Zeitung Heute : Online-Glücksspiele: Spiel ohne Grenzen

Holger Schlösser

Das Casino befindet sich in Antigua, einem kleinen Inselstaat im Osten des Karibischen Meeres. Elegant geschwungene Holzvertäfelung im Jugendstil, vereinzelt durchbricht Blattgold das Dunkelgrün der Wände. Ein gediegenes Ambiente, in dem man gerne ein hübsches Sümmchen auf den Kopf haut. Roulette soll es sein. Der Groupier spricht mit leichtem Akzent: "Place your bets, Ladies and Gentlemen!" Die Jetons klicken gedämpft auf dem Filz - 50 Dollar auf die 25. Nichts geht mehr.

Die Elfenbeinkugel rollt und bleibt auf der 29 liegen. Knapp daneben. Noch ein Versuch, diesmal 50 Dollar auf die ungeraden Zahlen. Es klappt! Immerhin 50 Dollar gewonnen. Das gleiche Spiel nochmal: "14, even" - das Geld ist wieder futsch. Die Ernüchterung folgt prompt: Statt karibischer Meeresbriese hört man nur den Lüfter des heimischen Rechners und statt Cocktails gibt es Bier aus dem Kühlschrank. Die Vorzüge des Lebens auf den Antillen können nur die Betreiber des Kasinos schätzen, denn Casino-On-Net ist nur eine von vielen Websites, die das große Glück im Internet versprechen - und sich eine Spiel-Lizenz in der ehemaligen britischen Kolonie sicherten. Der Zocker selbst sitzt irgendwo in der Welt vor seinem PC.

Wer spielen will, fliegt heute nicht mehr nach Vegas, sondern geht online. Die Illusion eines vornehmen Spielcasinos lädt man sich als ein etwa fünf Megabyte großes Software-Paket aus dem Netz. Eine Kleiderordnung gibt es nicht, doch Java sollte man im Browser aktivieren. Wie im echten Casino kann man sein Geld bei Roulette, Blackjack oder Poker riskieren. Die Ästhetik ist PC-Spielen entliehen und setzt auf Multimedia: Die Jetons klicken, die Spiel-Karten fliegen, die Kugel sucht lärmend ihren Weg.

Auf den meisten Websites geht es zwar auch ohne Einsatz von Barem, doch Geld macht für viele Zocker erst den eigentlichen Reiz des Spiels aus. Wer ernst machen will, muss sich anmelden, ein Konto bei dem Casino eröffnen und seine Kreditkartennummer angeben. Echtes Geld wird zu digitalen Jetons, Gewinne werden per Barscheck übersandt, Verluste vom Konto abgebucht. Ob dabei alles mit rechten Dingen zugeht, lässt sich - anders als in echten Casinos - kaum nachprüfen. Neben der Spiellust ist eine Brise Gutgläubigkeit daher durchaus Voraussetzung. Einige Betreiber setzen immerhin Verschlüsselungssysteme bei den Finanztransaktionen ein. Ansonsten muss dem Zocker der bloße Hinweis auf den "ultimativen Zufallsgenerator und faire Gewinnquoten" zur Beruhigung genügen. Bei Problemen kann man eine E-Mail oder ein Fax nach Antigua schicken. Ob das reicht?

Brot und Spiele gehörten schon für die Römer zur Natur des Menschen. Daran hat sich wenig geändert - außer, dass heute das Geschäft im Internet boomt. Waren es 1995 lediglich 40 Websites, so soll es Schätzungen zufolge heute rund 700 Online-Casinos geben. Und das obwohl Glücksspiel in den meistern Staaten der Welt illegal ist - jedenfalls außerhalb der staatlich monopolisierten und äußerst einträglichen Freizonen.

Viele Unternehmen verlegen deshalb ihren Firmensitz in exotische Länder wie Costa Rica oder eben Antigua und Barbuda - Rechtsoasen, wo das Internet-Glücksspiel weitgehend unreguliert ist. Doch selbst innerhalb Europas ist die rechtliche Situation alles andere als einheitlich. Auf Bet11.com kann man beispielsweise mit Geld auf alles wetten, was die Gemüter der Promi-Welt bewegt: ob Lothar bei seinem Abschied von Bayern München ein Lied trällert oder Angela Merkel zum Friseur geht. Der Betreiber, die allo AG in Salzburg, besitzt Lizenzen vom österreichischen Staat, um als Buchmacher auftreten zu können. "Die deutschen Spieler, die bei uns mitmachen, profitieren dabei von der rechtlichen Grauzone, in der sich das Internet befindet. Sie können trotz Glücksspielverbot im eigenen Land ungehindert bei uns wetten", erklärt Yara Wortmann, 30, Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Unternehmens.

Im Online-Glücksspiel kristallisiert sich ein Problem, das alle Staaten gleichmaßen im Informationszeitalter haben: Wie kann man Internet-Aktivitäten kontrollieren, die zwar die eigene Bevölkerung betreffen, aber ihren Ursprung hinter der Landesgrenze haben? In Australien, bislang bekannt für seine laxe Einstellung zum Thema Glücksspiel, denken Politiker gerade laut darüber nach, ob man neue Lizenzen für Online-Casinos erst einmal auf Eis legen sollte. Solange jedenfalls, bis man sich einen Überblick über die sozialen und ökonomischen Kosten des Internet-Gambling verschafft hat. Auf Proteste musste man nicht lange warten. Bis zu 4,5 Milliarden Dollar würde die Internet-Glückspiel-Industrie in Australien pro Jahr verlieren, wenn das Moratorium beschlossen wird, sagte ein Fachverbandssprecher dem Nachrichtenmagazin Wired.

Ähnlich denkt man wohl auch in Deutschland, wo es bislang noch keine entsprechende Lizenzen gibt. Doch die Unternehmen stehen in den Startlöchern. Ganz legal kann man bereits bei Anbietern wie tipp24.de oder jaxx.de übers Netz Lotto spielen. Der Trick dabei: Die beiden Unternehmen vermitteln nur die Dienste des deutschen Lotto- und Toto-Blocks und bieten kein eigenes Glücksspiel an. Demnächst sollen auch erste Roulette-Kugeln durchs deutsche Internet rollen. Die Spielbank Hamburg hat gute Chancen, als erstes Casino ins Netz zu gehen - ganz legal. Im Falle einer Genehmigung soll das eigentliche Spiel nicht virtuell stattfinden, sondern am realen Spieltisch in der Hansestadt. Zur Kontrolle durch die Spieler überträgt eine Kamera das Geschehen im Spielsaal ins Internet.

Schwieriger als die technische Entwicklung war die "Abbildung der juristischen Gegebenheiten", gesteht Hegge. Schließlich soll die bestehende Lizenz des Casinos nicht aufs Spiel gesetzt werden. 4 bis 5 Millionen Mark wurden bislang in das Projekt investiert, doch wann die Spielbank die erste Mark online verdient, steht in den Sternen. Das Projekt wird zurzeit von der Finanzbehörde Hamburg geprüft.

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