Zeitung Heute : online live: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Bernd Hops

Thimothy McVeigh muss bald sterben. Der Attentäter von Oklahoma wird am Mittwoch kommender Woche per Giftspritze in den USA hingerichtet. Und obwohl McVeigh selber ausdrücklich verlangt, seine Exekution für eine große Öffentlichkeit zugänglich zu machen, werden nur einige Angehörige zusehen können. Denn der US-amerikanische Website-Betreiber Entertainment Network verzichtet darauf, die Übertragung im Internet gerichtlich erzwingen zu lassen. In den vergangenen Wochen wurde schnell klar: Die meisten Menschen wollen diese Bilder nicht. In Deutschland wiederum ist dadurch eine Diskussion darüber ausgelöst worden, was im Netz erlaubt sein soll - oder auch nicht. Denn auch die Düsseldorfer Internet-Firma Absolutfilm GmbH kündigte zwischenzeitlich an, die Hinrichtung übertragen zu wollen, zog ihre Pläne jedoch sehr rasch wieder zurück.

Als Werbegag will Harald Thoma, Chef der Absolutfilm und Sohn von Ex-RTL-Chef Helmut Thoma seine Ankündigung jedoch nicht verstanden wissen. Was nütze ihm eine höhere Click-Rate bei einer Website, die sich noch im Aufbau befindet? Denn zurzeit bietet Absolutfilm nur eine Beta-Version. Erst im Herbst soll das vollwertige Angebot fertig sein - vor allem 100 Video-Streams zu Themen von Reise bis Erotik. Trotzdem, bei Verhandlungen mit der US-Firma Candidcam, einer Tochter-Firma von Entertainment Network, über den Kauf von Video-Streams boten die Amerikaner die Übertragung der Hinrichtung McVeighs an. Vorausgesetzt, sie wären vor Gericht erfolgreich. Absolutfilm hätte diese dann auch in Deutschland zeigen können - "natürlich mit Jugendschutz", betont Thoma. Er ging auf das Angebot ein und machte seine Pläne Mitte April publik. Auch wenn er selber mit maximal 4000 deutschen Zuschauern für einen viertelstündigen Live-Stream rechnete, war die Folge eine Welle von wütenden Protesten. "Ich bin bombardiert worden mit Anfrufen von Landesmedienanstalten und Politikern", sagt Thoma. "Dabei haben wir nur Unverständnis ausgelotet." Innerhalb von einem Tag gab er dem Druck nach. Sein wichtigstes Ziel habe er jedoch erreicht: "Wir wollten vor allem die Diskussion anstoßen."

Dabei sei es nicht nur um die Ächtung der Todesstrafe gegangen, sondern auch darum, was im Netz erlaubt sein soll und was nicht. Besonders die Reaktionen der Politiker hält Thoma für heuchlerisch: "Nur kritisieren reicht nicht, wir wollen Richtlinien." Auch die Branchenorganisation Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia (FSM) sei nur "ein zahnloser Löwe". Unverbindliche Leitlinien reichten nicht aus. Vor allem will Thoma geklärt wissen, was gewaltverherrlichend - und damit verboten - sein soll.

Heiko Wiese, Rechtsanwalt und Beauftragter der Beschwerdestelle der FSM, sieht das anders. In Bezug auf Gewalt seien die Regelungen relativ gut. Im Mediendienste-Staatsvertrag stehe, dass Menschen, die real und nicht nur fiktiv im Film sterben, normalerweise nicht gezeigt werden dürfen. "Es sei denn, es bestehe ein überwiegendes Interesse an der Berichterstattung", sagt Wiese. Dies sei zum Beispiel der Fall, wenn in den Fernsehnachrichten über Kriege berichtet werde. "Etwas anderes ist aber die Gewaltdarstellung zu Werbezwecken." Im vergangenen Jahr gingen bei der Stelle 1587 Beschwerden ein, davon 274 zu deutschen Web-Seiten. Überwiegend richteten sich diese gegen rechtsradikale Inhalte, nur in geringem Maße gegen Gewaltdarstellungen. In den meisten Fällen konnte Abhilfe geschaffen werden.

In einem Bereich treffen sich Wiese und Thoma jedoch: Wiese hält die derzeit geltenden Jugendschutzregelungen für reformbedürftig. Die Bundesregierung arbeite zwar an einer Novellierung, es sei aber unklar, wann diese umgesetzt wird. Außerdem müssten die bisher unterschiedlichen Regelungen für Kino, Fernsehen und Internet vereinheitlicht werden, weil diese mehr und mehr ineinander greifen.

Medien verschmelzen

Das Internet bietet bei einer immer schnelleren Übertragunsrate mittlerweile Möglichkeiten, relativ problemlos ganze Filme zu zeigen. Und gerade in diese Lücke will Thoma mit seiner Absolutfilm stoßen. Der Sohn des ehemaligen RTL-Chefs will mit der Absolutfilm breitbandiges Internet bei den Deutschen populär machen, vor allem aber Video-Streams. Noch hält er sich zurück. Gerade einmal zehn Leute arbeiten für die im vergangenen Dezember gegründete Absolutfilm, und vierzig weitere für Breitbandangebote des Mutterkonzerns Mobilcom und deren Internettochter Freenet. Erst ab Herbst sei die Zahl der potenziellen Kunden groß genug, wenn vor allem die Deutsche Telekom einige hunderttausend neue DSL-Anschlüsse gelegt hat. Denn Voraussetzung für einen mit klassischem Fernsehen vergleichbaren Sehgenuss beim Betrachten von Thomas Streams ist DSL. Bei ISDN-Geschwindigkeit ruckelt es doch sehr stark. Fünf Sparten, von Reisen über Comedy bis Erotik will Absolutfilm umfassend bedienen. Beim Reise-Kanal zum Beispiel plant Thoma, nicht nur Filme aus den meisten Regionen der Welt zu bieten, sondern dazu parallel Links zu Buchungsmöglichkeiten für Hotels. Vieles davon will er von Partnerfirmen zuliefern lassen.

Obwohl Absolutfilm also Unterhaltung und Nutzwert in den Vordergrund stellt, behält sich Thoma neue Provokationen wie im Zusammenhang mit McVeigh vor: "Wenn sich wieder etwas ergibt, das einen guten Zweck erfüllt, dann muss man diesen auch unterstützen." Mit Amnesty International spricht er bereits über Aktionen, besonders als Protest gegen die drohende Hinrichtung der aus Düsseldorf stammenden Brüder Rudi und Michael Apelt in den USA. Der Aufwand dürfte sich dann für Thoma auch eher lohnen - mit größerer Nähe zum eigentlichen Starttermin von Absolutfilm.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben