Opernhaus im Dorf : Dirigent Gustav Kuhn begeistert in Erl

Ein eigenes Opernhaus – und gleich so ein Erfolg! Gustav Kuhn bebt vor Stolz und Vergnügen. Seine Sommerfestspiele beweisen, dass es auch anders geht als in Bayreuth.

Dirigent, Komponist, Überwerfer. Gustav Kuhn war einer der Gefragten, bis er mit dem geläufigen Musikbetrieb brach.
Dirigent, Komponist, Überwerfer. Gustav Kuhn war einer der Gefragten, bis er mit dem geläufigen Musikbetrieb brach.Foto: picture-alliance

Da ist er wieder. Fliegt auf seiner Honda über die Dorfstraßen. Hat nicht mal einen Helm auf, und die langen grauen Haare wehen im Fahrtwind. Die Dorfbewohner heben kaum den Kopf, wenn er vorbeidonnert. Sie wissen ja Bescheid. „Der Guschtl“, sagen sie, „der Wahnsinnige, da ist er wieder.“

Das Dorf heißt Erl. 1415 Einwohner, fast ebenso viele Kühe, 70 Schafe, 90 Schweine, 15 Pferde. Keiner kennt Erl.

Jeder kennt Erl. Kreuzworträtsel, „Passionsspielort mit drei Buchstaben.“ Erl.

Seit 1613 wird hier – wie im bekannteren Oberammergau – die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu aufgeführt, alle sechs Jahre. 1959 baute sich das Dorf ein damals avantgardistisch anmutendes Theaterhaus. Wie die Flosse eines weißen Hais ragt es aus dem Inntal in die Höhe. Aber das war vermutlich das einzige Mal in den vergangenen Jahrhunderten, dass Erl die Moderne streifte. Es blieb, was es war, Kuhdorf in Tirol, Passionsspielort, drei Buchstaben.

Bis dieser Motorradfahrer kam. Gustav Kuhn, Österreicher, Dirigent, Regisseur, Intendant, Komponist, Doktor, Professor, Wahnsinniger. Kuhn. Vier Buchstaben.

Seitdem ist in diesem Dorf etwas geschehen, was nur in sehr katholischen Dörfern geschieht. Ein Wunder.

Überzeugungstäter. Gustav Kuhn (links) und der Mäzen Hans Peter Haselsteiner.
Überzeugungstäter. Gustav Kuhn (links) und der Mäzen Hans Peter Haselsteiner.Foto: picture alliance

In diesem Dorf steht seit ein paar Monaten ein wildes Bauwerk an einem bewaldeten Hang, spitze, dunkle Zacken streckt es in alle Himmelsrichtungen, scheint aus dem Berg hervorzubrechen, gleich neben dem Passionsspielhaus ist ein Raumschiff des Futurismus gelandet. Es ist ein Opernhaus, und auf den grünen Dorfwiesen von Erl wirkt es mindestens so exotisch wie ein Opernhaus am Amazonas. Und jetzt finden hier zum ersten Mal Sommerfestspiele statt.

Wer kann nur auf eine so verrückte Idee kommen?

Natürlich der Wahnsinnige auf dem Motorrad.

Neben der Honda, rotmetallic, stehen übrigens noch eine Moto Guzzi und eine BMW K1 in seiner Garage. Gustav Kuhn ist nie bloß Dirigent gewesen. Promoviert in Psychologie, Mitglied der österreichischen Olympia-Mannschaft im Segeln, Landesmeister im Flying Dutchman. Aber das ist schon ein bisschen her.

Nicht ganz so lange ist es her, dass Kuhn keineswegs ein Kuhdorf-Dirigent war, sondern ein Welt-Dirigent. Muster- und Lieblingsschüler des Herbert von Karajan, mit dem er sich später überwarf, weil Gustav Kuhn ein großer Überwerfer ist. Er dirigierte an der Mailänder Scala und in Covent Garden, spielte mit den Berliner und Wiener Philharmonikern, bei den Salzburger Festspielen und in der Arena von Verona. Sein Name hatte einen Klang in der Musikwelt.

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