Zeitung Heute : Ort der Verzweiflung

Die Schule in Beslan ist gestürmt. Viele Geiseln sind tot, nicht alle befreit. Sechs Fragen und Antworten

H. Monath[C. von Salzen] W. Orlowa[C. von Salzen] M. Schmidt

Das Geiseldrama ist beendet. Fragen bleiben. Was sind die Hintergründe des Geschehens?

Welche russischen Spezialkräfte waren an der Aktion beteiligt?

Bei der dramatischen Beendigung des Geiseldramas in der Schule in Beslan spielten die russischen Spezialeinheiten Speznas und Omon die entscheidende Rolle. Als Speznas werden die Spezialkräfte des russischen Militärgeheimdienstes (GRU) bezeichnet. Das Wort bedeutet in der Übersetzung allgemein „Spezialkräfte“. Sie sind besonders gut ausgebildet und gelten als Meister der unkonventionellen Kriegsführung. Omon sind die Sondertruppen des russischen Innenministeriums. Die Einheit wurde 1987 ins Leben gerufen und trat die Nachfolge von Spezialtruppen des Innenministeriums an, die acht Jahre zuvor für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau gegründet worden waren. Die Omon ist für Gewaltexzesse in den Baltenrepubliken berüchtigt.

Warum sind einige der Terroristen geflüchtet und haben sich nicht, wie zunächst befürchtet, in die Luft gejagt?

Die Geiselnehmer hatten vor allem ein Ziel: Den Kreml vorzuführen und dabei möglichst viel Schaden anzurichten,sagen Experten. Das ist ihnen gelungen. Sie haben die Weltöffentlichkeit auf sich aufmerksam gemacht. Sie haben den Kreml blamiert und gezeigt, dass Russland keineswegs in der Lage ist, Sicherheit und Ordnung in der Region zu gewährleisten. Denkbar sei, sagt Heinrich Vogel, Vorstandsmitglied der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, dass deshalb einige versucht haben , im Getümmel zu entkommen, weil sie ihr Ziel erreicht haben: „Warum sollen sie nicht die Gelegenheit nutzen, an anderer Stelle zu einer anderen Zeit noch mehr Unheil anzurichten?“

Wie kommt es, dass so viele der Kinder beinahe nackt waren?

Der Anblick der zum Teil bis auf die Unterhose entkleideten Kinder gab zu Spekulationen darüber Anlass, ob es sich um eine Form von Repressalie durch die Geiselnehmer handelte. Tatsächlich ist es wohl so, dass die Terroristen die Geiseln zwangen, sich auszuziehen, um ihrerseits unbemerkt die Schule verlassen zu können. Sie wollten die Kleidungsstücke der Geiseln nutzen,um sich zu verkleiden. Das berichtete der Pressesprecher des Innenministeriums in Rostow-am-Don (Nordkaukasus), Ilja Glapin, dem Tagesspiegel. Zum anderen aber ist es 45 Grad warm in Beslan – und in der Schule war es vermutlich unerträglich heiß.

Warum gibt es keinen internationalen „Stabilitätspakt“ für den Kaukasus?

Die Idee eines Stabilitätspakts für den Kaukasus nach dem Vorbild der Hilfe für den Kosovo klingt plausibel, doch scheitert sie in der Realität daran, dass ihr wichtige Voraussetzungen fehlen. Denn Präsident Wladimir Putin hat so wenig wie das russische Militär ein Interesse an einer Internationalisierung des Konflikts. Auch hätte die EU jenseits von Moskau keinen Partner für ein Hilfs- und Aufbauprogramm in Tschetschenien oder in anderen Kaukasus-Republiken: Im Kosovo ist nicht umsonst die UN-Verwaltung der Ansprechpartner, an Rebellenführer kann keine Wirtschaftshilfe ausbezahlt werden. Schließlich erschwert die Sicherheitslage einen Einsatz von Beratern aus dem Westen. Die EU-Vertreter müssten damit rechnen, selbst Opfer von Anschlägen zu werden.

Warum gab es so widersprüchliche Angaben über die Zahl der Geiseln?

Es klang, als hätten die Behörden genau nachgerechnet: 354 Geiseln seien in der Schule, davon 132 Kinder – das war der Stand von Donnerstagmorgen. Später berichteten jedoch die ersten freigelassenen Geiseln, es seien bis zu 1500 Geiseln in dem Gebäude. Unklar ist, wie sich der Krisenstab so sehr verrechnen konnte. Doch auch sonst ließ die Informationspolitik zu wünschen übrig. Nach der Stürmung gab es zunächst kaum Angaben über die Zahl der Toten. Die meisten Kinder hätten überlebt, versicherten die Behörden schnell, zu schnell. Aber wo waren diese Kinder? Die TV-Bilder von den befreiten Geiseln zeigen immer wieder dieselben Menschen. Bilder von Toten waren zunächst nicht zu sehen. Mehr als 200 Menschen sterben in der Turnhalle oder erliegen anschließend ihren Verletzungen.

Wieso haben Verhandlungen keinen friedlichen Ausgang ermöglicht?

Putin gab die Devise bereits im Februar aus: „Russland verhandelt nicht mit Terroristen, es vernichtet sie.“ Diesen harten Kurs hatte der Kreml bereits bei der Geiselnahme im „Nord-Ost“ vertreten. Zur Strategie der Jelzin-Ära wollte Putin nicht zurück: Im Juni 1995 verhandelte die Regierung mit den Geiselnehmern im Krankenhaus in Budjonnowsk. Hunderte Menschen wurden gerettet – aber Rebellenführer Bassajew erhielt freies Geleit und verübte später weitere Anschläge. In Putins Russland ist ein Nachgeben gegenüber Terroristen undenkbar. Und so war es auch kein Regierungsvertreter, sondern der Kinderarzt Leonid Roschal, der sich um Gespräche mit den Terroristen in Beslan bemühte. Dabei ging es vor allem um humanitäre Fragen: den Zugang zu Lebensmitteln oder die Freilassung der Kleinkinder. Freies Geleit lehnten die Terroristen ab.

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