Opfer des Mauerbaus : Geteiltes Leid

48 Jahre nach dem Bau und 20 Jahre nach dem Fall der Mauer wird in Deutschland noch immer darüber gestritten, wer als Maueropfer gilt und wer nicht. Woran liegt das?

Matthias Schlegel
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East Side Gallery: Berliner Mauerreste. -Foto: dpa

Heftig war der Streit, und er wurde hoch emotional geführt. Im Zuge der Erweiterung der Gedenkstätte Berliner Mauer ging es im Stiftungsbeirat Anfang Juli um die Frage: Soll in einem „Fenster der Erinnerung“, das den an der Mauer getöteten Menschen gewidmet ist, auch der acht Grenzsoldaten gedacht werden, die während ihres Dienstes ums Leben kamen?

Die meisten von ihnen waren in der DDR zu Helden hochstilisiert worden. Sie seien vom imperialistischen Klassenfeind beim Schutz ihres sozialistischen Vaterlandes feige ermordet worden, hieß es. In manchen Fällen wurde der Heldenmythos gepflegt, obwohl die Faktenlage eine andere als die offiziell verbreitete war. Etwa bei Peter Göring, der am 23. Mai 1962 auf den erst 14-jährigen Wilfried Tews geschossen hatte, um dessen Flucht durch den Spandauer Schifffahrtskanal zu verhindern. Die Kugeln schlugen auf West-Berliner Gebiet ein, woraufhin von dort aus Polizeibeamte dem Flüchtenden Feuerschutz gaben. Ein Querschläger tötete Göring. Indem er auf ein Kind und in Richtung West-Berlin geschossen hatte, verstieß Göring gleich gegen zwei Bestimmungen zum Schusswaffengebrauch. In der Heldenverehrung spielte das keine Rolle.

Die Berliner Mauer
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21.05.2011 10:06Am 13. August 1961 eskaliert die Lage in Berlin. Ostdeutsche Grenzsoldaten reißen mit Presslufthämmern die Straßen entlang der...

Oder Egon Schultz. Nachdem der Gruppenführer am 5. Oktober 1964 im Grenzgebiet Berlin-Mitte bei der Aufdeckung einer von West-Berlin ausgehenden Fluchthelferaktion erschossen worden war, inszenierten die DDR-Oberen die Beisetzung und Trauerfeier für den 21-Jährigen zu einer politischen Demonstration. Doch Schultz war zwar von Schüssen der Fluchthelfer getroffen worden, doch die tödlichen Geschosse kamen aus der Kalaschnikow eines Kameraden. Der Obduktionsbericht an der Charité hatte das eindeutig belegt. Die Stasi ließ das Dokument verschwinden. In anderen Fällen wurden die Grenzposten von eigenen Kameraden getötet, die so ihre Flucht erzwingen wollten.

 Der Beirat der Stiftung Berliner Mauer beschloss mit großer Mehrheit, die getöteten Grenzsoldaten nicht in die Gedenkwand aufzunehmen. An sie soll auf einer gesonderten Infostele erinnert werden. Ende Juli folgte der Stiftungsrat diesem Votum. Die Wissenschaftler, die am Dienstag das Forschungsprojekt „Die Todesopfer an der Berliner Mauer“ vorgelegt haben, entschieden sich hingegen, die DDR-Grenzsoldaten in den biografischen Teil des 136 Maueropfer umfassenden Buches einzubeziehen. Sie setzten die Beiträge über die acht Uniformierten allerdings an den Schluss. Gibt es also Maueropfer ersten und zweiten Grades? Für den Fernsehjournalisten und Buchautor Heribert Schwan ist das nicht nachvollziehbar. „Der Schmerz über den Tod ist nicht teilbar“, sagte er am Dienstagabend auf einer Podiumsdiskussion in der Gedenkstätte. „Auch Grenzsoldaten, die umgekommen sind, sind für mich Opfer der Mauer.“ Schwan hatte bereits 1991 mit Werner Filmer ein Buch über Maueropfer herausgegeben.

Von den Gegnern des Gedenkens an Grenzsoldaten war dagegen argumentiert worden, es sei für die Angehörigen der bei Fluchtversuchen Erschossenen unerträglich, auf der Gedenkliste auch jene vorzufinden, die dem menschenverachtenden Grenzregime gedient hätten.

Der Expertenstreit wird wahrscheinlich ein weiteres Mal aufflammen. Nämlich dann, wenn auch die Todesfälle an der innerdeutschen Grenze genau untersucht werden. Ein solches Projekt ist 20 Jahre nach dem Mauerfall überfällig. Die „grüne Grenze“ war ja schon seit 1952 ausgebaut worden. Die Zahl der Opfer war dort weitaus höher als an der Berliner Mauer. Auf unterschiedlichen Listen seien 1200 bis 1300 Todesfälle verzeichnet, sagt Maria Nooke, stellvertretende Leiterin der Mauergedenkstätte. Nur einen Bruchteil davon könne man bislang als gesichert bezeichnen, der Rest müsse erforscht werden. Schätzungen gehen von einer Zahl zwischen 550 und 800 Todesopfern aus. Bislang ist die Finanzierung solch eines Projektes noch nicht geklärt. Der Bund würde laut Nooke die Hälfte übernehmen, die andere Hälfte müssten die Länder beisteuern. Das aber gestalte sich bislang „schwierig“.

Ob es irgendwann eine zusammenhängende Untersuchung über die deutschen Todesopfer an den einstigen „Westgrenzen“ der Drittländer wie Tschechien, Ungarn, Bulgarien oder Jugoslawien geben wird, ist offen. Dazu müssten diese Länder ihre Archive zugänglich machen, was sich nach bisherigen Erfahrungen als äußerst kompliziert erweist. 

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