Opel : Wenn Reparatur nicht mehr lohnt

Deutschland ohne Opel. Dieser Gedanke muss nicht lange wirken, um unangenehm zu werden. Opel kennt jedes Kind. Opel gehört dazu, gehört ins Straßenbild, gehört zu uns. Seit mehr als 100 Jahren – aber auch für alle Ewigkeit?

Henrik Mortsiefer

Deutschland ohne Opel. Dieser Gedanke muss nicht lange wirken, um unangenehm zu werden. Opel kennt jedes Kind. Opel gehört dazu, gehört ins Straßenbild, gehört zu uns. Seit mehr als 100 Jahren – aber auch für alle Ewigkeit? Die Lage der General-Motors-Tochter ist völlig verfahren. Unangenehm ist nicht mehr der Gedanke an ihr Verschwinden, sondern an Milliarden Euro Steuergelder, die verbrennen – oder in Detroit ausgegeben werden. Verbal haben einige Politiker deshalb das Insolvenzverfahren schon eröffnet. Besser, das Undenkbare zu denken, als später eine böse Überraschung zu erleben.

Aber wer entscheidet, was richtig ist – die Rettung oder die Abwicklung von Opel mit seinen 26 000 Arbeitsplätzen? Als es die Krise noch nicht gab, waren in den Banken die Banker zuständig und in den Autokonzernen die Automanager. Profis, die etwas vom Geschäft zu verstehen schienen und ihre Unternehmen in- und auswendig kannten. Im besten Falle Unternehmer, die einen Businessplan für die Zukunft hatten. Also etwa das Gegenteil von Rick Wagoner. Der GM-Chef hat seit Monaten keinen Plan mehr, manche sagen: seit Jahren. 2008 hat er mit GM einen Verlust von 31 Milliarden Dollar verursacht und gleichzeitig persönlich 15 Millionen Dollar verdient. Die US-Regierung warf ihm 30 Milliarden Dollar nach, damit GM nicht sofort kollabiert. Ein Totalschaden.

Damit Ähnliches nicht mit Opel passiert, strengen sich hierzulande alle besonders an – am Fließband und im Kanzleramt. Nur einen Plan hat niemand, weil niemand wirklich weiß, was mit diesem Unternehmen und seinen Top-Managern los ist. Man stelle sich Opel als Mittelständler vor, der sich derart schlecht vorbereitet um einen staatlichen Förderkredit bemüht. Richtig, dass Angela Merkel und ihr neuer Wirtschaftsminister (wo ist Peer Steinbrück?) mehr Informationen fordern, bevor Geld fließt. Aber wie oft wollen sie es noch fordern, wenn seit Monaten nur dünne Zukunftspapiere abgegeben werden? Roland Koch, der hessische Ministerpräsident, irrt, wenn er glaubt, dass Opel in die Pleite diskutiert wird. Das Management selbst zerstört das letzte Vertrauen. Und Vertrauen ist auch im Autogeschäft überlebenswichtig.

Wenn nichts mehr hilft, muss die Regierung des neuen US-Präsidenten Barack Obama ran. In einer Woche führt Karl-Theodor zu Guttenberg Gespräche in Washington und New York. Ob Guttenberg danach besser versteht, wie der Konzern entflochten und saniert werden kann, ist eher zweifelhaft. Wahrscheinlicher ist, dass er wie unlängst auch Jürgen Rüttgers aus den USA zurückkehrt: mit der substanzarmen Erklärung, dass noch nichts verloren sei.

So spricht einiges dafür, dass es besser wäre, den Opel-Beschäftigten in einer geordneten Insolvenz eine zweite Chance zu geben. Es ist ja durchaus möglich, dass Daimler doch Interesse am Werk in Eisenach hat, wenn es in der Insolvenzmasse günstiger zu haben ist. Und auszuschließen ist ebenso wenig, dass ein chinesischer Autobauer noch Gefallen an den Patenten findet, wenn im Schlussverkauf die Preise sinken. Vor allem aber kann niemand garantieren, dass das drastische Sparprogramm, das Opel auch mit staatlicher Unterstützung dringend bräuchte, nicht mehr Arbeitsplätze vernichtet als ein Sozialplan. Die Mitarbeiter haben es verdient, dass man ehrlich mit ihnen umgeht. Gute Autobauer werden auch in Zukunft in Deutschland gebraucht. Nur vielleicht nicht bei Opel.

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