OPERN-DOPPEL„Ihre Bohème“ und „La Bohème“ : Neukölln vs. Mitte

Udo Badelt

Man könnte meinen, „La Bohème“ sei für Berlin geschrieben worden. Wohin könnte die Geschichte von den vier armen Künstlern, die Manuskripte verbrennen müssen, um ihr Dachzimmer zu heizen, heutzutage besser passen als in das Milieu des digitalen Prekariats von Kreuzberg oder Neukölln? Nach Paris? Da ist das Leben so erstickend teuer, dass die Bohème schon lange weitergezogen ist.

Der reine Zufall will es jetzt, dass mit der Neuköllner- und der Komischen Oper (Foto) gleich zwei Berliner Häuser im Abstand von drei Tagen Puccinis Werk auf die Bühne bringen und dem Publikum so die glückliche Situation bescheren, zwei verschiedene Regieansätze unmittelbar miteinander vergleichen zu können. Allerdings sind sich die Konzepte gar nicht so unähnlich. Beide fragen nach den Lebenswegen der Protagonisten und danach, was aus den jugendlichen Träumen von Freiheit und Kunst später einmal wird. Bei Rainer Holzapfel, der an der Neuköllner Oper bereits erfolgreich Orlando inszeniert hat, werden deshalb Schaunard, Rodolfo & Co. von älteren Sängern verkörpert. Sie blicken zurück auf ihre Karriere und rücken dabei Wert und Würde des Alters wieder ins rechte Licht. Für Andreas Homoki an der Komischen Oper müssen sich die Bohèmiens irgendwann entscheiden, ob sie ins Establishment drängen oder sich in ewiger Opposition lächerlich machen wollen. Auf fast leerer Bühne will er die Zeitlosigkeit des Themas deutlich machen, ähnlich wie Tobias Schwencke in Neukölln die Partitur für sieben Musiker arrangiert hat, um offen zu legen, wie sie emotional funktioniert. Einsparungen allenthalben. Auch das passt gut zu Berlin. Udo Badelt

Neuköllner Oper, Do 3.4., 20 Uhr (Prem.); Komische Oper, So 6.4., 19 Uhr (Prem.), jeweils ab 12 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar