Zeitung Heute : Olympisches Dorf soll Fußballschule werden

Der Tagesspiegel

Von Claus-Dieter Steyer

Elstal. Für das seit fast zehn Jahren brach liegende Gelände des Olympischen Dorfes von 1936 in Elstal am westlichen Berliner Stadtrand gibt es neue Pläne: Eine weltweit einzigartige Fußballschule soll auf dem rund 130 Hektar großen Gelände gebaut werden. 1000 Kinder und Jugendliche könnten dort von 60 bis 70 Trainern auf 28 Fußballplätzen oder in einer Mehrzweckhalle unterrichtet werden. Weiter sehen die Pläne ein Sporthotel, Schulen, eine Ambulanz und zahlreiche Unterkünfte vor.

Entworfen wurde die sportliche Zukunft des bis 1992 von den russischen Streitkräften genutzten Olympischen Dorfs von der Demex Systembau GmbH, die in der Nachbarschaft das Designer Outlet Center Wustermark betreibt und eine Kaufoption für das Gelände besitzt. Eigentümer ist die Deutsche Kreditbank, die die Immobilien vor einem Jahr von der in finanzielle Schwierigkeiten geratene Landesentwicklungsgesellschaft Wohnen übernommen hatte.

Demex-Geschäftsführer Marc Schulten erläutert die neuen, ehrgeizigen Pläne: „Wir lehnen uns stark an amerikanische Nachwuchszentren für Basketball und American Football an“ – wo Nachwuchs in großen überregionalen Zentren gefördert werde. „Anfangs würde die Kapazität bei 250 Kindern liegen, später bei 1000“, sagt Schulten. Die Kinder und Jugendlichen würden hier täglich drei Stunden trainieren und in den Schulen das Abitur ablegen oder eine Berufsausbildung absolvieren können. Beim Verein Historia Elstal, der sich um die Rettung des Olympiadorfs kümmert, kommen die Pläne gut an: „Eine sportliche Nutzung wäre das Beste“, sagt Sprecher Fritz Wandt.

Unklar ist allerdings noch, wer das Nachwuchszentrum betreiben soll. Zunächst sei Demex an den Deutschen Fußballbund (DFB) herangetreten, um ihn als Partner zu gewinnen. Doch: „Leider hat der DFB unser Konzept nach mehrmonatiger Prüfung abgelehnt“, so Geschäftsführer Schulten. Er verweist auf ein Schreiben des DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. Die föderale Struktur der Nachwuchsförderung spreche gegen ein zentrales Leistungszentrum, hieß es darin. Offenbar wollen die Bundesländer auf ihre Talente-Stützpunkte beharren. Möglicherweise steht hinter der Absage aber auch der langfristige Sponsorenvertrag mit der Firma Adidas. Denn: Als Investor für das rund 175 Millionen Euro teure Vorhaben steht Konkurrent Nike bereit. Der Sportausstatter betreibt im Designer Outlet Center bereits ein großes Geschäft. Aufgeben will Demex nicht: „Jetzt suchen wir nach neuen Interessenten für unsere Idee“, kündigt Schulten an. In Frage kämen als Betreiber nicht nur der Europäische Fußballverband UEFA und die Weltfußballorganisation FIFA, sondern auch Firmen oder Privatleute.

Derzeit liegt der größte Teil des von 1934 bis 1936 unter Leitung von Werner March erbauten Olympischen Dorfes im Dornröschenschlaf. Gleich nach dem Ende der Spiele hatte die Wehrmacht das Gebiet für eine Infanterieschule übernommen, ehe nach Kriegsende russische Soldaten einzogen. Große Teile des Geländes sind inzwischen fast zerfallen, von den 135 Sportlerbungalows sind nur noch 20 erhalten. Die Schwimmhalle fiel einem Brand zum Opfer, die Turnhalle ist dagegen noch nutzbar. Im Speisesaal der Nationen, in dem die rund 3500 männlichen Olympioniken aus 56 Ländern versorgt worden waren, regnet es durch. Die Instandsetzung des Rundbaus musste wegen Geldmangels auf halber Strecke unterbrochen werden. Ebenso verschwanden Pläne für ein Hotel, ein Kongresszentrum oder eine Klinik in der Versenkung. Von den Vorhaben, hier Tausende Wohnungen zu bauen, ist ebenfalls keine Rede mehr.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar