Zeitung Heute : Ost-West Verständigung: Der Weg zur EU führt über Deutschland

Hermann Horstkotte

Hundert deutsche Professoren und Hochschulverwalter trafen in der vergangenen Woche mit 50 ukrainischen Kollegen in Bonn zusammen. Eine so große Wissenschaftler-Delegation habe die Ukraine noch nie ins Ausland geschickt, betonte Bildungsminister Vasyl Kremen. Das jetzige Engagement hat einen Grund: "Unser Weg auf die Europäische Union zu führt über Deutschland". Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn unterstützt die Annäherung, die sich ein in vielfältige deutsche und EU-Initiativen zum Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaft in den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas einordnet.

Schon in der Zeit des Kalten Krieges hatte der Dialog der Hochschuleliten zur Ost-West-Verständigung beigetragen - jetzt soll die akademische Partnerschaft die Modernisierung von Gesellschaft und Wirtschaft vorantreiben. So sieht es jedenfalls Theodor Berchem, der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Der DAAD richtete eigens in Kiew ein Informationsbüro ein.

Sehr gute technische Ausbildung

Was gibt es außer Absichtserklärungen? Rund achtzig Maschinenbau-, Elektrotechnik- und Informatik-Studenten aus der Ukraine haben vergangenes Jahr in Deutschland ihr Betriebspraktikum absolviert, zum Beispiel bei Siemens, der Telekom oder im "Laserzentrum Hannover". Die Firmen waren mit den Hospitanten durchweg sehr zufrieden, denn in technischen Fächern bilden die Hochschulen in Kiew und anderen Städten im Lande - von Lemberg an der polnischen Grenze bis Odessa am Schwarzen Meer - auf Weltniveau aus. Außer den Praktikanten kamen seit 1991 rund 5000 angehende und fertige Wissenschaftler aus dem nach Russland zweitgrößten Nachfolgestaat der Sowjetunion als Gäste von Universitäten und Fachhochschulen nach Deutschland.

Nur eine Einbahnstraße von Ost nach West ist dieser Wissenschaftleraustausch nicht. Umgekehrt arbeiteten etwa 1000 deutsche Forscher im Partnerland, meist freilich nur für einige Wochen oder wenige Monate. Um die Nachfrage zu verstärken, lud die Hochschulrektorenkonferenz jetzt zu einer "Deutsch-Ukrainischen Hochschulbörse" nach Bonn ein.

Ingesamt bestehen über 130 Hochschulpartnerschaften zwischen beiden Ländern. Die Schwerpunkte liegen fast naturgemäß in den Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie in den landwirtschaftlichen Disziplinen: Die Ukraine hat fruchtbare Böden und reiche Bodenschätze, sie war zugleich das "Ruhrgebiet" und der Fruchtgarten der Sowjetunion. Beziehungen pflegen traditionell etwa die Humboldt-Universität und die Agraruniversität Kiew speziell in der Bodenkunde und der Lebensmitteltechnologie. Die TU Dresden kooperiert mit den Polytechnischen Universitäten in Kiew, Charkow und Odessa vor allem in der Elektrotechnik und im Maschinenwesen, aber auch in der Germanistik.

Allein zwanzig Hochschulen der neuen Bundesländer pflegen formelle Kontakte mit ukrainischen Partnern. Das Fächerspektrum umfasst auch scheinbar exotische Disziplinen wie Musiktherapie. Die Fachhochschule Magdeburg-Stendal tauscht sich auf diesem Gebiet mit der Universität Saporosche aus. FH-Dozent Thomas Wosch: "Die ukrainischen Studenten kommen als Fremde und gehen wieder als Freunde, als Mittler unserer Lebensart in ihrer Heimat." Die internationalen Wissenschaftsbeziehungen gelten auch deshalb als wichtiges Feld der Außenpolitik. Die schwerste Hürde für den Austausch ist die Sprache. Die Regierung in Kiew will das Russische in Schule und Hochschule durch das Ukrainische ersetzen. Minister Kremen fordert entsprechend mehr Ukrainistik an deutschen Universitäten. Heute gibt es dafür nur einen Lehrstuhl in Greifswald. Die Deutschen können diesem Wunsch allerdings wenig abgewinnen.

Der Bonner Slawistik-Professor Helmut Keipert verweist auf die ungünstigen Berufsaussichten - deshalb ist das Interesse der Studenten gering: "Unsere Politik und Wirtschaft arbeiten durchweg mit billigeren Ortskräften als Übersetzern. Deutsche haben kaum Chancen." Als Voraussetzung für mehr deutsche Gaststudenten in der Ukraine müssten dort deutschsprachige Studiengänge aufgebaut werden. Solche gibt es mit finanzieller Unterstützung aus Berlin bislang in Rumänien, Bulgarien und der Türkei.

Problem Abwanderung

Ein großes Problem sieht Bildungsminister Kremen in der Abwanderung ukrainischer Wissenschaftler ins Ausland, wo sie erheblich mehr verdienen. "Wir können diese Entwicklung nicht wirklich stoppen", so Kremen. "Sie ist Ausdruck der Globalisierung." Deutschland könne den Wissenschaftsstandort Ukraine aber durch gezielte Forschungs- oder sonstige Aufträge stützen, zum Beispiel in der Datenverarbeitung. Deutsche Banken vergeben solche Arbeiten nach Indien - bald auch nach Lemberg oder Tschernowitz.

Uwe Thomas, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, sieht aufgrund der Green-Card-Regelung noch eine andere Fördermöglichkeit: Ukrainische Experten bilden sich für einige Jahre bei Firmen in Deutschland weiter und gründen dann zu Hause ein eigenes Unternehmen. Thomas glaubt dabei an die Heimatliebe der Wissenschaftler.

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