Zeitung Heute : Opel: Noch Baustelle und schon aktiv

Ingo von Dahlern

Natürlich wollen wir modernste Autos fahren - ausgestattet mit der neuesten Technik, gefertigt nach modernsten Methoden in möglichst hoher Qualität. Wer das will, braucht allerdings auch ebenso moderne Fabriken. Denn auf den Fließbändern früherer Jahrzehnte lässt sich modernste Automobiltechnik nicht realisieren. So müssen Autohersteller auf verschiedenen Ebenen bauen. In den Werken die Autos und daneben die modernen Werke für noch modernere Autos, wie sie in den kommenden Jahren von den Bändern rollen werden.

So geschieht es derzeit bei Opel in Rüsselsheim. Denn obwohl man das Stammwerk erst im letzten Jahrzehnt aufwändig modernisiert und die Produktion neu organisiert hatte, genügt dieses Werk künftigen Ansprüchen einfach nicht mehr. So entsteht derzeit neben dem voll produzierenden Werk ein hochmodernes neues Werk, in dem vom nächsten Jahr an der neue Opel Vectra gebaut werden wird. Und ebenso modern, wie viele technische Lösungen bei diesem Auto, ist diese auf eine Jahreskapazität von rund 270 000 Fahrzeugen ausgelegte neue Fertigungsstätte. Die wird eines der produktivsten und zugleich flexibelsten Opel-Werke werden, in dem im Dreischicht-Betrieb auf einer gemeinsamen Fertigungslinie verschiedene Modelle in ständig wechselndem Mix entstehen werden.

Und obwohl das Werk derzeit erst ausgestattet wird, die Maschinen ihre Plätze erhalten und für ihre künftigen Aufgaben programmiert werden, läuft die Produktion im neuen Werk schon seit Monaten auf vollen Touren - in einer bislang in diesem Umfang einmaligen Simulation. So kann man in den auf dem Computer erzeugten Abläufen zum Beispiel den gesamten Bandablauf mit Finish und Endmontage darstellen. Und das nicht nur in einer groben Darstellung, sondern zum Teil so fein, dass jeder einzelne Arbeitsschritt in allen Details dargestellt wird. So kann zum Beispiel schon heute manch ein Mitarbeiter, der im nächsten Jahr im neuen Werk arbeiten wird, so gut wie jeden Handgriff für seine künftige Tätigkeit verfolgen und erste Erfahrungen mit der neuen Fertigung sammeln, obwohl diese in der Realität noch gar nicht existiert und sogar dazu beitragen, den Arbeitsablauf zu optimieren.

Für die Opel-Ingenieure, die das neue Werk entwarfen und derzeit dessen Bau leiten, bot die Simulation völlig neue Möglichkeiten, schon vor dem Aufstellen der ersten Maschinen den gesamten Produktionsablauf zu optimieren. Denn Änderungsvorschläge und Alternativen liessen sich auf diesem Weg binnen kürzester Zeit überprüfen und ebenso war es möglich, deren Wirkungen auf andere Bereiche der Produktion abzuschätzen. So war es schon sehr früh möglich, dieses Werk optimal auf eine hochflexible Fertigung auszulegen.

Denn der Erfolg moderner Automobilwerke hängt entscheidend davon ab, wie schnell man in der Produktion auf Veränderungen des Marktes reagieren kann, den Produktions-Mix einer ganzen Reihe von verschiedenen Modellen, die über das Band laufen, den aktuellen Kundenwünschen anpassen kann. Dazu gehört auch, dass heute praktisch jedes vom Band rollende Auto ein Wunschfahrzeug ist, dessen Ausstattung jeder Kunde nach seinen ganz speziellen Vorstellungen zusammengestellt hat. Der kleinste Fehler im Materialfluss kann bei einer solchen Produktion zu einer Katastrophe werden und muss vermieden werden.

Positiven Einfluss hat die Simulation aber nicht nur auf die Planung des Produktionsablaufs, des Materialflusses und die Gestaltung der Werkzeuge, sondern auch für die Arbeitsplatzgestaltung. Denn schon in der Simulationsphase konnten die einzelnen Arbeitsabläufe bei Ergonomie-Untersuchungen so optimiert werden, dass den später hier arbeitenden Mitarbeitern bestmögliche Arbeitsplatzbedingungen geboten werden können - die alte Refa-Methode der nachträglichen Bewertung und daraus abgeleiteter Änderungen hat dank Simulation ausgedient

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