Zeitung Heute : Ost-Timor: Erste und letzte Chance

Moritz Kleine-Brockhoff

Ein auseinander geschnittener Müllbeutel hängt im Eingang zu dem Kabuff, eine Tür gibt es nicht. Dahinter liegt auf dem verstaubten Betonboden eine dünne Matratze, darüber hängt ein Mückennetz. Möbel stehen nur im Büro, dem größten Raum. Die Küche ist da, wo der Spiritusbrenner gerade steht. Seit Mitte Mai wohnt Jörg Meier in der heruntergekommenen Polizeistation von Alas, in den Bergen Osttimors. Früher arbeiteten hier indonesische Beamte, jetzt sind die UN da: zwei australische und zwei jordanische Polizisten, ein Projektkoordinator aus Sierra Leone, eine Italienerin und der Student aus Passau.

"Unabhängige Wahlkommission" steht auf dem Schild an Jörg Meiers Tür. Zusammen mit der Italienerin hat er in Alas die Wahl zur ersten osttimoresischen Volksversammlung vorbereitet, heute ist es soweit. Eigentlich sollte der 29-Jährige gerade seine Magisterarbeit in Südostasienstudien schreiben. "Aber die Erfahrungen hier sind mir im Moment wichtiger", sagt Meier. Seit sechs Jahren kommt er immer wieder nach Osttimor: als Wahlbeobachter oder Helfer - für GTZ, Welthungerhilfe oder UN.

Die Polizeistation, ein paar ausgebrannte Betongerippe, Hütten aus Holz und Bambus, die Ruine einer Festung der ehemaligen Kolonialherren aus Portugal und die weiße Kirche auf dem Hügel - das ist Alas. Hier leben rund 1000 Osttimoresen und sieben UN-Leute. Besucher sind selten, acht Monate im Jahr kann man das Dorf nur zu Fuß oder mit dem Haubschrauber erreichen. In der Regenzeit ist der Weg von der Küste herauf mehr Schlammfluss als Straße.

Ein paar 100 Meter von der Polizeistation entfernt sitzt Filipe Fernandes im Schatten seines Hauses. "Es ist gut, dass die UN da sind", sagt er, "sonst gibt es vielleicht wieder Gewalt." Fernandes redet langsam, so, als sei jedes Wort anstrengend. 1999 hätten indonesische Soldaten ihn verhaftet und an einer Hand aufgehängt, sagt er und fasst sich ans Handgelenk. Sie hätten ihm vorgeworfen, mit osttimoresischen Unabhängigkeitskämpfern zusammenzuarbeiten, die rund um Alas in den Bergen saßen. Bis in die kleinen Dörfer reichte die Kontrolle der Besatzer aus Indonesien, Alas war "Komando Distrik Militer 1634". Auch hier gab es pro-indonesische Milizen, sie zerstörten rund 80 Prozent aller Gebäude, als die Osttimoresen 1999 die Unabhängigkeit wählten. "Hoffentlich sorgen die Leute, die wir jetzt wählen werden, für Stabilität", sagt Fernandes leise. 1975, nach dem Abzug der portugiesischen Kolonialmacht, bekämpften sich die osttimoresische Befreiungsbewegung Fretilin und die rechtsgerichtete Demokratische Union Timors in einem kurzen Bürgerkrieg, bis die Indonesier eingriffen. Diesmal blieb der Wahlkampf friedlich. "Ich habe den Eindruck, dass die Menschen genug haben von Mord und Zerstörung", sagt Wolfgang Kreissl-Dörfler, der Chef der EU-Wahlbeobachter, "und die Politiker wissen, dass dies die erste und letzte Chance für Osttimor ist." Nachdem die Staatengemeinschaft dem Unrecht in Osttimor lange zugeschaut hatte, brachte sie vor zwei Jahren Soldaten und Milliarden in das kleine Land.

Dass die Wahl wichtig ist, wissen die Osttimoresen. Warum das so ist, nur wenige. Nur die Hälfte kann lesen und schreiben, die meisten sind nicht unpolitisch - aber Politik, das war in der Vergangenheit hauptsächlich die Frage, ob man für oder gegen die Unabhängigkeit ist. Jetzt stehen 16 Parteien und ebenso viele unabhängige Kandidaten auf den Wahlzetteln. Demokratie statt Unterdrückung und Gewalt - das ist neu. In Alas und in 20 Dörfern der Gegend versuchte Jörg Meier zu erklären, worum es bei der Parlamentswahl geht und wie sie ablaufen wird. In der Regenzeit marschierte er stundenlang zu Fuß. Manchmal probierte er es mit dem Mountainbike.

Jetzt ist es trocken. Der UN-Pickup hüpft eine Stunde lang über harte Lehmbuckel in das Dorf Feriksare. Was der weiße Mann mitbringt, hat hier noch niemand gesehen: einen Laptop, zwei Lautsprecher und einen kleinen Generator. Als der plötzlich losknattert, rennen die Kinder weg. Weil auf dem Bildschirm des Laptops wenig später Filme laufen, kommen sie wieder und mit ihnen die Erwachsenen. Sie sehen eine Rede von Kofi Annan, Comics und Szenen mit Schauspielern, die zeigen, wie es im Wahllokal zugehen wird. Dann zeigt Jörg Meier Poster. Auf Bahasa Indonesia, der Sprache, die viele Osttimoresen sprechen, erklärt er, dass das neue Parlament eine Verfassung erarbeiten und verabschieden wird, dass es entscheiden wird, wann Osttimor unabhängig wird, dass die Wahl geheim ist und dass nur wählen darf, wer seinen Ausweis mitbringt.

"Die UN sagen uns, was wir nicht wissen", meint ein Mann, "sie sagen nicht, wen wir wählen sollen, aber das weiß ich schon: Ich wähle Fretilin." Die Partei ist für viele Osttimoresen Synonym des Widerstandes. Aus ihr kamen die Guerillas, die gegen die Indonesier kämpften. Ihr Anführer Xanana Gusmao hat sich zwar von Fretilin abgewandt, aber das hat der Partei nicht geschadet. Abgestimmt wird nicht über Programme, sondern über die Vergangenheit, und Fretilin wird gewinnen. Generalsekretär Mari Alkatiri rechnet mit 80 Prozent der Stimmen. Xanana tritt zu den Parlamentswahlen nicht an, der vergötterte Held wird wohl Präsident werden, alle Osttimoresen wollen es so. Das UN-Projekt "Unabhängiges, demokratisches Osttimor" könnte ein Einparteienstaat werden mit einem unabhängigen Präsidenten, dessen Wort stärker ist als das Parlament.

Noch ein Frisbeespiel mit Kindern, dann packt Jörg Meier ein. Bald werden Osttimoresen ausgebildet, damit sie Wahlen in Zukunft selbst organisieren können. Die meisten UN-Mitarbeiter ziehen in ein paar Monaten ab, Meier in zwei Wochen. Dann wird er wieder an seiner Magisterarbeit schreiben, denn wenn Osttimor unabhängig wird, hat er dafür endlich Zeit.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben