Zeitung Heute : Operieren und kalkulieren

Ärzte müssen sich heutzutage nicht mehr nur um ihre Patienten kümmern. In Berlin machen zahlreiche Aufbaustudiengänge in Gesundheitsmanagement und Betriebswirtschaft fit

Yasmin El-Sharif

Hermann Scheffer hat viel erreicht in seinem Leben. Aber er will noch mehr. Dabei ist der gelernte Mediziner nicht mal übereifrig, sondern einfach nur auf der Höhe der Zeit. Für ihn ist es wichtig, im Berufsleben weiterzukommen. Deshalb hat sich der 39-Jährige für den Aufbaustudiengang „Health Care Management“ an der Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) in Berlin entschieden. Seit Herbst 2004 drückt er zum zweiten Mal die Hochschulbank, allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass er dieses Mal noch seinen regulären Job weitermachen muss. Er arbeitet als ärztlicher Berater für eine große Krankenkasse. Die doppelte Belastung nimmt er in Kauf. „Für mich ist es einfach wichtig, meine Arbeitsgrundlage durch hinzugewonnenes Wissen zu sichern und gleichzeitig meine bisherigen Kenntnisse aufzufrischen,“ so Scheffer.

Mit dieser Einstellung steht er keineswegs allein da. Wolfgang Henniger von der Agentur Quaas, die sich mit Berufen in der Gesundheitswirtschaft befasst, sagt, dass sich die Branche in den vergangenen Jahren vor allem durch politische Reformen im Gesundheitswesen gewandelt habe. „Der Wettbewerb ist schärfer geworden. Von Ärzten wird inzwischen verlangt, dass sie auch kalkulieren können.“ So müsse man sich von dem Bild eines Arztes, der sich ausschließlich um das Wohlergehen von Patienten kümmert, endgültig verabschieden.

Tatsächlich stehen Ärzte im Zeitalter von Fallpauschalen, Versorgungszentren, elektronischen Gesundheitskarten und knappen Budgets vor ganz neuen Aufgaben. Bisher wurde Medizinern während ihres Studiums aber gar nichts oder nur wenig über betriebswirtschaftliche Zusammenhänge vermittelt. Um die Versäumnisse der Vergangenheit nachzuholen, sprießen mittlerweile Studiengänge in den Bereichen „Gesundheitsmanagement“ oder „Health Care Management“ wie Pilze aus dem Boden.

Das Angebot der Weiterbildungsmöglichkeiten in Voll- oder Teilzeit richtet sich aber nicht nur an Mediziner. „Wenngleich 50 bis 60 Prozent unserer Studenten Ärzte sind, bewerben sich auch Sozialwissenschaftler, Ökonomen und manchmal auch Informatiker“, sagt Carola Bühnemann von der FHW. Diese arbeiten nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch für Krankenkassen oder in der Pharmaindustrie. Da an der Fachhochschule aber nur 25 Plätze pro Jahrgang zur Verfügung stehen, sind die Aufnahmevoraussetzungen recht hoch. Neben einem abgeschlossenen Studium, muss der Bewerber auch mindestens zwei Jahre Berufserfahrung nachweisen und gut Englisch sprechen können. Wer das alles mitbringt und ein zusätzliches Auswahlverfahren besteht, wird im Blockunterricht in Fächern wie Rechnungswesen, Gesundheitsökonomie und Sozialwesen unterrichtet. Das Ganze hat aber auch seinen Preis. So kostet das viersemestrige MBA-Studium 13 800 Euro.

Günstiger und auch ohne akademischen Abschluss geht es bei der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Berlin. Das Studium der Gesundheits- und Sozialökonomie findet ebenfalls berufsbegleitend an drei bis vier Abenden in der Woche statt und dauert eineinhalb Jahre. Die Studiengebühren liegen hier bei nur 120 Euro monatlich und auch die Aufnahmekriterien sind nicht sehr hoch: Ein Realabschluss, eine abgeschlossene Ausbildung und ein Jahr Berufserfahrung reichen aus. Dafür bereite das Studium die Absolventen aber „nicht unbedingt auf die obere Managementebene vor“, sagt Sonja Brinker von der VWA. Gute Berufsaussichten gebe es dafür beispielsweise im Bereich der Pflegedienstleistungen.

Aber auch an den Berliner Universitäten und an anderen Fachhochschulen gibt es in zunehmendem Maße Studiengänge mit Gesundheitsbezug. Die Freie Universität bietet ein Studium zum Master of Public Health an, bei dem der Bereich Gesundheitsmanagement einen Teil der Ausbildung bildet. An der Humboldt-Universität gibt es eine Reihe an Gesundheitsstudiengängen wie den Master of Consumer Health Care.

Wer sich im Gesundheitsbereich weiterbilden will, muss daran denken, dass das Studium teuer werden kann. Außerdem dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, dass die Fortbildung „ein Freibrief für eine gut dotierte Stellung mit Einfluss sei“, sagt der ehemalige FHW-AbsolventManfred Strauß. Carola Bühnemann von der FHW dagegen sagt, dass sich die Investition lohnt. Fast alle Absolventen seien beruflich aufgestiegen – allein acht ehemalige Studenten arbeiteten heute als Führungskräfte an der Charité. Berufsaussichten also, von denen Hermann Scheffer sicher auch träumt.

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