Orhan Pamuks Museum : Ein Haus wie es im Buche steht

Was es in diesen 83 Vitrinen alles zu sehen gibt: Zigarettenstummel, Ohrringe, eine Lok ... Genialer Krempel! Orhan Pamuk hat uns vor der Eröffnung schon mal durch sein Museum geführt.

Der Schaukasten zu Buchkapitel 28 „Der Trost der Dinge“.
Der Schaukasten zu Buchkapitel 28 „Der Trost der Dinge“.Foto: The Innocence Foundation

Orhan Pamuk hat das Haus entdeckt, als er seine kleine Tochter Rüya von 1996 bis 2001 jeden Morgen zur Schule begleitete. Das auf dem Weg gelegene Viertel – nicht weit entfernt von der Wohnung des Schriftstellers und wie diese im Stadtteil Beyoglu gelegen – faszinierte ihn. Früher lebte hier Istanbuls nichtmuslimische Minderheit: Griechen vor allem, die man später vertrieb, Armenier und Juden. Nun standen manche der Häuser leer, waren zu Lagern oder Arbeiterunterkünften umfunktioniert. Auf den Straßen lag Müll, und die Autos mussten sich durch Schlaglöcher kämpfen. Pamuk also kam morgens stets an einem schmalen, Ende des 19. Jahrhunderts errichteten und ziemlich heruntergekommenen Eckhaus vorbei, das ihm so sehr gefiel, dass er es 1999 kaufte. In seinen Gedanken, seiner Fantasie hatte hier die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Füsun gelebt – eine Figur aus einem Roman, der da gerade Gestalt annahm in Pamuks Kopf.

13 Jahre später ist dieser Roman einer großen, unglücklichen Liebe längst geschrieben und unter dem Titel „Das Museum der Unschuld“ erschienen. Die Straßen des Viertels sehen noch immer nicht so schick aus wie die anderswo im angesagten Beyoglu. Doch das alte, dreistöckige Eckhaus erstrahlt in neuem Glanz. Pamuk hat es renovieren lassen und zeigt dort nun eine Ausstellung, die seinen Roman auf einzigartige Weise real werden lässt: Sein „Museum der Unschuld“ eröffnet an diesem Wochenende, doch hat der Literaturnobelpreisträger dem Tagesspiegel vorab eine exklusive Führung gegeben.

Der 59-Jährige erscheint im Mantel und mit Basecap. Der hochgebildete, vielseitig interessierte Pamuk ist ein Mann ohne Allüren, doch er wirkt ein wenig eigen und ruhelos. Man hat eine Frage noch nicht zu Ende gestellt, da ist er schon dabei, sie ausführlich zu beantworten – dann und wann unterbrochen von einer ironischen Bemerkung und lautem Lachen.

Er selbst taucht auch ein paar Mal auf als Figur in seinem Roman. An einer Stelle wird der junge Orhan als jemand beschrieben, der „andauernd nervös und ungeduldig rauchte und sich an einem spöttischen Lächeln versuchte“. Die Geschichte wird erzählt aus der Perspektive von Kemal, der aus einer reichen Istanbuler Familie stammt und sich in die schöne Füsun verliebt. Über diese Liebe geht seine Verlobung in die Brüche, Füsun jedoch heiratet einen anderen. Kemal verfällt nun in Depressionen, betäubt sich mit Raki und sammelt wie besessen Gegenstände, die mit Füsun zu tun haben: Schuhe, Fotos, Uhren, Schmuck, Geschirr ... Er arbeitet an einem Museum, in dem er all dies zeigen will, es soll in Füsuns ehemaligem Wohnhaus eingerichtet werden. Kemal stirbt schließlich, doch hat er vorher – so steht es im Roman – Orhan Pamuk seine Geschichte niederschreiben lassen, damit Besucher die Ausstellung verstehen können.

Die Figuren Kemal und Füsun sind fiktiv. Aber in Pamuks Museum wird so getan, als habe es sie wirklich gegeben, und genau dies verleiht dem Ort seine Magie. Auf einem Schild am Eingang heißt es: „Dieses Gebäude, das Zuhause der Familie Keskin von 1975 bis 1999, wurde von 1999 bis 2012 in ein Museum umgewandelt.“ Keskin ist Füsuns Familienname.

Auch hat das Museum etwas Nostalgisches, weil die Exponate meist aus den 70er Jahren stammen. Es gibt 83 Schaukästen auf drei Etagen – für jedes Kapitel des Buches einen. Pamuk hat die Vitrinen in liebevoller Kleinarbeit gestaltet. Etwa die zu Kapitel neun, in dem Kemal und Füsun das erste Mal miteinander schlafen. Unter anderem finden sich darin ein geblümtes Baumwolltaschentuch und ein weißer Gürtel, beides taucht im Text auf. Zusammengehalten werden diese Exponate von einer Drahtmatratze. „Ich konnte den Kasten monatelang nicht fertigstellen, etwas fehlte“, erzählt der Schriftsteller. „Da entdeckte ich eines Tages auf einem Balkon diese Matratze – ich habe sie sofort gekauft.“ Fragt man Pamuk nach seiner Lieblingsvitrine, so läuft er einmal durch die ganze Ausstellung und deutet auf fünf, sechs verschiedene Kästen: „Dieser hier ist toll... aber den mag ich auch gerne!“

Mit dem Sammeln mancher Gegenstände fing er schon an, als noch keine Zeile des Buches geschrieben war. Andere – etwa die Kolumne eines fiktiven Klatschkolumnisten – wurden später angefertigt. Ursprünglich sollten Buch und Museum der Öffentlichkeit parallel präsentiert werden, doch kamen Pamuk technische Probleme dazwischen. Außerdem zog er sich zwischenzeitlich ins Ausland zurück, weil ihn türkische Nationalisten wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern bedrohten. Der Staat stellt ihm mittlerweile einen Leibwächter.

Der Eintritt zum „Museum der Unschuld“ kostet für Ausländer 25 Lira (rund 10 Euro). Oder man bringt den Roman mit: Das Ticket, das in Kapitel 83 abgedruckt ist, gilt als Eintrittskarte.

Mehr Infos: masumiyetmuzesi.org

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