Zeitung Heute : Online-Journalismus: Seriös und sexy

Jutta Heess

"Ihre Zukunft als Online-Journalist" - die Akademie für Neue Medien in Kulmbach wirbt vielversprechend und bildstark: Die Anzeige ziert eine verkabelte Frau im bauchfreien Top mit Headphones und Digi-Cam; die Finger allzeit bereit am Laptop. Hat man sich so den Online-Journalisten vorzustellen, als dynamischen, sexy Web-Reporter?

Die Realität sieht anders aus. Das Genre ringt um eine Definition seiner selbst. Auch wenn die Journalistenschulen in Hamburg und München "Schreiben für Internet"-Kurse anbieten und an der Fachhochschule Darmstadt im Wintersemester der Studiengang Online-Journalismus ins Leben gerufen wird, fragt man sich: Was ist eigentlich Online-Journalismus? Ist jeder, der einen Text ins Netz stellt, schon ein Online-Redakteur? Und ist der Online-Journalismus der Journalismus der Zukunft?

Genau diese Fragen versucht das Adolf Grimme Institut am 22. Juni bei der Fachkonferenz "Kompetenz im Netz" in Köln zu beantworten. Experten und Journalisten werden über den aktuellen Stand und die Perspektiven des Online-Journalismus diskutieren. Am Tag darauf wird erstmals der Grimme Online Award für fernsehbezogene Internet-Angebote verliehen.

Der Blick ins Netz zeigt, dass viele journalistische Web-Angebote bemüht sind, mehr zu bieten als die Inhalte des Muttermediums und einen im Minutentakt aktualisierten Nachrichtendienst. "Gerade bei den großen Tageszeitungen zeichnet sich der Trend ab, zweigleisig zu fahren", erklärt Christoph Neuberger, Experte für Online-Journalismus an der Uni Eichstätt. "Neben der 1:1-Übernahme der Print-Inhalte gibt es eine Online-Redaktion, die exklusiv berichtet." Konvergenz und Cross-Media-Effekte sind zwar gängige Schlagworte, aber Unabhängigkeit wird noch größer geschrieben. Im Gegensatz zu reinen Netzzeitungen wie www.netzeitung.de oder www.actuell24.de , deren Programm über Agenturmeldungen kaum hinausgeht, wollen die Zeitungen ihren Websites ein individuelles Gesicht geben.

So hat zum Beispiel die "Süddeutsche Zeitung" vor zwei Monaten ihre Seite relauncht. Rund 25 Online-Redakteure kopieren nicht bloß Nachrichten ins Netz, sondern verfassen eigene Artikel, die für die publizistische Internet-Welt erstaunlich lang sind. Die Digi-Süddeutsche, die mit monatlich rund 12 Millionen Page-Impressions die am häufigsten angeklickte deutschsprachige Tageszeitung im Internet ist, bietet zudem zahlreiche Dossiers, die Artikel und Informationen sowie weiterführende Links zu ausgewählten Themen bündeln. "Wir sind nicht mehr so stark an den Ticker-Junkies interessiert", sagt Chefredakteur Patrick Illinger. "Bei den kleineren und mittleren Zeitungen tut sich allerdings nicht so viel", ergänzt Christoph Neuberger. "Die Homepages sind im Wesentlichen Übertragungen aus der Print-Ausgabe." Doch bei den großen Zeitungen zeichnet sich ein Trend ab: Weg vom digitalen Recycling, hin zur exklusiven Berichterstattung. Die Verlage lassen sich die Aufrüstung im Web einiges kosten: Die "Neue Zürcher Zeitung" hat im letzten halben Jahr knapp fünf Millionen Mark in das neue Medium gesteckt. Noch mehr war der "FAZ" ihr Online-Auftritt wert: 20 Millionen Mark wurden in eine aufwendige Seite investiert, die von über 40 Online-Journalisten gepflegt wird.

An der Spitze der Internet-Engagierten steht der Axel Springer Verlag - der Netzauftritt der "Bild"-Zeitung hat 70 Millionen Mark gekostet. Das Ergebnis ist ein Erotik-Portal. Das wird sich nach Aussage des Online-Chefs Udo Röbel bald ändern: Bis zum Sommer soll eine 100-köpfige Redaktion den Cyberspace mit seriöseren, von der Print-Ausgabe unabhängigen Inhalten füllen, tatkräftig unterstützt von T-Online. Der größte deutsche Online-Dienst wird 37 Prozent der Kosten übernehmen. Wobei diese Verquickung mit dem Kommerz Zweifel an einem unabhängigen Journalismus aufkommen lässt.

Überhaupt erweist sich die Tochterfirma der Deutschen Telekom als Förderer und Nutznießer des Online-Journalismus. Neben der Kooperation mit der Bild-Zeitung geht T-Online auch eine Allianz mit der heute-Redaktion des ZDF ein. Ab August wird der User unter der Adresse www.heute.t-online.de einen werbefreien Nachrichtendienst finden. Hierbei sollen verstärkt bewegte Bilder angeboten werden. Und die ARD zieht nach, indem sie ankündigt, dass die Website der "Tagesschau" mit Hilfe der eigenen Radioprogramme bis zum Herbst als großes Nachrichtenportal ausgebaut wird. Die privaten Sender investieren schon lange kräftig in ihre Online-Auftritte - heraus kommt jedoch meistens kein journalistisches Angebot, sondern eine Entertainment-Plattform, auf der Banner-Werbung flimmert.

Trotz Definitionsschwierigkeiten steht fest: Es kommt Bewegung in das Genre. Obwohl die Schreckensmeldungen aus den USA, wo große Medienunternehmen im Online-Bereich kräftig gekürzt haben, ein mulmiges Gefühl hervorrufen, stecken die deutschsprachigen Zeitungen und Sendeanstalten viel Geld in ihren Internetauftritt. Doch die Möglichkeiten des Online-Journalismus sind noch lange nicht ausgeschöpft. Denn immerhin ist die Berichterstattung im Netz frei von Sendeplätzen und Redaktionsschlüssen sowie von vorgegebenen Beitragslängen und Layoutvorschriften. Zudem ist das Internet das einzige wirklich interaktive Medium, das dem Leser und Zuschauer ermöglicht, unmittelbar Stellung zu nehmen. Die besten Voraussetzungen also, um einen neuen Journalismus zu praktizieren? Neben den ökonomischen Bedingungen und den technischen Voraussetzungen eines jeden Anbieters spielt nach Ansicht von Christoph Neuberger der Aspekt der Ausbildung und der Kreativität eine wichtige Rolle. "Die Redaktionen müssen sich mehr trauen und sich überlegen, wie man neue Darstellungsformen für das Internet entwickeln könnte." Sind wir also doch wieder bei der hippen Web-Reporterin im kurzen Hemd? Der Kölner Kongress wird weitere Antworten geben.

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