Zeitung Heute : Online-Spinat für Popeye

Helene Hecke

Im Internet fühlt man sich derzeit in die frühen Tage von Kino und Fernsehen zurückversetzt. Die Tonspur knattert, die Bilder ruckeln, auch inhaltlich kann sich die Filmkunst im Netz kaum an ihrem technischen Aufwand messen. Trotzdem erfahren interaktive Cartoons und digitale Comic-Filmchen derzeit einen Boom: Bewegte Bilder bringen Leben in die vormals als Standbild gefrorene Netzlandschaft. Sie werden zu Werbezwecken eingesetzt und auch als neue Kunstform gefeiert. Medienkonzerne prognostizieren den digitalen Fernsehabend. Derweil laden sich eingefleischte Fans - ob legal oder illegal - ganze Spielfilme aus dem Netz. Bisher geht das allerdings nur mit Geduld und Spucke - oder so weit die Kapazitäten reichen.

Das persönliche Kinoprogramm aus dem Internet bleibt leider noch Wunschvorstellung, auch wenn Leonardo di Caprio (unter www.leofest.com ) bereits sein eigenes Festival feiert. Zu sehen bekommt das breite Publikum aber heute schon die traditionellen "Vorfilme". Im Kino längst von der Reklame verdrängt, erlebt der Kurzfilm seine Renaissance - und mit ihm auch der gute alte Zeichentrickfilm! Angesichts des mangelnden Betrachtungskomforts am heimischen PC-Screen sollten Filme nun einmal auf das Wesentliche reduziert sein. Zeichentrick ist optimal, erfordert geringere Datenmengen und hält Download-Zeiten unter der Schmerzgrenze.

Cartoons on demand

Klassische Cartoon-Animationen mit Donald Duck und Konsorten wurden einst in das Kinderprogramm des Fernsehens abgeschoben. Doch inzwischen haben Websites (wie

www.atomfilms.com oder

www.ifilm.net ) dem Genre wieder ein ausgewachsenes Publikum erschlossen. Mit dem Angebot einfacher Plug-Ins und durch schnellere Übertragungsraten kann sich jeder seine Cartoon-Kollektion herunterladen und so oft ansehen, wie er will.

Eine neue Flut von Trickfilm-Produktionen wurde ausgelöst durch rasante Software-Entwicklungen: "Flash" von Macromedia ist das typische Einsteiger-Programm für den Hausgebrauch. Es bietet alle nötigen Werkzeuge zur Erstellung eigener Animationen. Für weniger als 500 DM kann man sofort und ohne Vorkenntnisse einen Kreis von links nach rechts fliegen lassen. Zwei Minuten später wird der Kreis das Sprechen lernen, und nach einer halben Stunde verwandelt er sich auf Knopfdruck in ein Quadrat. Der Weg zu einer simplen Figur, die den Mund bewegt, ist nicht nicht mehr weit.

Wer den Einstieg in die Flash-Technik gefunden hat, kommt so schnell nicht wieder davon los. Cartoonisten und alte Hasen der Zeichentrick-Branche können mit der einfachen, vektorbasierten Anwendung relativ wenig anfangen. Sie mögen darüber die Nase rümpfen. Aber der Einfluss von "Flash" ist nicht mehr zu übersehen. Woran früher ganze Studios monatelang gearbeitet haben, basteln aufgeweckte Schüler jetzt im Kinderzimmer.

Den Ton geben 15jährige Autodidakten an, die sich auf Sites wie

www.newgrounds.com austoben oder täglich neue South Park-Parodien ins Netz stellen. Flash-Sites wie

www.joecartoon.com strotzen dabei vor krudem Humor und subversiven Gags, die im Fernsehen sicher nicht gesendet würden. Kritiker befürchten bei diesem Wildwuchs eine "Low-Tech-Ästhetisierung" des Internet.

Andere arbeiten daran, das kreative Potential möglichst effektiv abzuschöpfen: Im Frühjahr geht Steven Spielbergs Forum www.pop.com ans Netz. Die Nutzer werden aufgefordert, eigene Werke einzureichen. Auf diese Weise sollen junge Talente entdeckt und gefördert werden - keine dumme Sache, denn die Branche lebt nun einmal von neuen Ideen. Das Internet könnte auf diesem Wege Entwicklungshelfer werden für eine neue Zeichnergeneration.

Oder sogar Kultserien wie die Simpsons hervorbringen? Schon seit 1998 zeigt

newvenue.com hervorragende Experimental-Clips im Netz. Das New Yorker Projekt will dabei neue Wege aufzeigen, gibt den Besuchern Tips und Hilfestellungen für eigene Digital-Produktionen. Newvenues künstlerischer Anspruch hält sich allerdings bewußt fern vom Mainstream und verhindert allzu große Breitenwirkung.

Oftmals nur knappe Previews

An anderer Stelle setzt man deshalb nicht auf Nachwuchsförderung sondern auf altgediente Charaktere: Die Betreiber der unscheinbaren Adresse www.bde3d.com haben sich die Rechte an Superman, Ace Ventura, Popeye und Xena gesichert. Auch mit den Rockmonstern der Gruppe "Kiss" kann man durch interaktive Sequenzen navigieren. Die Vorbereitungen zur Einführung ganzer Multipath-Movies laufen auf Hochtouren. Momentan muss Superman leider noch in knappen Previews das digitale Fliegen neu erlernen. Seine kurzen 3D-Animationen sind dafür unentgeltlich.

Einen kommerziellen Charakter betont auch die Seite Spunkytown.com. Hier setzt man auf die exklusive Vermarktung von kindgerechten Figuren wie Richie Rich oder Casper, dem freundlichen Geist. Wieder andere Websites wie shockwave.com bieten ein buntes Programm aus South Park, Pea-nuts und alten Atari-Spielszenerien. Nicht ganz zufällig hat Shockwave.com gerade einen Vertrag mit Stan Lee

( www.stanlee.net ) abgeschlossen. Dieser war der geistige Vater von Comic-Helden wie Spider-Man oder Hulk. Anfang März wird er nun die ersten "Webisodes" mit neuen Helden ins Netz stellen.

Ohne die Einführung eines Breitbandzuganges und neuer Hardware-Optionen wird das ganz grosse Film-Geschäft noch lange auf sich warten lassen. Bis dahin profitieren die Experimental-Filmer und Zeichentrick-Macher vom Publikumsinteresse.Links zum Thema im Internet: www.newvenue.com (Experimentalfilme) www.bde3d.com (Multipath-Movies) www.shockwave.com (Macromedia) www.pop.com (Spielberg) www.onedotzero.com (Festival)

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