Zeitung Heute : Online-Junkies sind seltener als befürchtet - Jeder 33. Surfer ist süchtig

Christine Wittenzellner

Mehr scherzhaft hat der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg vor einigen Jahren den Begriff "Internetsucht" geprägt. Aus dem Spass wurde Ernst. Weil Online-Nutzer von der Maus nicht mehr wegkommen, gehen Partnerschaften in die Brüche, gibt es Probleme im Beruf, versagen junge Menschen in Schule und im Studium, oder sie verschulden sich übermäßig. Die Warnungen kommen vor allem aus den USA. Dort gab es in den vergangenen zwei Jahren mehrere Studien, die unterschiedliche Ergebnissen präsentierten.

Die Bandbreite derer, die als süchtig bezeichnet wurden, reicht von 5,7 bis 17 Prozent der Online-Nutzer. Eine großangelegte Studie an der Humbold-Universität in Berlin gibt jetzt mit ersten Daten Entwarnung. Die Psychologen kamen zu einem Ergebnis von 2,5 bis 3 Prozent derer, die sie als internetsüchtig einstuften. An der Online-Studie ( www.internetsucht.de ), beteiligten sich rund 8000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Man solle das Thema durchaus ernst nehmen, sagt Studienleiter Professor Matthias Jerusalem, aber der Anteil der Betroffenen sei nicht so hoch, wie das in bisherigen Studien behauptet wurde. Zur Hilfe nahmen die Berliner Psychologen fünf Kriterien, die wissenschaftlich für das Suchtverhalten herangezogen werden. Das sind

Einengung des Verhaltensspielraums. Dieses Kriterium erfüllt, wer die meiste Zeit des Tages am Computer sitzt, PC aufrüstet und Computerzeitschriften liest.

Kontrollverlust. Der Surfer verliert die Kontrolle über die Zeit im Internet. Versuche, die Internettätigkeit einzuschränken, scheitern. Vorsätze ebenso.

Toleranzentwicklung. Die Dosis der Internetaktivitäten wird nach und nach gesteigert.

Psychische Entzugserscheinungen. Zum Beispiel: innere Unruhe, Nervosität, Unzufriedenheit.

Negative Konsequenzen in sozialen Bereichen (Arbeit und Leistung) sowie in sozialen Beziehungen (Ärger mit Freunden und Familie).

Als süchtig gilt, wer alle fünf Kriterien erfüllt. Von dem abnormen Internetkonsum sind vor allem "Jugendliche und Heranwachsende" betroffen. Risikofaktoren sind nach dieser Studie außerdem Personen, die ohne festen Partner leben, Personen mit niedrigem sozialen Status sowie Arbeitslose und Teilzeitbeschäftigte.

Die Studien-Ergebnisse sagen auch etwas darüber aus, welche Internetangebote der Nutzer häufig anklickt: An erster Stelle stehen Chatrooms, gefolgt von Spielen (nicht kommerzieller Art) und Musikangebote. Die Nachfrage nach Erotikangeboten sei - entgegen der vorherrschenden Meinung - "sehr, sehr gering". Über die Frage nach den Ursachen sind sich die Wissenschaftler weltweit noch uneinig.

Die Annahme, eine extreme Internetnutzung ginge vom Internet selbst aus, ist zweifelhaft. Hätte das Internet die Eigenschaften einer Droge, würde nahezu jeder, der damit regelmäßig in Berührung kommt, über kurz oder lang davon nicht mehr loskommen. Viel eher, so die Vermutung, sind es psychische und soziale Konflikte, die den Betroffenen bedrängen und die er mit dem Internetkonsum zu verdrängen sucht. Doch während die Wissenschaftler noch nach Ursachen forschen, hat sich - wiederum im Internet - längst die erste deutsche Selbsthilfegruppe etabliert. Die Adresse: www.onlinesucht .de.

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