Zeitung Heute : Operation am offenen System

Kranksein wird teurer. Sowohl die Regierung als auch die Opposition wollen mehr Geld von den Patienten. Ein Systemwechsel ist das nicht. Denn schon heute müssen die Versicherten viele Leistungen selbst übernehmen. Und manchmal zahlen sie zu viel.

Lutz Haverkamp

GESUNDHEIT – WAS SIE WERT IST

Zuzahlungen und private Zusatzversicherungen – diese Stichwörter kommen sowohl im Gesetzentwurf der rot-grünen Bundesregierung als auch im Gegenkonzept von CDU und CSU zur Reform des Gesundheitswesens vor. Neu ist das nicht. Schon heute müssen Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für verschiedene Leistungen in die eigene Tasche greifen. Denn lange nicht alles, was Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser anbieten, wird von den Kassen bezahlt.

So belaufen sich die Zuzahlungen für Arzneimittel je nach Packungsgröße auf vier bis fünf Euro und bei Verbandsmaterial pro Einheit auf vier Euro. Fahrtkosten müssen mit 13 Euro pro Fahrt, Heilmittel mit 15 Prozent und Hilfsmittel wie Bandagen, Einlagen und Kompressionstherapie mit 20 Prozent der übernahmefähigen Kosten selbst bezahlt werden. Eine Behandlung im Krankenhaus schlägt für maximal 14 Tage mit neun Euro pro Kalendertag beim Versicherten zu Buche. Neun Euro pro Kalendertag werden für ambulante und stationäre Rehabilitationsmaßnahmen – auch für Mütter – fällig.

Komplizierter ist die Sache beim Zahnersatz: 65 Prozent der Kosten übernimmt die GKV, wenn der Versicherte nachweisen kann, seine Zähne langjährig gepflegt zu haben. Dieser Anteil sinkt auf 50 Prozent, wenn der Nachweis nicht erbracht wird. Wer mehr will, kann sich schon jetzt zusätzlich versichern. Zuschüsse zu Brillengestellen gibt es heute nicht mehr. Für Gläser werden Festbeträge ausgehandelt, die nach Auskunft des Gesundheitsministeriums im Durchschnitt bei 40 Euro liegen. Chronisch Kranke und Versicherte, die unter einer bestimmten Einkommensgrenze liegen, können von der Zuzahlungspflicht befreit werden.

Das Gesundheitsministerium sieht die GKV aber nicht in einer Einbahnstraße zu Lasten der Versicherten: „Die rot-grüne Bundesregierung hat dafür gesorgt, dass viele Präventionsmaßnahmen heute wieder von der GKV getragen werden“, sagte eine Sprecherin am Dienstag dem Tagesspiegel. Der Eindruck der Patienten, dass heute mehr aus eigener Tasche bezahlt werden müsse, liege auch im Verhalten der Ärzte begründet. „Die wollen ihre so genannten individuellen Gesundheitsleistungen verkaufen und sagen, die Kasse zahle das heute nicht mehr.“ Richtig sei aber, so die Sprecherin weiter, dass die Kassen das in der Regel noch nie bezahlt hätten. Und das aus gutem Grund. Denn längst nicht alles, was zu kaufen ist, sei auch medizinisch sinnvoll. Zu den individuellen Gesundheitsleistungen, von denen es inzwischen mehrere hundert gibt, gehören beispielsweise Ozontherapien, Reisemedizin oder kosmetische Beratungen. „Keine müde Mark bezahlen, bevor nicht mit der Krankenkasse gesprochen worden ist“, rät die Sprecherin den Versicherten. Das gelte auch im hohen Maße für die Zahnbehandlung. Nur so sei sichergestellt, dass Patienten auch nur das bezahlen müssten, was die Kasse tatsächlich nicht bezahle.

Das Sterbegeld wird in Zukunft ganz wegfallen. Zum einen habe der Zuschuss nie ausgereicht, eine Beerdigung zu bezahlen, zum anderen, so hieß es aus dem Ministerium, habe Sterben nichts mit Gesundheit zu tun.

Mehr Informationen zum Thema Zuzahlungen: http://stern.fss-online.de/gkv/texte/zuzahlung.asp

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