Zeitung Heute : Oskar kommt

Abschied nach 39 Jahren: Lafontaine tritt aus der SPD aus – und mit Gysis PDS zur Wahl an, falls die Zeit für ein Bündnis noch reicht

Stephan Haselberger[Matthias Sc] Matthias Meisner[Matthias Sc]

Ach, wie er sich windet, ohne sich zu bewegen. Wie er keine Miene verzieht. Wie er leidet, in diesem Moment. Er, das Political Animal. Er, Rampensau – was jetzt, bitte, bitte, nicht despektierlich klingen soll –, wenn die Bühne nur eine politische ist. Doch, das muss man schon gesehen haben: Es ist Wahlkampf – W-A-H-L-K-A-M-P-F –, und streng genommen, darf er nicht mittun, nicht hier, an dieser Stelle, im Seidenweberhaus von Krefeld, wo es ein bisschen aussieht wie in der Ukraine, weil sich die Partei mit dem schwerfälligen Namen „Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ (WASG) ausgerechnet die Farbe Orange als Erkennungsmerkmal ausgesucht hat. Da ist es schon Ende April.

Da sitzt er nun, im Scheinwerferlicht. Er ist noch in der SPD. Noch. Und neben ihm, da redet einer, der ihm rhetorisch das Wasser nicht reichen kann, umständlich und auf kokette Weise kompliziert, dass es schon fast wieder liebenswürdig ist. „In der Sozialdemokratie, da gibt es ja Gott sei Dank noch den einen oder anderen, der vielleicht noch drin ist…“

Kein Lächeln, gar nichts. Es ist, wie gesagt, Ende April. Und ob Oskar Lafontaine noch „drin“ ist in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, deren Vorsitzender er einmal war, und die er, gemeinsam mit Gerhard Schröder aus einem Tal der Tränen nach 16-jähriger bleierner Oppositionszeit an die Macht geführt hat, das weiß in diesem Moment nur er. Wahrscheinlich nicht. Verabschiedet, innerlich, hat er sich längst. An diesem Dienstag meldet er Vollzug. Endlich. Die Zeit des Leidens ist nun vorbei, die Zeit des Sich-Zierens, die Zeit der Koketterie. Es ist Zeit für einen Wechsel, für einen Rollenwechsel. Er ist nun nicht mehr Oskar, der Outcast, den sie so geliebt haben in der SPD, und dem sie die Fahnenflucht auch deshalb so übel genommen haben, weil sie ihn so geliebt haben – damals, an jenem 11. März 1999, als er sich stundenlang verleugnen ließ, sogar am Autotelefon, weil er Hals über Kopf die Brocken hingeschmissen hatte, im Finanzministerium, was sie ihm vielleicht noch verziehen hätten, aber auch in der Partei. Was man nicht macht. Nicht in der SPD, nicht mal aus Überzeugung.

Nun ist er geschlossen, der Resonanzraum SPD. Die Rolle des ewigen Kritikasters, des Besserwissers mit dem links schlagenden Herzen, des auf die schiefe Bahn geratenen Familienmitglieds – sie hat ein Ende.

Oskar Lafontaine erklärt seine Mitgliedschaft in der SPD „formell“ für beendet. Er muss das via „Bild“-Zeitung tun, was einer gewissen Logik des Populismus folgt. Dort war er ja Publizist, intellektueller Grüßaugust für den Stammtisch gewissermaßen, was jetzt vielleicht doch ein bisschen despektierlich klingt. Nun geht er, 39 Jahre nach seinem Parteieintritt. Es sind dürre Worte zum Abschied, dem ein Anfang folgen wird. Worte, wie aus dem Wörterbuch eines Verwaltungsangestellten entwendet. „Ich habe immer erklärt, meine formelle Mitgliedschaft ist beendet, wenn die SPD mit der Agenda 2010 und Hartz IV in die Bundestagswahl zieht.“

Eigentlich ist das nicht seine Sprache – nicht die Wortwahl eines Oskar Lafontaine, aber vielleicht soll es auch den Verlustschmerz übertünchen. Oft hat er anders geredet. Mit dem Satz „Nur wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern“, hat er sich an die Macht geputscht. Damals, in Mannheim. 1995. Wo alles begann und wo irgendwie auch schon, Darth-Vader-mäßig, das Ende mit angelegt war, das Abdriften zur dunklen Seite der Macht. Damals, wo die Wunden geschlagen wurden in der Partei, die nie so richtig vernarbt sind. Tiefe Wunden, so tief, dass mancher in der Partei, der den Abtrünnigen monatelang nur „dieses Arschloch“ genannt hat, nun nicht mal hinter vorgehaltener Hand seine Freude zum Ausdruck bringen will, dass nun alles ein Ende hat.

Doch es gibt ja auch Freunde, in der SPD, Mitstreiter im Geiste, Weggefährten, die wichtig werden können, in diesen Zeiten, in denen sich im Stundenrhythmus die politische Tektonik in Deutschland verschiebt, in der die SPD, ja, erodiert. In der neue Linksbündnisse möglich scheinen. Ottmar Schreiner ist so einer. Eine Schlüsselfigur. Es ist 14 Uhr 30, die Meldungen laufen schon seit einiger Zeit über den Ticker, aber Lafontaines alter Kumpel sagt, er habe „erst vor fünf Minuten davon erfahren“. Was will er nun tun? Bleibt er in der SPD oder folgt er dem Beispiel des früheren Vorsitzenden? Das ist nicht nur deshalb eine schwere Frage für Ottmar Schreiner, weil er an einer fiebrigen Erkältung laboriert. Es ist eine Frage, die für einen altgedienten Sozialdemokraten an die Substanz geht, und deshalb verordnet sich der Ex-Bundesgeschäftsführer erst einmal Ruhe: „Keine Schnellschüsse aus der Hüfte, cool bleiben, setzen lassen“, sagt er am Handy. Es klingt wie eine Selbstbeschwörung.

Und Andrea Nahles, einstige Juso-Chefin, Lafontaine-Ziehkind aus jenen Zeiten, da der Saarländer ganze Parteitage kippen konnte mit einer einzigen Rede? Nahles ist so cool, wie Schreiner gerne sein würde. „Die Entscheidung kann niemanden ernsthaft überraschen“, sagt sie. Aber schmerzen vielleicht? „Ich glaube nicht. Wenn die SPD das politische Spektrum in der Breite abdeckt, ist das eine Veranstaltung, die man beherrschen kann.“ Das Spektrum der Breite. Technokratensprache, auch hier. Dieter Wiefelspütz immerhin ist bereit, den Schmerz zuzugeben. „Das tut weh“, sagt er – und meint damit, die Prozentpunkte, die der SPD nun fehlen werden, wenn Lafontaine am linken Rand mitmischt, dort, wo sich PDS und WASG sammeln wollen. Irgendwie jedenfalls. „Wenn es zu einer gemeinsamen Liste kommen sollte, bin ich bereit mitzumachen“, hatte Lafontaine am Dienstagmorgen zu Protokoll gegeben. Es war die Ouvertüre für den Sturm, der an diesem Tag von links losbrechen sollte.

Sturmwarnungen gab es. Wenige kannten sie. Gregor Gysi hat sich seit Tagen über die Aufregung gefreut, die ins Haus steht. Obwohl der einstige und womöglich baldige PDS-Frontmann, wie immer, kokettierte, dass auch ihn so ein Vorschlag „mächtig unter Druck bringen“ würde. Da war es Mitte Mai, zehn Tage vor der NRW-Wahl. Gysi speiste bei seinem Lieblingsitaliener und philosophierte über die selbst verschuldete Schwäche der Linken. Das Restaurant liegt unweit von Gysis Anwaltskanzlei im noblen Berliner Westen. Für Gysi war das der Platz, um seine eigenen Parteifreunde darauf einzustimmen, dass sie im Westen absehbar nichts ausrichten werden. Noch immer wirke die PDS dort wie eine ausländische Partei. „Ich mache mir keine Illusionen mehr: Absehbar werden wir im Westen keine ausreichende Bedeutung haben.“ Die PDS-Wahlkämpfer in Nordrhein-Westfalen waren stinksauer. „Der ist bekloppt“, schimpfte einer – und musste am Wahlabend einsehen, dass der frühere PDS-Vorsitzende doch Recht hatte: Die PDS bekam in NRW 0,9 Prozent der Stimmen und damit nicht einmal die staatliche Rückerstattung der Wahlkampfkosten. Und auch für die Linkspartei reichte es mit 2,2 Prozent bei weitem nicht.

Das Ergebnis, es war der Startschuss. Noch bevor Lafontaine am Wahlabend zu Sabine Christiansen ging, telefonierte er mit Gysi – beiden war klar, dass alles nun sehr viel schneller gehen müsse. Das Szenario, das die beiden schon vor Tagen besprochen hatten – Lafontaine kündigt seinen Rückzug aus der SPD an und fordert PDS und WASG zur Kooperation auf, stand jetzt unmittelbar an.

Ob sich die Linken jetzt einigen? Oder ewig diskutieren, wie es Gysi und wohl auch Lafontaine insgeheim befürchten? Im Karl-Liebknecht-Haus, wo der PDS-Parteivorstand sitzt, sind sie an diesem Dienstag hin- und hergerissen. Soll man sich jetzt nur auf die eigenen Kräfte verlassen oder auf ein Bündnis mit der Linkspartei setzen, die im Gewerkschaftsmilieu des Westens punktet, dort also, wo die PDS kaum ankommt? Bis September „größere Konstrukte auf die Beine zu stellen unter Linken in Deutschland halte ich für unmöglich“, sagt PDS-Chef Lothar Bisky. Nachdem Lafontaine seinen Appell zur Kooperation verbreitete, polterte PDS-Wahlkampfchef Bodo Ramelow: „Ich werbe für Realismus. Oskar Lafontaine wäre gut beraten, wenn er sich das deutsche Wahlrecht anschauen würde. Wir sind hier nicht in Italien.“

Doch auf eine gemeinsame linke Liste „nach dem Modell des italienischen Olivenbaums“ bezieht sich Lafontaine – eine Listenverbindung aber lässt das deutsche Wahlrecht nicht zu. Sollte, nach Vorbild von CDU und CSU, die PDS nur im Osten und die WASG nur im Westen antreten, müssten beide Parteien aus eigener Kraft fünf Prozent der Stimmen erreichen – unmöglich. Bleibt das Angebot der PDS, Lafontaine, Schreiner und die Vorkämpfer der Wahlalternative auf offenen Listen der PDS antreten zu lassen. Das will wiederum die Linkspartei nicht. Klaus Ernst, IG-Metall-Chef aus Schweinfurt, ist im vergangenen Frühjahr wegen seiner Linkspartei-Aktivitäten aus der SPD geflogen. Er ist nun Vorsitzender der WASG. „Dann würden wir im Westen nicht akzeptiert“, sagt er. Ihm ist mulmig beim Gedanken, dass am 18. September zwei Linksparteien gegeneinander antreten „und beide bei 4,9 Prozent hängen bleiben“. Am liebsten würden sie eine neue Partei gründen, eine „Überpartei“. WASG und PDS könnten weiter bestehen, doch zur Bundestagswahl antreten würde nur eine neue Konstellation. 2006 hätte das vielleicht funktioniert, doch jetzt rennt die Zeit davon.

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