Zeitung Heute : Ost West küsste, küsste

16 Jahre nach dem Mauerfall – und immer noch gemischte Gefühle. Nicht nur im Bundestag, sondern auch am Waschbecken. Eine Beziehungsbilanz.

Simone Schmollack

Ich gebe zu, ich habe nach Klischees gesucht.“ Wie ein Arzt, der den Rücken seines Patienten Zentimeter für Zentimeter abklopft, um herauszufinden, wo der Husten sitzt, hat Susanne vom ersten Moment an jeden einzelnen Satz von Stephan nach Stereotypen durchwühlt. „Ich habe sie nicht gefunden.“ Susanne hat das getan, was viele Menschen 16 Jahre nach der Wende noch immer tun: Sie fragen sich, ob an dem Unbekannten etwas Besonderes ist. Einzig, weil er aus dem anderen Teil Deutschlands kommt. Susanne stammt aus Leipzig, Stephan aus Kiel.

Als sich die 43-jährige Dolmetscherin und der 38-jährige Betriebswirt vor zwei Jahren kennen lernten, warfen sie sich ihre Vorurteile zunächst gegenseitig heftig an den Kopf. Später verglichen sie, wogen ab und stellten dann erstaunt fest: Susanne ist keineswegs „typisch Ost“ und Stephan auch nicht „typisch West“.

Er sei das absolute Gegenteil ihrer Schubladenvorstellungen gewesen, sagt Susanne. Anfangs machte ihr das Angst, weil sie auf diese Weise ihr Klischeedenken nicht mehr pflegen konnte. Sich mit der Realität auseinander zu setzen, ist schwieriger, als sich in Glauben zu flüchten. Und Stephan fragt sich inzwischen: „Bin ich durch Susanne bereits verostet?“

Einmal saßen die beiden gemeinsam vor dem Fernseher und sahen einen „Polizeiruf“, in dem Otto Sander, Ben Becker, Monika Hansen, Imogen Kogge, Katharina Thalbach und Horst Krause mitspielten. „Toller Film“, hatte Stephan gesagt. „Und alles Ostschauspieler.“ Susanne konnte nur herzhaft lachen: „Bis auf Krause und Katharina Thalbach ist keiner von denen aus dem Osten. Und die Thalbach ist lange vor der Wende ausgereist.“

Hat es 15 Jahre nach dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten eine Annäherung von Ost und West gegeben, auf die in der großen Politik noch immer gewartet wird? Für den privaten Bereich darf diese Frage durchaus bejaht werden. Die deutsch-deutsche Vereinigung hat in der Liebe stärker ihren Niederschlag gefunden als in anderen Bereichen des Alltags. Ost-West-Paare, die sich vor zwei bis vier Jahren gefunden haben, spüren kulturelle, emanzipatorische und ökonomische Unterschiede weniger als Paare, die sich kurz nach dem Mauerfall begegnet sind.

Ossis und Wessis waren sich zunächst um den Hals gefallen und dann in einen Rausch verfallen. Als sie wieder zu sich kamen, begannen sie zu reden und stellten fest, dass sie einander nicht verstehen. Sie sprachen die gleiche Sprache, aber sie vermochten nicht, sich verständlich zu machen. Sie verwendeten die gleichen Wörter, meinten aber etwas anderes. Also stritten sie und kehrten sich schließlich gegenseitig den Rücken zu.

Für die Frauen und Männer, die sich jetzt mit einem Partner aus dem anderen Teil Deutschlands zusammentun, ist es offensichtlich leichter. Sie kennen die jeweils andere Seite inzwischen mal mehr, mal weniger gut, zumindest besser als vor 16 Jahren. Daher stehen sie nicht mehr so erschrocken voreinander wie einst. Der Riss verläuft heute nicht mehr so heftig zwischen Ost und West, sondern verstärkt zwischen oben und unten. Die soziale Schicht, aus der jemand kommt und in der er sich bewegt, ist für die Partnerwahl entscheidender als die geographische Herkunft.

Das heißt jedoch nicht, dass Ost-West-Paare heute in stiller Harmonie miteinander leben. Differenzen gibt es nach wie vor. Auch sprachlich, selbst wenn inzwischen jeder weiß, was ein Straßenbegleitgrün, die Sekundärrohstoffverwertung oder das Abendbrot ist. Klar ist auch, dass im Rheinland niemand drei viertel vier versteht (oder verstehen will), weil es dort viertel vor vier heißt. Ein Lieblingssatz der Ossis, mit dem sie die „Westsprache“ karikieren, könnte lauten: „An Ostern habe ich unter der Woche fünf Tage am Stück frei.“ Und wenn Stephan zu Susanne sagt: „Magst du mir mal bitte die Butter geben“, erwidert sie spöttisch: „Mag ich nicht. Aber ich geb sie dir trotzdem.“

Geht es über sprachliche Eigenheiten hinaus, landen die Einheits-Paare schnell bei der aktuellen Politik und der jüngsten deutschen Vergangenheit. Nicht selten versinken sie tiefer in ihrem „alten“ Leben, als es ihnen lieb ist. Dann verteidigen sie Dinge, die sie früher verabscheut haben. Meist hat das mit Ost- oder Westalgie nichts zu tun, sondern mit dem Bedürfnis, die eigene Biographie in einer grenzüberschreitenden Partnerschaft nicht zu verlieren. Diejenigen, die in der Lage sind zuzuhören, zu verstehen und zu verteidigen, ohne in Dogmen zu verfallen, werden beschenkt mit dem Blick in ein Leben, das sie selbst nicht führen konnten. Manche Frauen und Männer sind sogar dankbar für die neugierigen und kritischen Fragen des anderen. Dadurch werden sie gezwungen, ihre Vergangenheit mitunter neu zu entdecken und nicht zu verklären und diese obendrein auf besondere Weise im Gedächtnis aufzubewahren.

Andere, die sich mit dem Verständnis füreinander und der „fremden“ Welt schwerer tun, geraten zwangsläufig aneinander. Und werden es auch in den kommenden Jahren noch. Sabine und Albert beispielsweise hatten die Debatten um Wende, Pioniere und Arbeitslosigkeit nach knapp zwei Jahren Vertrautheit auseinander getrieben.

Die Verlagsangestellte und der Fotograf waren sich kurz nach Maueröffnung auf der Bornholmer Brücke begegnet. Sabine stieg von Prenzlauer Berg aus über die gefallenen Betonteile, der Fotograf kam aus Wedding. Menschenmassen strömten an ihnen vorbei, als gelte es, sich vor unbarmherzigen Wasserfluten zu retten. Sabine und Albert waren langsamer, nicht nur in ihren Bewegungen. Sie verstanden die Hysterie um die deutsche Einheit nicht und fühlten sich allein deshalb einander verbunden. Monatelang führten sie sich gegenseitig an die Plätze ihrer Vergangenheit. Sie fuhren mit dem Bus nach London, schwammen in der holländischen Nordsee, froren in Leipziger Ruinen und langweilten sich in Chemnitz.

Sie hatten Spaß an der Zeit nach der Wende und glaubten, sie hätten im anderen jemanden gefunden, der „begriffen hat“. Durch Alberts Augen sah Sabine das Land, in dem sie bis dahin gelebt hatte, anders. Albert war auch so etwas wie ihre Verbindung zum Westen. Vor allem, weil Albert sich über den Größenwahn des Westens amüsierte wie jemand, der als Beobachter außen steht. Bis er diesen Satz sagte: „Das ganze Ost-West-Gelabere muss doch irgendwann einmal ein Ende haben.“ Und hatte noch hinterher geschoben: „Sind wir nicht alles Europäer?“ Mit einem Mal fühlte sich Sabine nicht nur unverstanden, sondern vor allem ihrer Biographie beraubt. Sie war, sagt sie, zwar gerade Bundesbürgerin geworden, per Einheitsvertrag und Gesetz, aber noch lange keine Westfrau. Und schon gar keine Europäerin. Mit dieser Zuschreibung kann sie bis heute nichts anfangen. Sabine begann, das gefallene System zu rechtfertigen, das sie im Grunde ebenso verachtete wie Albert. „Es ging darum, mein Leben in der DDR zu verteidigen.“ Deshalb wird sie auch heute noch wütend, wenn ihr ein Wessi den Osten erklären will.

Wie viele westöstliche Ehen es gibt, ist statistisch nicht erfasst. Liebe ist durch Zahlen offensichtlich nicht erklärbar. Das Statistische Landesamt Berlin und das Statistische Bundesamt haben es daher auch nur einmal versucht: Im Jahre 1995 waren 3,5 Prozent aller Ehen, die in der Hauptstadt geschlossen wurden, Ost-West-Verbindungen. 1,4 Prozent sollen es republikweit gewesen sein. Beziehungen ohne Trauschein wurden nicht gezählt. Heute dürfte die Zahl um einiges höher sein, allein deshalb, da der Trend zum Zusammenleben ohne Trauschein anhält.

Liebe zwischen Ost und West ist „normaler“ geworden, dennoch haftet grenzüberschreitenden Beziehungen nach wie vor etwas Exotisches an. „Wie funktioniert das zwischen euch?“, werden Ost-West-Paare noch immer oft gefragt. „Geht das überhaupt?“ Vorurteile werden gern gepflegt. Im Westen noch lieber als im Osten. Das mag daran liegen, dass Ost-West-Beziehungen eher in den neuen Bundesländern gelebt werden als in den alten. Wessis haben sich den (Beziehungs-)Osten intensiver erobert als Ossis sich den Westen. Auch wird nach wie vor zumeist die klassische Variante gewählt: Mann West, Frau Ost. Die Ursache dafür ist schlicht: Wegen ihres Berufs zieht es meist Westmänner in den Osten, dort stoßen sie auf Ostfrauen. Gehen Ostfrauen in den Westen, sind sie oft verheiratet oder fest liiert. Und Ostmänner haben im Westen noch immer keine allzu große Chance. Auch wenn es immer wieder heißt, dass der Ostmann im Kommen ist. Ostmänner gelten bei Westfrauen nicht selten als gefühlsduselig, stillos und nicht männlich genug.

Wer an dieser Stelle eine Antwort auf die Frage nach bestimmten Stereotypen im Verhalten von Ossis und Wessis erwartet, wird jedoch bitter enttäuscht. Die gibt es nicht. Denn es gibt Ostfrauen, die finden andere Ostfrauen und -männer abscheulich, weil sie auf ihre Herkunft pochen und noch immer nicht Englisch lernen wollen, und Ostfrauen, die in Westfrauen affektierte Tussis und in Westmännern überkandidelte Aufschneider sehen. Manche Westfrauen empfinden Ostfrauen als piefig und Ostmänner als fade. Andere bemerken keinen Unterschied mehr. Ebenso gibt es Westmänner, die auf Ostfrauen als den Pragmatismus auf zwei Beinen schwören, und Westmänner, die sich mit Ostfrauen zu Tode langweilen. Und Ostmänner? Die äußern sich am liebsten gar nicht.

Dennoch treffen aber auch – wenngleich äußerst selten – Menschen wie Margitta und Heinz aufeinander. Weder von Freunden noch von den eigenen Kindern wurde dieser Beziehung eine lange Durchhaltedauer bescheinigt. Beide sind über 60, Heinz ist vor einigen Jahren aus einer Rostocker Platte in Margittas Haus nach Düsseldorf gezogen. Dafür musste Heinz mehrere Nachmittage über sich ergehen lassen, an denen Margitta ihn nach ihren Vorstellungen neu einkleidete.

Eigentlich passen die beiden zusammen wie Minuspole eines Magneten. Heinz setzt sein Wahlkreuz konsequent bei den Linken, Margitta hat noch nie etwas anderes gewählt als CDU. Margitta liest die „FAZ“ und die „Welt“, Heinz „Neues Deutschland“. Margitta war bis zum Tod ihres ersten Mannes Hausfrau und trug selbst beim Gang zur Mülltonne eine Perlenkette. Heinz war aus Überzeugung strammer Genosse, der die Berufstätigkeit von Frauen für einen der größten Fortschritte hält.

Sie lernten sich vor zehn Jahren auf einer Kreuzfahrt für Kunstliebhaber kennen, es hat einige Jahre gebraucht, bis sie akzeptierten, dass sie sind, wie sie sind, und dass sie sich nicht mehr ändern werden. Erstens, weil sie zu alt für weitere Wendungen in ihrem Leben sind und zweitens, weil sie erkannt haben, dass Authentizität, auch wenn sie rau ist, allemal besser ist als jeder Rahmen, den man sich nach seinen Vorstellungen zurecht biegen kann. Sie wollen ohne den anderen nicht mehr sein und streiten bis heute über den Sinn und Unsinn der Treuhand – und über Heinz’ Geiz. Den bezeichnet Margitta gern als typisch ostdeutsch. Heinz hingegen empfindet den Energiesparwahn und das Wärmeempfinden der Wessis absurd. Wenn Margitta es nicht sieht, dreht er die Heizung immer ein paar Grad höher. Irgendwann merkt es Margitta doch und sagt: „Das war jetzt aber nicht wirklich solidarisch.“ Dann lächelt Heinz und erwidert: „Naja, vielleicht ein wenig grenzwertig.“

Von der Autorin ist zuletzt das Buch erschienen: „Deutsch-deutsche Beziehungen. Geschichten von der Liebe zwischen Ost und West.“ Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,90 Euro.

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