Zeitung Heute : Osama Bin Laden: Kalkül eines Fanatikers

Ashwin Raman

Die Schlacht um Afghanistan hat begonnen. Raketen schlagen ein in Kabul und Kandahar. Und während die Welt erschrocken und gebannt auf die Schläge der Amerikaner sieht, taucht plötzlich Osama bin Laden auf den Fernsehschirmen auf. Ein Video, das der arabische Fernsehsender "Al Dschasira" am Sonntag ausstrahlt, zeigt ihn zusammen mit seinem Vertrauten, dem Ägypter Ayman al-Zawahiri. Bin Laden trägt diesmal kein langes weißes Gewand, sondern Tarnkleidung. Im Hintergrund ist ein Gewehr zu sehen, das an einem Felsen lehnt.

Die Botschaft bin Ladens an die Welt ist eindeutig: Der Heilige Krieg gegen die Juden und Christen hat begonnen. "Was Amerika jetzt erfährt, ist unbedeutend im Vergleich zu dem, was wir seit etlichen Jahren erfahren", sagt bin Laden, "unsere Gemeinschaft erfährt diese Erniedrigung und diese Entwürdigung seit mehr als 80 Jahren." Millionen unschuldiger Kinder würden im Irak und den palästinensischen Städten getötet, und niemand habe bislang dagegen seine Stimme erhoben.

Rächer der Unterdrückten

Diese Botschaft, in der gesamten arabischen Welt medial verbreitet, dürfte bin Laden dort viele Sympathien einbringen. Er versucht sich als Rächer der Unterdrückten, als eine Art arabischer Robin Hood darzustellen. Dass er nun den israelisch-palästinensichen Konflikt zur Rechtfertigung der Terroranschläge instrumentalisiert, ist ein schlauer Schachzug. In vielen islamischen Ländern, darunter auch in den Palästinensergebieten, gab es nach der Videoansprache bin Ladens Sympathie-Kundgebungen. Die Autonomiebehörde beeilte sich deshalb mitzuteilen, man distanziere sich von bin Laden, und der Konflikt mit Israel dürfe nicht für extremistische Ziele missbraucht werden.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Wo das Video bin Ladens aufgenommen wurde, weiß keiner. Ebenso wenig, wo er sich jetzt gerade aufhält. Aber es gibt einen, der zumindest ahnt wo er sein könnte: Hamid Mir, der Chefredakteur der pakistanischen Zeitung "Al Ausaf". Er ist der einzige Journalist, mit dem bin Laden bis vor kurzem Kontakt pflegte. Am Morgen des Montag gelingt es mir, Hamid telefonisch in Peschawar erreichen. Bin Laden, sagt er, sei entweder in den schwer zugänglichen afghanischen Oruzgan Bergen oder er habe das Land schon verlassen. Aber wohin kann er gegangen sein? Welches Land nimmt einen bin Laden auf? Geheimnisvolle Antwort: "Du wirst schon dahinterkommen, wenn du ein wenig nachdenkst."

Spielen wir also die Möglichkeiten durch. Im Norden Pakistans, wo bin Laden sehr beliebt ist, könnte er gut untertauchen. Aber das Risiko, entdeckt zu werden, ist viel zu groß, seitdem Pakistan zu Afghanistan auf Distanz gegangen ist. Sudan ist als Zufluchtsland ausgeschlossen, da Präsident General Omar al Baschir bin Laden nicht wohlgesonnen ist. Jemen, woher seine Familie ursprünglich kommt, wäre eine Möglichkeit. Aber als Nachbarland von Saudi-Arabien will die Regierung Ärger mit den Ölscheichs vermeiden. Iran mit seinem tief verwurzelten Hass gegen die USA käme auch in Frage. Ob schiitische Mullahs allerdings ihren Kopf für den Sunniten bin Laden hinhalten?

Einer hat sich schon bereit erklärt, bin Laden aufzunehmen: Saddam Hussein. Aber auf den ist bin Laden seit dem Einmarsch Iraks in Kuwait nicht gerade gut zu sprechen. Eine weitere Einladung gibt es aus dem Libanon. Die ultraradikale Schiiten-Gruppe Hisbollah wäre bereit, ihn aufzunehmen, doch deren Unterstützer Iran und Syrien würden das nicht zulassen. Mit Abu Sayyaf auf den Philippinen möchte bin Laden nichts tun haben. Er hält die Gruppe um ihn für nichts weiter als einen Haufen Banditen. Nach alldem bleibt nur noch eine Option. Sie heißt Tschetschenien, mit diesem Land pflegte bin Laden stets gute Beziehungen, ja, er äußerte schon einmal den Wunsch, mit seiner Terrorgruppe Al Qaida dort zu kämpfen.

Die Zahl möglicher Zufluchtsländer ist also nicht eben groß. Aber in fast allen Ländern der muslimischen Welt ist bin Laden ein Held. Kinder werden auf den Namen Osama getauft. In Pakistan gibt es Apotheken und Autowerkstätten, die Osama Medical Stores oder Osama Motor Works heißen. Überall werden bin-Laden-Devotionalien verkauft, Fotos, die ihn mit Kalaschnikow zeigen, oder T-Shirts mit seinem Konterfei. Seine Popularität ist einfach zu erklären. Er fordert die Großmächte dieser Welt heraus: Ende der 70er Jahre hat er seinen Reichtum und sein bequemes Leben für den Dschihad, den Heiligen Krieg, gegen die Sowjetunion, aufgegeben, und jetzt sind die verhassten USA dran. Es sind nur die Eliten, die englischsprachige Zeitungen lesen, und die Ölscheichs, die ihn einen Extremisten oder Terroristen nennen. Für die einfachen Muslims bleibt er ein Freiheitskämpfer.

Fast 13 Jahre ist es her, dass ich ihm das erste Mal begegnete. Es war in Peschawar, nicht weit entfernt vom legendären Khyber-Pass, dem Tor zu Afghanistan. Der Krieg gegen die Sowjets in Afghanistan hatte gerade seinen Höhepunkt erreicht. In Peschawar wimmelte es von afghanischen Mujahedin und Freiheitskämpfern von Algerien bis Amerika. Waffenhändler brauchten sich hier nicht zu verstecken. Von Vertretern der belgischen Fabrique National, die Munition zu allen möglichen automatischen Gewehren anbot, bis zu den koreanischen Vertretern der Firma Heckler und Koch. Für all diese Händler war der Besuch eines ehemaligen Schulgebäudes in der Jamrud Road Pflicht. Dort befand sich ein Treffpunkt für alle, die in Afghanistan kämpfen wollten. Der Mann, der dieses Büro führte, war ein 30-jähriger Millionär aus Saudi-Arabien namens Osama bin Laden.

Als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschierten, war der junge bin Laden gerade in Pakistan zu Besuch. Aus eigener Anschauung erlebte er den Flüchtlingsstrom aus Afghanistan. Er kehrte nach Saudi-Arabien zurück, um Geld, Lebensmittel und Medikamente zu sammeln. 1982 besuchte er Pakistan wieder, diesmal mit Waffen für den Widerstand. Zwei Jahre später gründete er jenes Büro in der Jamrud Road.

Es war nicht einfach, bin Laden zu interviewen. Er war sehr wortkarg, sagte nur immer wieder, es sei die Pflicht eines jeden Muslims, sich an diesem Dschihad zu beteiligen. Zwei Dinge blieben mir von dieser Begegnung hauptsächlich in Erinnerung. Für einen Menschen, dem so viel Gewalt nachgesagt wird, hatte er überraschend weiche Hände. Und das Zweite war die Tatsache, wie gut er den Widerstand damals organisiert hatte. Es war ja keine einfache Aufgabe, so viele Menschen unterschiedlicher Nationalität zusammenzuschmieden. Die ersten Tage durften die Neuankömmlinge in einem Hotel ausruhen. Danach mussten sie im Büro in der Jamrud Road erscheinen, um ihre Pässe, ihr Geld und andere Wertsachen zu deponieren. Aus Sicherheitsgründen bekam jeder einen eigenen Kriegsnamen. Dann ging es ins Trainingslager und nach 45 Tagen nach Afghanistan. Aber noch nicht sofort an die Front. Erst gab es wieder Zeit für die neuen Krieger, sich auszuruhen und zu akklimatisieren. Das pausenlose Geräusch der Kanonen in der Ferne und die Verwundeten der Frontlinien, die täglich eintrafen, vermittelten den Neulingen die ersten Berührungen mit dem Krieg. Nach dem Abendgebet gab es Vorträge über den Dschihad: Jeder Muslim müsse kämpfen, wenn ein Nichtgläubiger in ein islamisches Land eindringt; Familie, Kinder und andere Verpflichtungen spielen dann keine Rolle mehr.

So motiviert gingen die Rekruten in den Tag ihres ersten Einsatzes. Die Besten wurden ausgesucht und nach Khost, in das Lager Farook, geschickt. Hier wurden sie weiter ausgebildet im Umgang mit Bomben und Sprengstoffen. Die Ausbilder waren fast immer Pakistanis, die wiederum bei der CIA und dem britischen SAS gelernt hatten.

Zum Tod bereit

Als 1989 die Sowjets Afghanistan verließen, hatte bin Laden eine Gruppe von gut ausgebildeten Guerillakämpfern, die bereit waren, für ihn zu sterben. Dies war die Geburtsstunde seiner Al Qaida. Er brauchte nicht lange zu warten, bis es für sie Arbeit gab. Als Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte, bot bin Laden Saudi-Arabiens König Fahd Hilfe an. Der jedoch holte die Amerikaner, und bin Laden sagte später: "Nichtgläubige in unserem heiligen Land zuzulassen ist für einen gläubigen Muslim nicht akzeptabel. Das war die größte Enttäuschung meines Lebens." Er verließ Saudi-Arabien endgültig.

Nach kurzen Aufenthalten in Pakistan und Afghanistan ließ er sich im Sudan nieder. Als 1996 die Taliban in Kabul an die Macht kamen, wurde bin Laden mit offenen Armen empfangen. Heute verfügt er über 3000 fanatische loyale Kämpfer aus verschiedenen arabischen Ländern.

Ende 1998, nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, begegnete ich ihm in der Khost-Region in Afghanistan wieder. Die Jahre der Flucht sind bin Laden offensichtlich nicht gut bekommen. Er sah krank aus, hatte chronische Rückenschmerzen und konnte sich nur mit Hilfe eines Stocks bewegen. Auffallend war, dass er große Mengen Wasser zu sich nahm, was offenbar mit einer Nierenkrankheit zu tun hatte. Die Hände waren nicht mehr so weich wie damals, und er sprach wenig, sehr langsam. Aber eins sagte er immerhin: Auf die Behauptung, er habe versucht, chemische oder nukleare Waffen zu beschaffen, sagte er: "Die Beschaffung von Waffen jeglicher Art, ist Pflicht aller Muslime. Falls ich die Waffen besitzen sollte, danke ich Gott."

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