Fahrgäste schiebt der Zug ganz schön. Da muss man früher bremsen“, gibt er zu Protokoll. Trotz der vielen Schichten während des Turniers geht den U-Bahn-Fahrern der Rummel um die WM noch nicht auf die Nerven. Beide haben zwar keine Tickets fürs Stadion, fühlen sich aber dennoch in das Spektakel eingebunden. „Man bekommt die Stimmung schon von hinten mit“, sagt Laube, der auch beim Spiel der deutschen Mannschaft gegen Ekuador Dienst in der Fahrerkabine geschoben hat. Die Stimmung sei aber so friedlich, da könne man schon entspannt fahren. „Ich hab wenig Sorge, dass etwas passiert“.

Dabei gilt die U 2 mit ihren Umsteigebahnhöfen Zoo, Alexanderplatz, Potsdamer Platz und Wittenbergplatz als die gefürchtetste Linie unter den Fahrern. Bei fast allen Großveranstaltungen befördert sie die Hauptmasse der Fahrgäste. Mitunter mit kuriosen Folgen: Beim Spiel zwischen Schweden und Paraguay stiegen dann auch gleich 8000 Schweden auf einmal am Wittenbergplatz ein und am Theodor-Heuss-Platz spontan wieder aus. Geplant war von den BVG-Strategen eigentlich ein Ausstieg direkt am Olympiastadion. Was nach dem Spiel für gelindes Chaos sorgte, denn die schwedischen Anhänger stiegen, die Macht der Gewohnheit, auch auf der Rückfahrt wieder am Theodor-Heuss-Platz ein, die Enlastungszüge am Olympiastadion warteten vergeblich auf Passagiere.

Trotz aller Sonderzüge kann es dennoch schon mal eng werden auf den Bahnsteigen. Probleme mit der Verständigung mit den ausländischen Fans gab es bisher kaum. „Das klappt alles“, sagt Lutz Höhne, „zur Not auch mit Händen und Füßen.“ Plötzlich wird es wieder hell, denn der Zug hat den Untergrund verlassen und fährt beim Olympiastadion ein. Es ertönt eine leicht modifizierte Durchsage. „Olympiastadion, alles aussteigen. Olympiastadion, bitte zur Kenntnis nehmen“, dröhnt Höhnes Stimme in den Lautsprechern. „Das mache ich immer so. Damit auch alle wissen, dass sie angekommen sind“. Die Taktik scheint zu funktionieren, denn die Fans strömen ins Freie. Sie müssen sich sputen, denn die Partie beginnt in Kürze.

Lutz Höhne hingegen lässt die Schultern sinken, erklärt einem etwas ratlos dreinblickenden Besucher geduldig den Weg in Richtung Stadion. Danach schlendert er entspannt zum anderen Zugende. Für ihn geht es jetzt ohne Fans zurück in Richtung Pankow. Der nächste Großeinsatz ist erst wieder in zwei Stunden, dann ist das Spiel zu Ende, und die Welt ist wieder zu Gast bei Lutz Höhne.Phillip Bittner

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