Zeitung Heute : Onkel Lou in Öl

Der Tagesspiegel

Lou Reed und kein Ende: Nach dem dreitägigen Berlin-Besuch des 60-jährigen Velvet-Underground-Veteranen vorige Woche, bei der er ebenso sympathisch wie arrogant einer schüchternen Journalistenschar im „Piano Saal“ des Grand Hyatt Hotel auf dem Podium von oben herab ein paar Watschen verteilte und sich dann zur Aufführung seiner „Metal Music Machine“ durch das Berliner Zeitkratzer-Ensemble zehn Minuten auf der Bühne im Haus der Festspiele blicken ließ, gibt es heute eine Vernissage mit Porträts vom Onkel Lou in Öl.

In der ehemaligen Galerie Nothelfer in der Uhlandstraße feiert der Stuttgarter Galerist Peter Herrmann seinen Einstand mit Marie Pittroffs Hommage an Lou Reed „Thanks for Inspiration“ . Fasziniert von der schillernden Brooklyner Rock-Ikone mit den tausend Gesichtern übertrug die Mainzerin mit dem Pinsel Pressefotos auf Leinwände. Fotorealistische Gemälde entstanden, nun denn. Nicht, dass die Malerin etwa die Bravo abonniert und gern geile Reed-Bildchen als Vorlagen herausschnipselt. „Nein, ich komme von der Literatur“, betont Marie Pittroff, „die Beat-Generation, Bouroughs, Camus, Sartre und all die anderen Heroen Lou Reeds haben auch mich stark geprägt“.

Der silbrige Schimmer auf Pittroffs Gemälden erinnert an New York, das Reed einst als „seine DNS“ bezeichnete. Andy Warhols Factory, damals noch „Silver Factory“ genannt, mit Silberfolie ausgekleidet, mit Silberspray besprüht, auch die Fenster; immer Nacht, immer Neonlicht. Ein Drogennest für Speedfreaks, Aussteiger, Transen, verkannte Künstler, alle dropouts, und deshalb zugleich Anziehungspunkt für den jungen Geldadel mit Hang zur Dekadenz. Man mischte sich, man fotografierte sich dabei, filmte und tanzte.

Was also liegt für die Partyfee Britt Kanja näher, als mit dem Galeristen Peter Herrmann, übrigens ein Experte für afrikanische Kunst, eine Lou-Reed-Party im 90 Grad zu zelebrieren. „Art goes Party“ untertitelt Kanja ihr „Bloom for Spring“ mit der Tänzerin Panthera. Ein lüsternes Revue-Girl mit Opiumblick und Feder vor der Scham wirbt für den Abend. Wenn das Ganze nicht so banal und Lou Reed schon tot wäre, hätte er Gelegenheit, sich im Grabe umzudrehen. Doktor Mudd, einst Weggefährte von Lou Reed, hat zum Beispiel gar nicht erst versucht, den alten Kumpel in seinen Mudd-Club zu holen. „Schnee von gestern“, sagt er und winkt müde ab. schirm

Bildinstallation von Marie Pittroff, Vernissage Hommage an Lou Reed „Thanks for Inspiration“ heute 20-22Uhr. Die Ausstellung selbst ist bis zum 4. Mai 2002 geöffnet. Die Lou-Reed-Party „Bloom for Spring“ mit Britt Kanja im 90 Grad beginnt am Freitag ab 23 Uhr.

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