Zeitung Heute : Olympische Dinge

In Baumwolle holt keiner mehr Gold: Unglaublich, was alleine ein Hemd heute alles können muss. Forscher machen in Laboren Sportgeräte fit für neue Rekorde. Eine Auswahl technischer Wunderwerke.

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Von Marc Neller KANU

Die Baubestimmungen für Kanus haben sich grundlegend verändert. Bis vor vier Jahren mussten die Boote an einer Stelle mindestens 70 Zentimeter breit sein. Wie schmal die Schiffe heute werden dürfen, bestimmen jedoch nur noch die Körpermaße der Athleten; festgelegt sind Mindestgewicht und Bootslänge.

Das Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) hat für den Deutschen Kanuverband eine komplett neue Flotte gebaut. Die Boote haben deutlich bessere Strömungseigenschaften, weil sie mit weniger Fläche im Wasser liegen. Die Folge: weniger Reibungswiderstand, weniger Kraftaufwand, höheres Tempo. Der Kanadier-Einer etwa ist 5,20 Meter lang und wiegt nur noch 16 Kilo. Die Bootsmitte ist mit 30 Zentimetern die breiteste Stelle – weniger als die Hälfte des alten Maßes. Um weniger Wasserwiderstand zu erzeugen, sind die Formen runder geworden. Im Querschnitt ist die Unterseite ein Halbkreis , der sich zu Rumpf und Bug hin verjüngt.Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) hat 1,2 Kilogramm eingespart. Der Rahmen besteht aus Kohlefaser und wurde in einem neuen Vakuumdruckverfahren unter 10 Bar hergestellt (vorher 0,9). Die neuen Laminate sind steifer, deshalb reicht weniger Masse aus. Außerdem ist der Rahmen jetzt aerodynamischer: Im Querschnitt ist das Gestänge tropfenförmig . steckt eine zehn mal zehn Zentimeter große Leuchtdiode (LED). Berührt die Klinge die Trefferzone, schließt sich ein Stromkreis – die LED leuchtet. Das neue System funktioniert schnurlos; bisher waren die Sportler über ein Kabel mit der Trefferanzeige neben der Planche verbunden. Neu ist auch, dass die Maske zu einem Drittel aus dem durchsichtigen Kunststoff Polycarbona t besteht und nicht mehr aus Drahtgeflecht: bessere Sicht.

SPEER

Ab 1984 wurde Technik bei Speeren zunächst eingesetzt, um die Leistung zu minimieren statt zu maximieren. Damals hatte der Potsdamer Uwe Hohn unvorstellbare 104,80 Meter geworfen. Der Verband (IAAF) fürchtete um die Sicherheit anderer Athleten und verfügte, den Schwerpunkt der Speere nach vorn zu verlagern. Denn: Je weiter hinten der liegt, desto weiter fliegt der Speer. Heute muss der Schwerpunkt bei 90 bis 106 Zentimeter hinter der Spitze liegen. Nur das Material ist beim Speerbau nicht vorgeschrieben. Und darin besteht die Kunst: 800 Gramm auf 2,70 Meter Länge so zu verteilen , dass die Speere möglichst die 100-Meter-Marke erreichen. Die neuen Speere des schwedischen Herstellers Nordic, „Nordic Orbit Carbon“ und „Nordic Champion Carbon“, gelten als Garant dafür. Hier liegt der Schwerpunkt bei 105,8 Zentimetern, in der vorderen Griffhälfte. Und: Das Carbon ist deutlich fester als Alu oder Stahl. Dadurch schwingt es weniger und bietet kaum Luftwiderstand . Ein Aluspeer dagegen schwingt im Kopf- und Schwanzbereich bis zu 30 Zentimetern, bremst die Geschwindigkeit und kostet Weite.Aus einer Untersuchung des britischen Nationalmuseums für Naturgeschichte über Haie war die Idee für den „Speedo Fastskin FS II“ entstanden – einen Ganzkörperanzug aus 80 Prozent Nylon und 20 Prozent Lycra. Das Besondere: Die künstliche Haut weist Hunderte von unterschiedlich großen, V-förmigen Nylon-Spoilern auf und wurde so der Haut von Haien mit ihren unzähligen Dermaldentikeln, also Hautzähnchen, nachempfunden. Dazwischen verlaufen winzige Kanäle, die den Strömungswiderstand der Körperoberfläche verringern sollen, vor allem in der Tauchphase nach dem Start: Es falle um bis zu acht Prozent weniger Reibungswiderstand gegenüber Menschenhaut an, heißt es.

An den Unterarmen sind die Spoiler aus einem Silikon-Titan-Gemisch und rund. Sie erfüllen eine ähnliche Funktion wie die Unterarm-Behaarung. Sie sollen das Gefühl dafür leiten, ob sie das Wasser „gut greifen“ können. Die Anzüge wurden in computergestützten Strömungsanalysen mit virtuellen Schwimmern getestet. Das Verfahren wird auch in der Luft- und Raumfahrt verwendet.hat „adidas“ das „ClimaCool“-Trikot entworfen – und drei Prozent Silber eingewoben: Das wärmeleitende Material soll helfen, die heiße Luft aus dem Trikot zu schaffen. Neu ist auch der Versuch, mit einer Art Stoffschlaufe auf dem Rücken und höheren Nähten möglichst viel Trikotfläche von der Haut fernzuhalten. So soll sich eine kühlende Luftschicht bilden. Zudem verlaufen die Nähte von der Taille zum Hals hin in Flaschenform – wie ein Kamin . Das soll helfen, die Luft nach oben hin aus dem Trikot zu leiten. Wie die meisten Firmen verarbeitet auch „adidas“ Mikrofasern aus Polyester, und zwar in zwei Schichten: Die innere saugt den Schweiß auf und gibt ihn an die äußere weiter. Diese verteilt den Schweiß auf die gesamte Trikotfläche. Der Effekt: weniger Schweiß auf einer Stelle, schnellere Trocknung. Pebax, einem besonders steifen Kunststoff. Er hat Carbon als Sohlenmaterial abgelöst, weil er ähnlich steif ist, aber günstiger und besser modellierbar. Grundsätzlich gilt: Mit harten Sohlen sind Läufer schneller. Und: Je kürzer der Bodenkontakt, desto geringer der Energieverlust und desto höher die Geschwindigkeit.

Die 100-Meter-Distanz legen Spitzensprinter mit bis zu 40 Stundenkilometern zurück. Ihre Vortriebskraft verschaffen sie sich innerhalb von Zehntelsekunden , so lange berührt der Fuß die Bahn. In dieser Zeit darf er möglichst nicht federn und Energie vergeben. Die Hersteller bieten unterschiedliche Lösungen an. Adidas schickt seine Läufer mit dem „Demolisher II“ an den Start, dessen Pebax-Vorfußplatte mehrere Millimeter dick ist, mit bis zu einem Zentimeter hohen Längsrillen. Die Rillen sollen die Fläche minimieren, die während des Laufs den Boden berührt, die Platte zusätzlich versteifen und verhindern, dass die Ferse den Boden berührt. Um zu verhindern, dass der Fuß seitlich wegrutscht, hat der Schuh jetzt auch acht Spikes (Metalldorne), statt sechs wie bisher üblich.

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