Zeitung Heute : Online-Raubkopien: Kein Pardon für Napster, Gnutella und Co.

Kurt Sagatz

Außerhalb der Szene kennt sie kaum jemand. Und selbst im Internet lösen die Namen Napster, Gnutella und Pointera bei den meisten Nutzern höchstens Achzelzucken aus. Es sei denn, man interessiert sich für Musik und nimmt mit Blick auf das eigene Portemonnaie in Kauf, sich jenseits der Legalität zu bewegen. Denn hinter all den merkwürdigen Namen verbergen sich gigantische Umschlagplätze für Musiktitel. An denen jedoch weder die Künstler noch die Plattenfirmen oder die Händler auch nur eine einzige Mark verdienen, weil auf den "Tauschbörsen" raubkopiert wird, was die Festplatte hergibt. Nicht nur Madonna, Metallica oder Midnight Oil sind betroffen, selbst vor deutscher Volksmusik von Heino und Co. wird nicht halt gemacht. Doch damit soll nach dem Willen der Musikindustrie nun Schluss sein.

Das Zauberwort der Musikindustrie heißt "Right Protection System" und ist nichts anderes als ein Filter, der verhindert, dass von Deutschland aus Internet-Seiten aufgerufen werden können, auf denen illegale Musikkopien liegen. Bei der Durchsetzung der Sperren mithelfen sollen nun alle deutschen Internet-Provider, die Übergabepunkte zum weltweiten Internet unterhalten. Technisch ist das nach Ansicht von Clemens Rasch, dem Justitiar des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, kein großes Ding, da es gerade einmal 50 Übergänge gebe.

Die Sperrung von Internet-Adressen ist ein heikles Thema. Bisherige Versuche, gegen die Legalität verstoßende Inhalte durch Filter zu unterdrücken, zogen heftige Diskussionen und zum Teil massive Proteste im Ausland nach sich. Als ein Münchener Gericht diverse Foren beim Online-Dienst CompuServe zum Thema Sex wegen des Verdachts der Verbreitung pornografischer Inhalte vor einigen Jahren kurzerhand schloss, gingen in San Franzisco und an anderen Orten der USA die Befürworter des Freien Internets gegen den deutschen Alleingang auf die Straße. Ähnlich reagierte die Internet-Gemeinde auf die deutschen Versuche zur Sperrung der Seiten von Ernst Zündel, die ganz schnell auf anderen Servern "gespiegelt" wurden - und zwar von Leuten, die mit den politischen Zielen des Rechtsextremisten nichts zu tun hatten.

Wie problematisch die Sperrung von Internet-Adressen ist, mussten die Verantwortlichen in der Justiz auch erfahren, als deutsche Staatsanwälte bei den Providern die Sperrung der Internet-Seite des indizierten Magazins "radikal" auf einem holländischen Server erzwangen. Denn um den Zugang zu den Bombenbau-Artikeln des militanten Autonomen-Magazins zu unterbinden, wurde gleich das gesamte Angebot auf den Rechnern des Online-Dienstes acces4all dicht gemacht. Ebenso wie bei CompuServe führte die Pauschalsperrung dazu, dass auch völlig harmlose Inhalte gleich mit heraus gefiltert wurden. Eine Neuauflage dieser Zensurdebatte wünscht sich niemand.

Genau aus diesem Grund lehnen die im eco-Verband organisierten Provider auch einen Eingriff ab: "Wir sind für den Transport und nicht die Inhalte verantwortlich", hält Harald Summa entgegen. Wenn man erst mit dem Sperren anfange, ergebe sich sehr schnell die Kausalkette von Musik über Film bis zu politischen Inhalten, so der eco-Sprecher. Diese Haltung werde auch von der europäischen Dachorganisation der Provider vertreten. "Das Problem liegt bei der Musikwirtschaft, die sich zu spät auf das neue Medium eingestellt hat", so Summa.

Gleichwohl sieht sich die Phonowirtschaft im Recht. Verbands-Justitiar Rasch stellte gegenüber dem Tagesspiegel klar, dass man bei Bedarf auch die Gerichte anrufen wird, um sich bei den Providern Gehör zu verschaffen. Derzeit läuft jedoch erst einmal ein Feldversuch "mit einem kleinen Provider", dessen Namen Rasch freilich nicht bekannt geben will. Flankierend soll ein technisches Gutachten der Universität Hamburg klären, ob das Right Protection System das richtige Werkzeug im Kampf gegen die Raubkopierer ist. Nachdem die Internet-Provider zuerst schriftlich um Kooperation gebeten wurden, werden nun noch im Juni die ersten Gespräche stattfinden. Dass die ersten Reaktionen der Zugangsanbieter dabei keineswegs überschwenglich waren, ist aus Raschs Sicht verständlich. Darum appelliert er an die Vernunft der Netzbetreiber, denn "Traffic ist nicht alles".

Welche Dimensionen das Thema Raubkopien für die Musikwirtschaft hat, machen einige Zahlen deutlich. Demnach existieren weltweit etwa 700 000 Anbieter illegaler Online-Musik. Und obwohl nur drei Prozent der deutschen Haushalte über einen Computer mit eingebautem CD-Brenner verfügten, seien 1999 rund 60 Millionen Silberscheiben gebrannt worden, so die Phonowirtschaft.

Im Kampf gegen das weltweite Raubkopiertum sieht sich die Musikindustrie als klarer Vorreiter. "Wir sind die Ersten, die es betrifft", weiß Rasch. Mit der Verbreitung von digitalen Videofilmen über DVD folgt dann die Filmwirtschaft und schon jetzt spürten auch die Hersteller von Software und Computerspielen die Zunahme immer schnellerer Internet-Verbindungen.

Immerhin sind einige Probleme auch außergerichtlich zu lösen, wie die Einigung der großen Plattenfirmen Warner Music und BMG mit dem Internet-Dienstleister MP3.com Ende letzter Woche gezeigt haben. Die Firmen haben in ihrem Vergleich mit dem Website-Betreiber eine Lizenzvereinbarung geschlossen, die es Nutzern der Online-Musikfirma erlauben, Musik im My.MP3.com-Onlinedienst zu speichern und abzuspielen, solange sie die Musikstücke vorher gekauft haben. In der Branche wurde dies als Zeichen gewertet, dass die beiden Seiten durchaus in der Lage sind, sich in ihren Positionen anzunähern und die verhärteten Fronten aufzubrechen. Während die Musikindustrie mit dem Vergleich gewissermaßen eingesteht, dass sie die Entwicklung des Internets weder stoppen noch allein steuern kann, macht MP3.com finanzielle Zugeständnisse. So berichtete das "Wall Street Journal", dass MP3.com beiden Firmen im Rahmen des Vergleichs jeweils pauschal 20 Millionen Dollar und künftig auch Tantiemen zahlt.

Die deutsche Phonowirtschaft begrüßt diese Einigung. Allerdings mit der Einschränkung, dass MP3 keineswegs mit Napster vergleichbar sei. Die Vereinbarung habe gezeigt, dass Websites zum privaten Abspeichern eigener Titel durchaus legal handeln könnten. Napster hingegen sei durch und durch illegal.

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