Zeitung Heute : Opfer des eigenen Erfolgs

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Haben die deutsch-französischen Beziehungen den Esprit verloren? Edmund Stoiber macht deren Erneuerung zum Teil seines Wahlkampfs. Ob die Deutschen tatsächlich für diese Idee zu haben sind, ist nicht klar. Klar ist aber, warum Stoiber sich berufen fühlt. Grund für die Probleme sei, dass Chirac und Schröder nicht miteinander klarkämen. Stoiber verweist gerne auf zwanzig Jahre Bekanntschaft mit Chirac. „Jacques Chirac und ich sind fest davon überzeugt, dass die Probleme in Europa ohne eine viel intensivere Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland nicht lösbar sind“, sagt Stoiber. „Eine enge Rücksprache zwischen unseren beiden Ländern bleibt der Grundstein der europäischen Integration.“ Die besten deutsch-französischen Paare kamen allerdings immer aus verschiedenen Lagern - Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, Francois Mitterrand und Hemut Kohl. Adenauer und de Gaulle hatten gemeinsam, dass sie konservative, katholische Staatsmänner waren, gezeichnet vom Krieg. Aber nur die Umstände vereinten sie. Frankreich und Deutschland hatten in drei Kriegen Millionen Leben gelassen. Ihre notwendige Annäherung hätte weniger exklusiv sein können, wären Großbritannien und USA außenpolitisch aufgeweckter gewesen. Kennedy gilt als der pro-europäischste Präsident in der Geschichte der USA, im Gegensatz zum jetzigen Amtsinhaber. Aber zu ihrer Zeit wurde Kennedys Regierung, genau wie die des britischen Premiers Macmillan, als zu schüchtern gegenüber der sowjetischen Bedrohung West-Berlins angesehen. Adenauer fürchtete, dass London und Washington das Schicksal West-Berlins allein mit den Sowjets verhandeln würden. De Gaulle bot sich als Partner an. Adenauer stimmte zu, ein starkes transatlantisches Bündnis hätte er vorgezogen. Die deutsch-französische Zusammenarbeit wurde Kern der EU. Differenzen über die EU-Osterweiterung und die Agrarpolitik waren jetzt Thema des Treffens im Elysée. Paris will keine Subventionskürzung und Berlin nicht noch mehr zahlen. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte: „Gewiss besteht nach vier Jahrzehnten ein Bedarf nach einem neuen Verhältnis mit dem Elysée, da unter den Bevölkerungen gewiss kein Problem mehr besteht.“ Anders gesagt: Die Allianz ist ihrem eigenen Erfolg zum Opfer gefallen.

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