Zeitung Heute : Opfer des Tempos

Technisches und menschliches Versagen im Krieg

Robert Birnbaum

Eigentlich darf es nicht passieren – aber es passiert. „Friendly fire“, der versehentliche Beschuss der eigenen Leute, fordert in modernen Kriegen sogar einen vergleichsweise hohen Anteil der Opfer. Im Golf-Krieg 1991 etwa wurden 107 Amerikaner und 22 britische Soldaten von eigenen Kameraden verwundet oder getötet, auf US-Seite ein gutes Sechstel der Kriegsopfer. Sie starben in Panzern und Mannschaftstransportern, die alliierte Piloten für irakische Marschkolonnen hielten. Und neben das menschliche trat technisches Versagen. Eine Studie der US-Luftwaffe zählt mindestens fünf Fälle auf, in denen das Leitsystem von Raketen plötzlich Freund und Feind verwechselte und auf eigene Radarstellungen, Schiffe und Panzer zuflogen.

Solche Fehler mit furchtbaren Folgen hat es immer gegeben. Noch vor Jahrzehnten galt allerdings eine „friendly fire“-Quote von etwa zwei Prozent als normal. Dass der Prozentsatz steigt, erklärt sich zu einem gewissen Teil aus einem reinen Statistik-Effekt: Die Gesamtzahl der Opfer auf Seiten der High-Tech-Armeen des Westens sinkt ständig. Militärexperten weisen überdies darauf hin, dass solche Zwischenfälle heutzutage sehr viel genauer und schneller untersucht würden als früher. Aber die moderne Waffentechnik fordert ebenfalls ihren Tribut. Der US-Luftwaffen-Kommandeur im ersten Golfkrieg, General Homer, hat einmal darauf hingewiesen: „Wenn es im Zweiten Weltkrieg oder im Korea-Krieg einen Unfall gab, hatte ein Mann eine Splitterwunde.“ Eine irregeleitete Anti-Radar-Rakete, die in eine Luftabwehrstellung einschlägt, tötet und verwundet Dutzende.

Solche Unfälle zu verhindern ist nicht einfach. Die US-Armee hat ihre Soldaten und Fahrzeuge am Boden inzwischen mit Infrarot-Reflektoren und anderen Kennzeichen ausgerüstet, die auch nachts oder im Sandsturm erkennbar sein sollen. Die Neuerungen sind die Konsequenz daraus, dass die schlimmsten Zwischenfälle im Golfkrieg wie im Afghanistan-Konflikt die Folge von Verwechslungen waren: Piloten hielten eigene Truppen am Boden für Gegner. Neu sind auch die Möglichkeiten, über Digitalfunktechnik, Positionsbestimmung per GPS-Satellit und automatische Signalgeber-Systeme immer schneller und zuverlässiger zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Einige US-Panzereinheiten sind schon mit Computertechnik ausgerüstet, die das Schlachtfeld wie ein Videospiel darstellt: Auf einer Bildschirm-Karte wird in weitem Umkreis deR Standort der eigenen wie gegnerischer Fahrzeuge markiert.

Der gleiche technische Fortschritt erhöht allerdings zugleich dramatisch das Tempo des Krieges. Und damit sinkt die Chance, eine Fehlentscheidung zu korrigieren. Fällt ein solches Sicherheitssystem aus, wird es sehr rasch kritisch. Kampfpiloten etwa, denen eine Warnlampe im Cockpit den Ausfall des IFF (Identification Friend/Foe) anzeigt – des Freund-Feind-Senders, der verschlüsselte Signale an die eigenen Flugzeuge und Flugabwehrbatterien schickt –, können sich zwar noch durch bestimmte Flugmanöver als Freund zu erkennen geben. Aber bei Überschall-Geschwindigkeit bleibt wenig Zeit zur Reaktion. Und wenn die Abfangrakete schon unterwegs ist, nützt auch das fliegerische Notsignal nicht mehr.

Fachleute sind denn auch skeptisch, dass sich das Problem „friendly fire“ lösen oder auch nur deutlich eindämmen lässt. Je mehr Technik, desto mehr Tempo und desto mehr technisches Versagen – ein Teufelskreis, den selbst redundante, also mehrfach vorhandene und voneinander unabhängige Sicherheitssysteme nie ganz durchbrechen können. Gegen menschliches Versagen hilft die Technik ohnehin nicht. Als zwei US-Bomberpiloten vor Gericht kamen, weil sie im Afghanistan-Konflikt irrtümlich eigene Truppen bombardiert und vier kanadische Soldaten getötet hatten, machte ihr Verteidiger die US-Luftwaffe für den Unfall verantwortlich: Die Air Force gestatte den Soldaten nämlich, sich für die stressigen und langen Einsatzflüge mit Amphetaminen und anderen Wachmacher-Pillen fit zu halten, kontrolliere aber die Dosierung allen Vorschriften zum Trotz nicht.

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