Zeitung Heute : Oma Mina

Ochsenmaulsalat für Berliner Schwaben

Elisabeth Binder

Oma Mina, Marlene-Dietrich-Platz 1, Mitte, Tel. 259 294 54, geöffnet täglich ab 18 Uhr, außerdem Sonntag bis Freitag von 12 bis 15 Uhr. Foto: Mike Wolff

Am originellsten war der Wurstsalat „Sauer macht lustig“: sah aus wie ein Berg rosafarbene Spaghetti. Lange dünne Streifen Schinkenwurst, durchsetzt mit winzigen Zwiebelwürfeln, dazu Salatblätter im korrespondierenden Sauer-Dressing. Dass es Sauer-Empfindlichen wohl einen Tick zu lustig gewesen wäre, machte das köstliche Zungenerlebnis der Wurstschlangen wieder gut.

Oma Mina ist ein kleines, unauffälliges Restaurant am Potsdamer Platz, das sich nicht um Publicity mühen muss, denn es war von der ersten Stunde an Kult. Genau genommen schwärmten Berlins Schwaben schon, als sich die Nachricht verbreitete, dass es eine Dependance von Jörg Minks Stuttgarter In-Lokal auch in Berlin geben wird. Es ist ein sehr feines, wenngleich nicht fein gemachtes Restaurant draus geworden, das die Betreiber selber mit schwäbischem Understatement „Gaststube“ nennen. Mit seinen dunklen Holztischen vor tiefgrünen Polsterbänken und der halboffenen Küche strahlt es eine moderne und trotzdem gediegene Gemütlichkeit aus. In Schwaben nennt man diese Art von Ambiente heimelig. Der kühle, saubere Sekt „Oma Mina“ macht seiner Namenspatronin wirklich nur Ehre (4,50 Euro). Der Service ist sehr freundlich, zeigt freilich eine leichte Neigung, sich an den Tischen der Stammkunden zu verquatschen, was menschlich verständlich ist, denn wenn ich meine schwäbischen Freunde richtig verstanden habe, ist dies nicht nur eine Futterstelle, sondern auch so eine Art Tankstelle für heimwehgequälte Seelen.

Dafür beherrschen sie hier die Kunst, eigentlich schwere Klassiker der deutschen Küche so pittoresk in Szene zu setzen, dass sie wirken wie die hippen Leichtigkeiten der internationalen Kreativ-Stars. Saure Kutteln und Ochsenmaulsalat bedienen den fortgeschrittenen schwäbischen Appetit. Die Art, wie die Sülze vom Tafelspitz aufgeschnitten ist, hauchzarte Rechtecke, dünnen Teekeksen ähnlich, und sorgfältig übereinander geschichtet, girlandig geschmückt mit dem Senf-Dill-Sößle macht schon dem Auge Spaß. Die Sache selbst zergeht förmlich auf der Zunge. Dazu gibt es frisches und auch noch spitz zugeschnittenes Graubrot (4,50 Euro in der Vorspeisenportion). Zugegeben, wir haben die Maultaschen nicht mit gleicher Andacht gegessen wie die entwurzelten Stammgäste. Aber sie sind so frisch und so pikant wie sie sein können (10,90 Euro). Es gibt sie in verschiedenen Varianten, Sahnelinsen passen nach meinem Gefühl besonders gut. Nicht nur, weil sie hier mit Linsen umgehen können, was keine Selbstverständlichkeit ist, sondern weil mich Linsen aus irgendeinem Grunde immer an das schöne schwäbische Wort „Kehrwoche“ erinnern.

Das einzige wirklich ländleübergreifende Gericht auf der Karte ist der Salatteller mit gebratener Hähnchenbrust, und auch der ist in seiner Art ein wildromantisches Gedicht. So zartes Hähnchen! Der Salat könnte etwas weniger blättrig sein, ich hätte mir in diesem Ambiente schon eine kleine Zugabe von Rettich oder Möhren gewünscht, oder gar einen kleinen Klacks von dem viel gerühmten Kartoffelsalat. Gerade Schwaben sollten bei Salattellern den herrschenden Kaninchenfutter-Trend überwinden und ein Bekenntnis zu mehr Substanz ablegen (8,50 Euro).

Der Nachtisch machte es lässig wett. Es gab ein Stück von Oma Minas Hefezopf mit Butter und Himbeermarmelade. Das klingt nicht gerade nach ausgereifter Delikatesse, schmeckt aber so (2,50 Euro). Wirklich, die einfachen kindlichen Genüsse, in einem Großstadtrestaurant wieder entdeckt, könnten auch einem Nordlicht glatt das Herz schmelzen lassen. Die mit Zimt gebackenen Apfelringe waren zwar auch gut, aber mir persönlich zu zuckrig ringsum, dafür passten sie stilistisch gut zur Eisbahn nebenan. Obwohl sie ihr eigenes sanftes Vanilleeis dabei hatten (5,90 Euro). Dass die Auswahl der offenen Weine von großer Verwurzelung im Süddeutschen spricht, aber gerade deshalb tadellos ist, ist fast überflüssig zu erwähnen. Irgendwie schmeckt der Trollinger hier so, als käme er aus dieser Gegend. Was bitte unbedingt als Kompliment zu verstehen ist.

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