Zeitung Heute : Online-Theater: zuhause@volksbuehne.de

Stefanie Grupp

Stellen Sie sich vor: Sie gehen ins Theater und bleiben dafür - zuhause. Ins Theater gingen Sie noch nie gern allein. Deshalb haben Sie sich ein paar Freunde eingeladen für den Premierenabend. Gemeinsam mit ihnen wollen sie online die neueste Castorf-Inszenierung schauen. Erst werden Sie ein bisschen Sushi essen, um dann an den Computer zu gehen und mit der Tastatur in die Uraufführung von "Elementarteilchen" einzugreifen.

Ein Riesenbildschirm wird ins Bühnenbild der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz integriert sein, auf dem die Kommentare eingeblendet werden, die sie sushi-essend in die Tastatur gehackt haben. Und alle Zuschauer/Akteure - von Kathrin Angerer bis Bernhard Schütz - werden sie lesen, während die Schauspieler sich auf der Bühne abmühen. Gleichzeitig werden zuhause die Plätze eingenommen. Wenn die Freunde vor Ihrer Haustür stehen, erklingt aus den Lautsprecherboxen des Rechners bereits als Vorspann des Theater-Webcasts das alte "Danke"-Lied aus der protestantischen Erneuerungsbewegung. Das mussten Sie sich früher immer in der Warteschleife anhören, wenn sie telefonisch für die Volksbühne Karten reservieren wollten: "Danke für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück, danke für alles Frohe, Helle und für die Musik." Im Netz muss man nicht mehr auf Tickets warten.

Die Idee vom heimischen Theaterabend via Internet - ist das nur Zukunftsmusik? Einige Netizens im Land haben bereits begonnen, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich dem Theater in digitalen Zeiten auftun. "Was hat das Netz dem Theater zu bieten?" fragten sich Horst Konietzny und Gisela Müller und entwickelten das Projekt "Blind Data". Es will die Inhalte, Kommunikationsweisen und die spezielle Ästhetik des Internet als Material verwenden für ein Theaterstück. "Im Netz haben sich ästhetische Eigenarten herausgebildet, die einerseits große Nähe zum Theater aufweisen und andererseits formale Herausforderungen für zeitgemäßes Theater darstellen", heißt es auf der Homepage zu "Blind Data".

Flirt mit "Blind Data"

Ausgangspunkt des Projekts sind zwei Orte, an denen sich jeweils eine Gruppe von Menschen ins Netz begibt. Das Stück setzt sich zusammen aus den Bildern, Tönen und Erzählungen, die sich die Teilnehmer mailen. "Im zweiten Schritt tauschen die Ensembles aus beiden Städten ihre Geschichten aus. Wechselseitig kann das Material so weitergesponnen werden", stellen sich Müller und Konietzny den Ablauf vor. Auch andere User haben die Möglichkeit, mit den "Blind Data"-Leuten zu flirten und damit Teil des Stücks zu werden. Ganz leicht ist es, sich mit dem bereitgestellten Kontaktbogen-Interface ins Spiel zu bringen.

In dem Online-Formular macht ein neu dazukommender User erste Angaben zu dem Charakter, den er einnehmen möchte - und schafft sich so eine eigene Theatralität. "Die rollenspielartigen Chats liefern den Stoff für zwei Inszenierungen, die zeitgleich in den beiden Städten aufgeführt werden. Über das Netz können die Zuschauer im Saal an der jeweils anderen Aufführung teilnehmen und der Internet-Nutzer-Zuschauer zuhause kann sich gar sein eigenes Stück aus einer Kombination der beiden Vorstellungen zusammenstellen", sagen die Theatermacher.

Schriftzeichen aus dem Chat, die am Ende zu szenischen Bildern werden - das hat Tradition in der Geschichte von Theater und Kino. Vorgemacht hat die Montage von Schrift und Leib der Filmemacher Peter Greenaway. In seinem Film "Bettlektüre" aus dem Jahr 1996 wird die Haut zum Medium der Sprache: Im erotischsten Film der 90er Jahre findet asiatische Kalligraphie ihren Platz auf der Haut der Begehrten. "Wenn Sie in diesem Film Text sehen, sehen Sie Fleisch. Zwar hat das Bild das letzte Wort, doch bedenken Sie: auch das Wort selbst ist ein Bild", sagt Greenaway über seinen Film. "Ich bin mir ganz sicher, dass es im Leben zwei Dinge gibt, die sich wie nichts sonst gegenseitig bedingen: die Freunde und Erregung des Fleischs und die Freunde und Erregung der Literatur. Körper und Text. Fleisch und Text."

Text - nichts anderes ist das Internet. Ist also der dem Netz zugrundeliegende Hypertext geeignet, einen Pakt mit dem körperinteressierten Theater einzugehen? Theater und Netz wären wie füreinander gemacht, wenn Greenaway Recht behielte. Gäbe es da nicht das von Walter Benjamin in seinem Text "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" aufgeworfene Problem der "Aura". Die geht verloren, wenn eine Aufführung digitalisiert ins Netz wandert. Benjamin betonte, wie wichtig das "Hier und Jetzt", die Unmittelbarkeit für den Wert eines Kunstwerks sei: Der Mona Lisa kann man schließlich auch nur live im Louvre begegnen. Aber dafür kann man beim Internet-Theater Sushi essen, zuhause.

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