Zeitung Heute : Onlinestellenmarkt: Die Jagd nach Talenten ist ein Zeitwettbewerb

Harald Olkus

Das E-cruiting, die Stellensuche und Bewerberauswahl per Internet, gewinnt an Bedeutung. Bis zu 40 Prozent der Bewerbungen kommen bereits per E-Mail bei den Firmen an, sagte Wolfgang Jäger vergangene Woche beim "Treffpunkt Tagesspiegel" im Hotel Intercontinental. Und auch immer mehr Unternehmen nutzen Online-Jobbörsen oder führen offene Stellen auf ihrer Homepage.

Der Wissenschaftler vom Fachbereich Medienwirtschaft an der Fachhochschule Wiesbaden diskutierte mit Linda Brinkmann, Leiterin des Personalmarketings bei der Dresdner Bank, Thomas Reischenbach, DGB-Geschäftsführer und Berater für Betriebs- und Personalräte, sowie Dirk Berweiler, Leiter des Business Development bei der Internext Consulting Group. Moderator beim "Treffpunkt Tagesspiegel" über neue Trends bei der Personalauswahl war George Turner. Vor allem jüngere Bewerber - wie Hochschulabsolventen und "Young Professionals" - warten kaum noch, bis der Stellenmarkt in der Zeitung erscheint, sondern suchen gleich in einer Online-Jobbörse. Diese seien nicht nur schneller und böten mehr Vielfalt, hieß es auf der Veranstaltung, sondern haben auch den Vorteil, dass sich die potenziellen Bewerber gleich auf der Homepage über das Unternehmen informieren können.

Auch bei den Unternehmen könnten Stellenausschreibungen zügiger abgewickelt und die ersten Bewerber bereits nach fünf Tagen zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Doch die meisten Firmen seien noch weit davon entfernt, diese Möglichkeiten auch auszunutzen, sagt Wolfgang Jäger. Offensichtlich habe sich die Einsicht noch nicht durchgesetzt, dass es sich bei der "Jagd nach Talenten" - die seien trotz vieler Arbeitsloser immer noch Mangelware - um einen "Zeitwettbewerb" handle.

Consultant Berweiler sieht die Entwicklung beim E-cruiting noch am Anfang. Der Online-Stellenmarkt sei bisher lediglich eine "Übersetzung" aus dem Printbereich, ohne die spezifischen Möglichkeiten des neuen Mediums zu nutzen. Dabei könnten eingehende Bewerberdaten elektronisch mit den Anforderungsprofilen abgeglichen und so die erste Vorauswahl getroffen werden. Voraussetzung seien strukturierte Antwortformulare für die Bewerber, damit alle wichtigen Daten erfasst werden, ergänzt Fachhochschullehrer Jäger. Noch sei der Streuverlust bei den Online-Anzeigen allerdings zu hoch. Die Resonanz auf eine Online-Stellenanzeige liege derzeit lediglich zwischen zwei und 20 Prozent. Ohne Reichweitenermittlungen, wie den Tausend-Leser-Preisen bei den Tageszeitungen, lasse sich für das Unternehmen kaum nachvollziehen, wo die vielversprechendsten Bewerber angesprochen werden können. "Denn das Ziel einer Stellenanzeige ist schließlich, nicht möglichst viele Bewerbungen zu erhalten, sondern die richtigen", sagt Linda Brinkmann. Noch sei das Internet zu unübersichtlich und der Online-Stellenmarkt nicht verlässlich.

Preisdumping und mangelnde Preislistentreue der Jobbörsen zeigten, dass sich die Unternehmen noch nicht stabilisiert hätten, sagt Berweiler. Die Stellenanzeige in der Tageszeitung sei deshalb immer noch nicht wegzudenken. Sie diene häufig auch als Imagewerbung des Unternehmens, zum anderen zeige sich, dass nach ihrem Erscheinen die Klickraten auf den Homepages der Unternehmen signifikant steigen. Deshalb sei ein "Medienmix" empfehlenswert, bei dem, je nach Zielgruppe, das geeignete Medium gewählt wird. Ein "Medienbruch" sollte allerdings vermieden werden, das Unternehmen solle also auf eine E-Mail-Bewerbung auch mit elektronischer Post antworten.

Befürchtungen, dass Bewerbungen auf Papier benachteiligt werden, seien bislang unbegründet. Das Internet sei nur ein weiteres Medium zur Bewerbung, das benutzt werden kann, aber nicht muss, sagt Linda Brinkmann von der Dresdner Bank. Außerdem seien viele Personalchefs noch konservativ und bevorzugten die Papierversion. Allzu detailliert sollten die übers Netz verschickten Angaben ohnehin nicht sein, warnte Reuschenbach. Die Sicherheit der sensiblen Bewerberdaten sei im Netz nicht unbedingt gegeben. Die häufiste E-Mail-Antwort auf eine Online-Bewerbung lautet ohnehin: "Wir interessieren uns für ihre Bewerbung. Bitte senden Sie uns ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen mit Lichtbild und Zeugnissen".

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