Zeitung Heute : Ost-Berlin erinnert sie an das eigene, graue Land

Der nichtdeutsche Blick auf die Wiedervereinigung: Viele Migranten meiden bis heute die östlichen Bezirke.

Vanessa Bohórquez Klinger
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Freiraum. Stefanie Bürkle in ihrer Installation namens „Placemaking“. Foto: TU-Presse/Dahl

„Nachdem wir die Jannowitzbrücke überschritten hatten, haben wir uns umarmt und gesagt, dass wir wiedervereinigt wurden, dass wir jetzt vollkommen frei sind. Wir haben auf der Brücke getanzt (…).“ Diese Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer stammt nicht von einem OstBerliner Paar, sondern von Ha und Huy Hong, die aus Vietnam als Leiharbeiter in die DDR gekommen sind. „Bei der Wiedervereinigungseuphorie wurde ein wichtiger Aspekt völlig ausgespart: Niemand hat sich dafür interessiert, was Migranten zum Thema Mauerfall zu sagen hatten. Gerade diese fremde Perspektive ist eine Möglichkeit, einmal aus der Selbstbetrachtung herauszutreten“, sagt Stefanie Bürkle, Professorin für Bildende Kunst an der TU Berlin.

In ihrem künstlerischen Forschungsprojekt „Migration von Räumen: Placemaking im Fokus von Migration und Mauerfall“ beschäftigt sich Bürkle mit dem Mauerfall aus Migrantensicht. Ihr interdisziplinäres und internationales Team hat in rund 40 Interviews persönliche Perspektiven von Vietnamesen, Polen, Türken und Ukrainern eingefangen. Dabei wurde ein wesentlicher Unterschied zwischen der Wahrnehmung der Migranten aus Ost- und West-Berlin deutlich. „Die Vietnamesen begriffen die Wiedervereinigung als Befreiung und sahen zwischen ,Wessis‘ und ,Ossis‘ keinen Unterschied. Die Türken hingegen, die sich sehr mit West-Berlin identifizierten, sahen ihren Platz in der Gesellschaft bedroht. Sie empfanden die ,Ossis‘ als Eindringlinge, als ,ausländische Inländer‘“, erläutert Bürkle. Die meisten der interviewten Türken hätten den Eindruck, nach der Wende von den ,Ossis‘ verdrängt und somit von Bürgern zweiter Klasse auf Bürger dritter Klasse degradiert worden zu sein.

Bürkle interessiert sich nicht nur für Migration im herkömmlichen Sinne. Sie versteht unter Migration nicht nur die Reise von Menschen, sondern auch eine Bewegung von Räumen. „Jeder Migrant bringt seinen Kulturraum aus der Heimat mit, die Art, seine Wohnung einzurichten oder den öffentlichen Raum zu nutzen.“ Das wiederum präge das Berliner Stadtbild und beeinflusse somit auch unser kulturelles Raumverständnis.

Diese mitgebrachten und geschaffenen Räume von Migranten zwischen Ankunfts- und Herkunftsland bezeichnet die Wissenschaftlerin als „migrierte Räume“, die ebenfalls Bestandteil ihrer Forschung sind. Interviewte Ukrainer und Polen aus dem Westteil der Stadt empfanden eine große Abneigung gegenüber dem Ostteil, den sie bis heute weitgehend meiden. Er erinnerte sie an das eigene „graue Land“, berichtet Bürkle. Vietnamesen hingegen nehmen den Berliner Stadtraum pragmatisch und wirtschaftlich wahr. Sie haben einen Blick dafür, wo sich eine Lücke auftut und ein Imbisswagen Platz hat. In den vergangenen 20 Jahren arbeiteten sie sich mit ihren Imbissen und Restaurants erfolgreich von Hohenschönhausen über Friedrichshain bis nach Mitte und Charlottenburg vor.

Die Ergebnisse des Projekts, das durch den Hauptstadtkulturfonds und die Schering-Stiftung gefördert wird, wurden nicht einfach in einer Publikation zusammengefasst, sondern mit künstlerischen und wissenschaftlichen Mitteln methodisch aufgearbeitet und einem größeren Publikum zugänglich gemacht.

Als begeh- und hörbare Installation ist „Placemaking“ noch bis zum 31. Januar 2010 Teil der Gruppenausstellung „Berlin 89/09 – Kunst zwischen Spurensuche und Utopie“ in der Berlinischen Galerie. Am 5. November wird die Einzelausstellung „Placemaking, Mapping, Migration und Mauerfall“ in der Schering-Stiftung eröffnet. Vanessa Bohórquez Klinger

Mehr Informationen unter

www.placemaking.de

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