Zeitung Heute : Opfer Wahrheit

Der Kapuzenmann ist Symbol geworden für die Fehler der USA im Irak. Aber wer steckte unter der Kapuze?

Christoph Marschall[Washington]

Unter den vielen schändlichen Fotomotiven vom Folterskandal im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib ist vermutlich der Kapuzenmann das bekannteste, vielleicht sogar das Symbolbild schlechthin: ein Mensch als Vogelscheuche. Er steht in einem schwarzen Umhang mit Kapuze auf dem Kopf und Elektrodrähten an den Armen auf einer Kiste. Die Demütigung und Misshandlung Gefangener durch US-Soldaten wiederum ist wohl der gravierendste Makel im weltweiten Bild vom Irakkrieg, dessen Beginn sich heute zum dritten Mal jährt – schlimmer noch als der Verdacht, George W. Bushs Regierung habe den Krieg mit Lügen über Massenvernichtungswaffen und angebliche Verbindungen Al Qaidas zum Irak begründet. Das Gefängnis Abu Ghraib soll nun geschlossen werden.

Die US-Medien sind voll harter Urteile über „Amerikas Schande“ und die „moralische Katastrophe“. Das Online-Magazin Salon.com hat soeben das Ermittlungsdossier der Militärstaatsanwaltschaft in die Hände bekommen und samt weiteren, bisher unveröffentlichten Bildern aus Abu Ghraib ins Internet gestellt – um zu verhindern, dass die Bush-Regierung den Skandal unter den Teppich kehre, sagt Chefredakteurin Joan Walsh.

Gerade begann ein weiterer Prozess gegen zwei Hundeführer in Fort Meade. Die Hauptbeschuldigten, Lynndie England und Charles Graner, sitzen schon lange hinter Gittern. Ex-Kommandeur Generalmajor Geoffrey Miller wurde die Pensionierung verweigert. Allerdings wurde der Skandal nicht durch aufmerksame Medien aufgedeckt. Sondern das Militär selbst machte ihn nach einer internen Untersuchung kurz nach den Misshandlungen im Winter 2003 öffentlich. Es dauerte Monate, bis die Medien ab Mai 2004 breiter berichteten.

Die jetzt von Salon.com veröffentlichten Untersuchungsakten haben eine unerwartete Folge: Eine Opfergeschichte stellt sich offenbar als Lüge heraus. Journalisten, die neben den Tätern von Abu Ghraib auch den Leidtragenden ein Gesicht geben wollten, waren auf Ali Shalal Qaissi gestoßen. „Vanity Fair“, das TV-Magazin „Now“, der „Spiegel“ und vor einer Woche auch die „New York Times“ stellten den 43-Jährigen als den Kapuzenmann vor, ein Teil von ihnen unter seinem Rufnamen Hadschi Ali. Unter Saddam war er Bezirksbürgermeister in Bagdad. Bis heute zeigt er Sympathie für den sunnitischen Widerstand. Im Juli 2004 hatte er eine Klage mit Schadenersatzforderungen gegen die USA eingereicht und im Herbst 2004 einen „Verein der Opfer amerikanischer Besatzungsgefängnisse“ gegründet. Seither reist er mit entsprechenden Visitenkarten durch die Welt, vor allem durch den Nahen und Mittleren Osten, und hält Vorträge über die Folter in Abu Ghraib. Die Fotos hat er im Laptop dabei und erläutert sie seinen Zuhörern, teils unter Tränen, teils mit bitterem Lachen. So beschreiben es Medien.

Er sei von Oktober 2003 bis Frühjahr 2004 der Gefangene mit der Nummer 151716 in Block A gewesen, hat er gesagt und zum Beleg auf seine verkrüppelte linke Hand verwiesen, an der ein halber Finger fehlt und zwei geschwollen und steif sind – nach seinen Worten die Folge eines Unfalls mit einem explodierenden historischen Gewehr bei einer Hochzeitsfeier. Diese Behinderung sei auch auf dem bekannten Foto zu sehen.

Nur eine Woche nach dieser Darstellung hat die „New York Times“ sich an diesem Wochenende korrigiert. Salon.com hatte nach Prüfung des Dossiers der Militärstaatsanwaltschaft Zweifel angemeldet, dass dies der Kapuzenmann sei. Nun kann auch die „New York Times“ die verkrüppelte Hand auf dem Symbolbild nicht erkennen. Und manch Ungereimtes kam ans Licht. Nach seiner Entlassung hatte Ali Shalal Qaissi zunächst nicht behauptet, er sei der Kapuzenmann: weder, als er sich im Frühjahr 2004 an „Human Rights“ im Irak wandte, noch in der Klageschrift vom Juli, noch in den ersten Interviews, die er Journalisten gab, sondern erstmals im Herbst 2004, als er den Opferverein gründete.

Nach längerem Leugnen habe er schließlich „in einem tränenreichen Telefongespräch gestanden“, dass er nicht der Mann auf dem Foto sei, berichtet die „New York Times“. Er und seine Anwälte beharren jedoch darauf: Auch er sei in gleicher Weise misshandelt worden. „Dann gibt es eben mehr als einen Kapuzenmann“, sagt seine Anwältin Sudan Burke aus Philadelphia.

Das bestreitet die Militärstaatsanwaltschaft. Sie ist sicher, dass sie das wahre Opfer identifiziert hat: Abdou Hussain Saad Faleh, den sie im Gefängnis „Giligan“ nannten. Nach zwei Jahren penibler Untersuchungen weise nichts darauf hin, dass es einen weiteren gebe. Allerdings sind in der Fotosammlung bei Salon.com neben dem berühmten Foto, datiert vom 4. November 2003, 23 Uhr 01, Fotos von einem Mann in oranger Gefangenenkluft mit verkrüppelter Hand zu finden, gleicher Tag, ähnliche Uhrzeit. Auf Rücken und Brust hat jemand „The Claw“ geschrieben: die Klaue. Wer ist nun wer?

Die „New York Times“ fragt selbstkritisch, wie sie auf Ali Shalal Qaissi hereinfallen konnte. Ob sie zu wenig getan hat, um ihn zu überprüfen? Mit seiner sanften Stimme, seiner Selbstironie und den vielen Details habe er sehr glaubhaft gewirkt. Zur Wahrheit gehört wohl auch, dass man nach dem Schock über den unbestrittenen Folterskandal alles für möglich halten kann.

Der „Spiegel“ hat sein eigenes Problem mit dem falschen Kapuzenmann. Seine Geschichte über Hadschi Ali vom 26. September 2005 ist für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert. Der wahre Kapuzenmann Abdou Hussain Saad Faleh, alias „Giligan“, ist verschwunden. An der Adresse, die er im Gefängnis angab, kennt ihn niemand. Die Mehrheit der Gefangenen, heißt es dort, mache gezielt falsche Angaben über ihre Identität.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben