Zeitung Heute : Opec-Prozess: Richter Eigensinn

Jürgen Schreiber

Wie der Fahnenträger dem Musikzug, so eilt der Wachtmeister mit Sackkarre dem Schwurgerichts-Vorsitzenden Heinrich Gehrke voraus. Schwer mit Akten beladen, rollt das Wägelchen zu Saal 9 im Frankfurter Landgericht. Dort harrt die wegen Mordes angeklagte Hajira Jenny S. ihres Richters, die Handschellen im üppigen Pelz verborgen.

Ein Fall für Gehrke! Das signalisieren die leuchtend gelben Rückenschilder der nun auf dem Tisch ausgebreiteten Leitzordner. Er selbst entschied sich für diese Erkennungsfarbe, laut Zeichenlehre Symbol der "Intuition, des Ahnens und Witterns". Starkes Gelb dominiert auch ein Haus weiter im Prozess gegen den früheren Terroristen Hans-Joachim Klein, dort sind mehr als 50 einschlägig markierte Hefter griffbereit für Gehrke aufgereiht.

Vor dem 61-Jährigen liegt ein gelbes Ringbuch. Bei eingeschaltetem Mikrofon läßt er die Metallklemme aufschnappen, dass es aus den Lautsprechern knallt. Jetzt wissen alle: Die Sitzung beginnt. Zur Eröffnung gewöhnte er sich eine Art Rundumsicherung an, taxiert aus den Augenwinkeln die Reihen und ist zufrieden, die Parteien auf ihren Plätzen zu finden. Kaum dass Gehrke sitzt, rafft er die Robe vor dem Leib zusammen. An der breiten Brust wirkt die Krawatte, als sei sie bei der letzten Reinigung eingeschnurrt. Nach der Sitzung wird er sich im Büro 4107 ungeduldigt den Schlips über den Kopf zerren und ihn erstaunlich graziös Richtung Kleiderständer werfen. Zuvor schloss er den Tag mit der für ihn charakteristischen Saloppheit: "Mit dem Programm für heute sind wir fertig. Es reicht mir auch, ehrlich gesagt."

Flotte Sprüche. Sie sind Markenzeichen des bundesweit bekannten Richters. Keineswegs zerknirscht gesteht der Dr. jur.: "Für flapsige Bemerkungen bin ich berüchtigt." Legt er los, stellenweise vernuschelt und kurzatmig, halten Journalisten den Atem an. Wegen lockerer, emotionaler, jedenfalls ziemlich direkter Formulierungen wähnen sie ihn in der Nähe von Befangenheitsanträgen. Die "Frankfurter Rundschau" findet Gehrke deshalb "von Grund auf" eigentlich freundlich: "doch im Gerichtssaal kann er auch ziemlich unangenehm werden". "Kein Mann von verschnörkeltem Pathos", meint der "Spiegel". Mit dem Schriftsteller Dürrenmatt dürfte man ihn als "unzimperlichen Menschen" charakterisieren, schwänge in seinen ironischen bis sarkastischen Bemerkungen nicht unüberhörbar ein resignativer Grundton mit. Etwas Bitteres mag sich unvermeidlich einstellen, wenn man in Folge beklemmende Epen des Scheiterns, Mord und Totschlag aus Hass, Liebe, Gier und Verzweiflung, bearbeiten muss.

Der gebürtigen Berliner zieht das Spektakuläre magnetisch an. Gehrke machte unter anderem mit den Verfahren gegen den Baulöwen Jürgen Schneider und die Doppelmörderin Monika Böttcher, geschiedene Weimar, bundesweit Schlagzeilen. Seit Oktober 2000 leitet er das Aufsehen erregende Klein-Verfahren, die Anklage lautet auf dreifachen, gemeinschaftlichen Mord beim Überfall auf die Wiener Opec-Konferenz 1975. Gehrke lud Außenminister Joschka Fischer, Kleins früheren Frankfurter Krawall-Bruder, als Zeugen, löste damit indirekt die Debatte über Fischers militante Vergangenheit aus. Kommt es zu einem Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage gegen den Politiker, muss Gehrke mit seiner "richterlichen Mitschrift" ran. Den Juristen, der für viele Kollegen auch einen exzellenten Professor abgegeben hätte, stilisierte die Presse zum "Mann für schwierige Fälle". Verkündet er heute Kleins Urteil, bestätigt sich der Ruf des früheren Uni-Assistenten, der Spezialist zur Entwirrung von Hochkomplexem zu sein.

Die Aufzählung des Außergewöhnlichen täuscht. Im dicht gedrängten Kalender handelt seine 21. Strafkammer die meisten Termine fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab: Messerstechereien in Rocker-Kreisen, tödliche Duelle unter Freunden, Beziehungstaten mit Erwürgen des Partners, scheußliche Parkhaus-Morde, makabre Geschichten mit Leichen in Plastiksäcken wie im Fall der Hajira Jenny S.. Auch da fuchtelt Heinrich Gehrke vor fast leeren Bänken mit der linken Führungshand in der Luft herum. Die Beschuldigte ungeklärter Nationalität und ungeklärten Alters soll einen Bekannten aus nächster Nähe in die Schläfe geschossen haben soll, um sich "in den Besitz seines nicht unerheblichen Vermögens zu bringen". Frau S. aber beleidigt den Richter, gibt sich eiskalt. Mehr zu sich selbst sagt er: "So verhält sich jemand, für den die Höchststrafe auf dem Spiel steht."

Ein unerquicklicher Tag. Der Vorsitzende hat sichtlich Schwierigkeiten, seine Ungeduld zu zügeln. Die nächsten zehn Fälle warten, einer blutiger als der andere, die Fakten mischen sich im Kopf und auf dem Tisch. Aus Verdruss zieht sich sein Gesicht in die Länge. Er kratzt sich am Bart, greift in den grauen Haarschopf, setzt die Brille auf und ab, kurz, er ist genervt und froh, dass ihm nur die üblichen 15 Stammgäste zusehen. Mit Sensationsprozessen sei es eh vorbei, seine nächsten Verfahren würden das Publikum nicht mehr groß interessieren.

Das mag die Kollegenschaft beruhigen. Im Frankfurter Justizpalast hat der Populäre jede Menge Neider. Phasenweise entstand der Eindruck, die Behörde bestehe nur noch aus einer Person: Gehrke. Daheim stapeln sich die Zeitungsartikel über den Workaholic, der in einer Mischung aus Last und Lust vom Stress berichtet. Er ist ein moderner Richter, kann mit überbordendem Medien-Interesse umgehen, erträgt es stoisch, Sitzungen im Scheinwerferlicht zu beginnen. Ja, er zeigt Verständnis für Journalisten, sofern sie sich um die Sachverhalte bemühen. Es gehe ihm nicht nur darum, Recht zu sprechen, sondern der "Öffentlichkeit klar zu machen, warum die Entscheidung so oder so gefällt werden musste". Die Presse sei dafür "Multiplikator".

Wir sind in Gehrkes Büro, mehr Verhau denn Dienstzimmer. An der Wand hängen zu viele Bilder, es liegt zu viel Krimskrams herum. Wie wenn er das banale Bedürfnis hätte, ein Gegengewicht zum Leben mit den Morden zu schaffen. Rauchverbot herrscht beim früheren Raucher gleich in mehreren Sprachen. Für das Gespräch nimmt er auf einem durchgesessenen Sofa Platz. Unter dem offenen Jackett sind die gestreiften Hosenträger zu sehen. Der Computer blinkt, die Stereoanlage schweigt. Sonst erklingt Vivaldi, Gehrke brütet gern bei Musik über dem Schriftgut. Als nachtaktives Arbeitstier ist er oft der Letzte im Haus. Besuchern erscheint das spärlich beleuchtete Gerichtslabyrinth dann wie das Spukschloss vom Spessart.

Für einen Juristen, der wie wenige seiner Zunft zerzaust worden ist, wirkt der Vorsitzende ausgesprochen souverän. Mit einem der besten Examina Hessens suchte er einst eine Aufgabe, "in der ich entscheiden kann, was ich persönlich für richtig und gerecht halte". In der Verkürzung klinge der Satz zu dramatisch. Doch blicke er zurück, habe ihn das Gefühl nicht getrogen: "Ja, ich habe den richtigen Beruf ergriffen." Richterliche Unabhängigkeit ist für ihn keine Phrase, sondern Programm: "Man muss sie nutzen, unbequem sein, wenn es geboten ist. Man muss zu seiner Überzeugung stehen."

Keine schlechte Selbstbeschreibung Gehrkes, dem es übrigens vor dem Vornamen Heinrich graut. Er bewies weit mehr als das übliche Stehvermögen. "Waschkorbweise" ging Post bei ihm ein - "ein Drittel davon Morddrohungen" -, als er 1989 einen wegen Verleumdung der Bundeswehr angeklagten Arzt freisprach. Der hatte sich auf das Tucholsky-Wort "Soldaten sind Mörder" berufen. Selbst der Bundeskanzler watschte Gehrke ab. Im Klein-Prozess ruhte er nicht, bis der Zeuge Fischer antanzte. Ebensowenig ließ sich der Vater zweier Töchter von der Medien-Sympathie für Monika Böttcher beeindrucken. Starke publizistische Kräfte wollten nicht wahrhaben, die Tötung ihrer beiden Kinder könnte kalt geplant gewesen sein.

"Frau Böttcher war für mich ein unbeschriebenes Blatt", schildert Gehrke. Die Magazin-Serien über eine der meist beschriebenen Angeklagten ignorierte Gehrke: "Ich lese so was normal nicht." Zur Hauptverhandlung lagen meterweise Akten vor, eingespeist in den Computer, von Gehrke flott im Zweifingersysten bedient. Die Materie nicht nur zu studieren, sondern in- und auswenig zu kennen, ist Voraussetzung seiner zügigen Vorgehensweise: "Ich hasse dahintröpfelnde Prozesse." Wahr ist, im Fall Klein kannte Gehrke dessen 1979 geschriebenes, autobiografisches Buch "Rückkehr in die Menschlichkeit" besser als der Beschuldigte und Autor.

Aus papierenen Existenzen von Sachakten das eigentliche, lebendige Bild des Menschen entstehen zu sehen, ist für ihn immer noch ein besonderer Reiz. Das setzt Angeklagte voraus, die sich auf diese Suche einlassen. Durch Erfahrung gewitzt, leuchtet Gehrke Dunkelzonen aus, entschlüsselt eine Version, versucht mit Tatsachen den Kern von etwas freilegen, dem Täter bisher aus dem Weg gingen. "Jetzt ist die Situation, das zu erklären!", rief er, erfolglos, Frau Böttcher zu. Die kam mit seiner Methode, ein Geschehen streng logisch zu hinterfragen und die Hypothese mit gesundem Menschenverstand zu begründen, nicht klar. Drängend und bedrängend scheidet Gehrke Lüge von Wahrheit, irgendwann lässt seine direkte Ansprache keine Ausflüchte mehr gelten. Er nippt noch am Glas Wasser, "Stille Quelle", ehe er Beschuldigte anfaucht: "Entweder stimmen die Dinge oder sie stimmen nicht." Jetzt ist klar, er glaubt kein Wort.

Noch im Aufbrausen ist ein Bemühen um Täter spürbar, die sich einer Situation stellen. Bei aller Schwere von Schuld sieht Gehrke das Individuum, das eine äußerste Grenze berührte und im verpfuschten Dasein gleichwohl Hilfe zum Weiterexistieren verdient. Urteile erfüllen nach seinem Verständnis den Zweck, "gesellschaftliches Miteinander wieder zu ermöglichen", auch indem sie schuldig Gewordenen nicht jede Perspektive nehmen, sondern erörtern: "Wieso kam dieser Mensch hier vor Gericht?" Im Verfahren gegen den Spekulanten Schneider glückte das eindrucksvoll. Schneider schreibt in seinem Lebensbuch, er wäre ohne Gehrkes "kluge und strenge Prozessführung" heute ein gebrochener Mann.

Auch im Fall Klein war gut zu beobachten, wie Gehrke unter der Hand dem sperrigen, in sich verkeilten Angeklagten eine Schneise schlug. Der Richter erkundete Beweggründe bei dessen Freunden Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, leuchtete das Umfeld der Frankfurter Sponti-Szene aus, schuf damit Raum. In dem Vakuum ließ sich Kleins tödlicher Irrtum aus chaotischer Zeit heraus erklären, wenn schon nicht verstehen.

Ganz anders im Fall Böttcher. Dort erreichte Gehrke mit seiner festen Idee eine Angeklagte nicht, die sich "in ihre Vorstellung verkrallt hatte". Eine Gefangene ihrer Selbsttäuschung, verheddert in den eigenen Widersprüchen. Für die Große Strafkammer des Landgerichts war sie "mit absoluter Sicherheit" die Mörderin ihrer kleinen, hilflosen Töchter, überführt durch "unfassbar erdrückende Beweislast". Ihr Richter betont, es gab selten Indizienprozesse, die mit dieser "absoluten Sicherheit" Lebenslänglich begründeten.

Hinter Gehrkes barocker Erscheinung verbirgt sich eine empfindsame Natur. Schwächeanfälle signalisierten ihm diverse Male, weniger robust zu sein, als er scheinen möchte: "Jeder Fall geht mir unter die Haut." Er ist sich seiner Angst vor dem Irrtum bewusst, und schon von daher absoluter Gegner der Todesstrafe. "Gäbe es sie, hätte ich nie Strafrichter werden können." Im Schwurgericht auf grauenvolle Verbrechen fixiert, fällt es ihm zunehmend schwer, in Tätern keine Verlorenen zu sehen. Das Gefühl des Skeptizismus verstärkte sich und schließt die Politik mit ein. Kummergesichtig spricht er von der Gefahr, "Zyniker zu werden".

Man muss nur das Kommen und Gehen sehen, die Karawane gefesselter Angeklagter, Männer und Frauen, alt und jung, Tag für Tag. Durch steten Umgang mit dem Bösen ist es mehr als ein schleichender Verdacht, der ihn erklären lässt: "Irgendwie ist der Mensch eine Fehlkonstruktion!" An der Gerichtsfassade steht in schiefergrauen Lettern: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", drinnen erlebt er das individuelle Versagen und wie die Ordnung zerfasert. Sei es im Verhalten der Menschen untereinander, sei es im Verhalten gegenüber der Umwelt, was ihm als Ergänzung wichtig ist. Nicht umsonst beschäftigt sich Gehrke in der Freizeit mit dem Weltraum, hat eine "Batterie von Büchern" über das Universum bei sich stehen. Eine ganze Hobby-Palette muss der berufsbedingten Tristesse wehren, er reist gern und filmt, ist an Technik und Computern interessiert, liest fleißig Sachbücher. Im Garten zeugen Vogelhäuschen vom Bastler Gehrke, der sich freut, wenn ihm eine neue Art zufliegt.

Man sehe also, suggeriert der arbeitswütige Vorsitzende, es werde ihm mit 65 sicher nicht langweilig im Ruhestand.

Einspruch, Euer Ehren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben