Zeitung Heute : Onlinemechaniker reparieren Maschinen per Internet

Niko Deussen

Stehen die Räder still, rotiert der Service. Der Kunde hängt ständig am Telefon und mahnt den Techniker ungeduldig, den Schaden doch bitte schnellst möglich zu beheben. Wenn es sich allerdings nur um die Waschmaschine daheim handelt oder die Gastherme mitten im kalten Winter ausgefallen sind, dauert es schon mal, bis jemand vorbeischaut, um sich um die Sache zu kümmern. Selbst Großunternehmen, in denen riesige Drehbänke und meterhohe Blech-stanzen die Werkshallen mit Lärm füllen, müssen sich oft in Geduld üben, ehe nach einem Maschinenausfall Ingenieure der Herstellerfirma auftauchen. Vor allem dann, wenn zwischen Heimatort des Herstellers und Unternehmenssitz des betroffenen Anlagenbetreibers viele Kilometer oder gar Flugmeilen liegen. Durch Diagnose aus der Distanz und Teleservice via World Wide Web soll das jetzt anders werden.

Kommt es zum Maschinen-Crash, bleiben die Ingenieure getrost in ihren heimatlichen Gefilden und lösen von dort aus das Problem. In Echtzeit. Möglich wird das, weil zunehmend Maschinenensembles mit ausgeklügelten Computerprogrammen gekoppelt werden, die jedes Schräubchen, jedes Rädchen, jeden Schlauch und das Zusammenspiel der verschiedenen Teile pingelig bis in die Tiefen des Maschinenbauchs überwachen. Noch die kleinste Unregelmäßigkeit kann damit im laufenden Betrieb geortet und ihre Ursache erkannt werden.

Diese Informationen lassen sich - je nach eingesetzter Soft- und Hardware mehr oder weniger schnell und komfortabel - über den Daten-Highway von überall auf dem Globus an den Hersteller schicken. Dessen Spezialisten analysieren dann am heimatlichen Schreibtisch den Schaden. Doch sie bleiben auf Distanz und lenken per Fernleitung die Reparaturarbeiten - remote-repair online. Doch das Potential der Telediagnose ist weit größer. Um die ganze Bandbreite der Fern-instandsetzung auszunutzen, hat sich unter der Federführung der Ruhr-Universität in Bochum ein Forschungsverbund aus Universitätsinstituten, Wirtschaftsunternehmen und Softwarehäusern zusammengefunden. Nach den Vorstellungen der Forscher soll jede Maschine von der ersten Installation bis zum Ausrangieren fernbetreut und -gewartet werden. Dazu wird der Maschinenlauf rund um die Uhr überwacht. Wenn etwa ein Rad irgendwo unrund läuft, schlägt die Software Alarm. Noch bevor die Maschine aus dem Produktionsprozess aussteigt, können die Ingenieure auf den drohenden Maschinenstillstand reagieren. Durch Sofortmaßnahmen lässt sich zunächst ein Totalschaden verhindern. Falls Ersatzteile fehlen, gehen die statt der Techniker auf Reisen. Ihr Einbau wird dann über Konferenzschaltung samt Videoüberwachung und Datenübertragung kontrolliert. Bei komplizierten Reparaturen können sich sogar externe Experten zuschalten.

Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe nutzen von 1300 befragten Maschinen- und Anlagenbauern bereits ein Viertel der Unternehmen Teleservice zur Kundenbetreuung. Doch bei weitem nicht alle Firmen nutzen die gesamten Möglichkeiten, die die Ferndiagnose bietet. Gründe dafür sind beispielsweise unterschiedliche Softwaresysteme bei Hersteller und Betreiber und schlechte Verwaltung der elektronischen Maschinendokumente. "Die durchgängige Teleservice-Unterstützung", moniert Wolfgang Maßberg vom Bochumer Lehrstuhl für Produktionssysteme, "ist bisher nicht realisiert. Es gilt, diese Schwachstellen auszumerzen." Dazu entwickeln die Bochumer Tele-Forscher eine Software, die einen Baukasten mit verschiedenen Modulen zur Lösung von firmeninternen Problemen enthält. Vor allem aber soll das Programm die Unternehmen unabhängig von der Hardware-Realisierung der Datenübertragung machen. Per Mausklick findet der betreuende Ingenieur in einem Zentralprogramm alle Daten über den Kunden, die aufgestellte Anlage und deren Wartungs-Geschichte. Beim totalen Teleservice hängt sogar jede einzelne Maschine, die der Hersteller jemals ausgeliefert hat, am Netz. Dann führen alle Datenwege zur Herstellerfirma. Und zurück: etwa um neue Softwareversionen aufzuspielen oder Montagefilme zum Herunterladen bereitzustellen. Streiken allerdings auf der anderen Seite des Globus, bei den Antipoden, die Maschinen, steht für die Teletechniker eine Nachtschicht an. Aber echt. Und nicht nur wie beim bayerischen TÜV. Die technischen Überwacher werben derzeit auf riesigen Werbeplakaten: "Der TÜV macht Nachschicht: Einmal die Woche bis 20 Uhr geöffnet."

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