Zeitung Heute : Ost

Von Kerstin Decker

Guter Geschmack, ahnten wir irgendwann, muss eine Frage des Alters sein. Unsere Eltern fanden lauter merkwürdige Dinge schön, etwa plattgedrückte Häuser mit plattgedrückten Fenstern. Ein Stockwerk. Keine Treppe. Verdient ein Haus mit nur einer Etage ohne Treppe, wahrscheinlich sogar ohne Keller, den Namen Haus? Natürlich nicht, darum heißt es ja Bungalow. Eine Vorform des Hauses also. Das Synonym für provisorisches Wohnen. Und gegen so etwas hätte manch einer unserer unmittelbaren Vorfahren ohne Zögern sein altes Haus eingetauscht.

Unterkünfte mit B sind verdächtig. Bude. Baude. Baracke. Lauter erdnaher Leichtbau. Klingt schon latent einsturzgefährdet. Wo hört eigentlich die Baracke auf, und wo fängt der Bungalow an? Wahrscheinlich ist der Bungalow nur eine nicht weitergebaute Baracke. Bungalows sind kurz, Baracken sind lang. Aber darüber konnte man mit der Kriegsgeneration nicht reden. Wahrscheinlich hielten wir uns gegenseitig für Barbaren. Wir sie, weil sie die schönen Möbel ihrer Eltern weggeschmissen hatten, mit der Begründung: M a n wohnt nicht mehr so. M a n wohnt jetzt modern. Ja, wer ist denn m a n?

Etwas später würden sie ihre Wohnungen mit hässlichen Anbauwänden verrammeln. Denn: M a n hat jetzt Anbauwände. Und die Treppe in ihren Häusern schien ihnen wie ein ewiger Vorwurf mangelnder Modernität. Braucht Tante Ida in Göttingen etwa eine Treppe? Braucht der Bundeskanzler eine Treppe? Am liebsten hätten sie die Treppe wohl herausgebrochen, aber dann wäre ihr Haus trotzdem noch kein richtiger Bungalow gewesen und sie kämen nicht mehr nach oben, also blieb die Treppe drin.

Nein, ich habe diese Möchtegern-Flachwohner, die von den einbrechergerechten, traumlosen Häusern mit ihren Panorama-Flachfenstern träumten, nie verstanden. Und am liebsten hätten sie eine Hollywoodschaukel davor. Modern? Die Wirklichkeit war Spießertum. Seltsam, die alten Häuser sahen fast nie spießig aus. Noch heute bekomme ich einen Schreck, wenn ich im Immobilienteil lese: Haus im Bungalowstil.

Natürlich ist das ungerecht. Vielleicht lag es auch an der DDR. Denn Häuser im Bungalowstil gab es dort eigentlich nicht. Wer sich in der DDR ein Haus baute – Eigenheim genannt –, baute meist diesen spitzgiebeligen Einheitstypus mit zwei viel zu eng stehenden schielenden Fenstern oben und Panoramafenster unten und mit Ziersteinen drumrum. Die wenigsten Dinge auf Erden sind unendlich. Der schlechte Geschmack ist es. Gut, dass er wenigstens teuer ist. Es müssen dieselben etwas besserverdienenden Menschen mit Beziehungen zu VEB Baukombinaten gewesen sein, die es in solchen Häusern aushielten und sich zur Ergänzung ihres Wohngefühls einen Bungalow fürs Wochenende bauten. Eine Datsche eben. Einen Wohncontainer mit Pappwänden und Dachpappe oben drauf, im schlimmsten Fall.

Ich gebe zu, ich kannte niemanden, der einen Bungalow besaß. Aber die meisten Dinge sind ohnehin Definitionsfragen. Pappwand und Pappdach? Haben wir doch auch, dachte mancher und nannte seine Laube im Kleingarten Bungalow. Vor allem, wenn er noch eine Hollywoodschaukel dazu besaß. Es war halt alles ein bisschen kleiner in der DDR.

Wenn man nur eine Etage hat, dachte ich, kann man doch schön hohe Decken machen. Aber die Bungalowbewohner hängten sich ihre Decken unmittelbar über die Köpfe. Und wurden sofort unruhig in den hohen Räumen eines Altbaus. Das machte sie mir besonders verdächtig.

Nein, in der DDR war es unmöglich, die Utopie des Bungalows zu entdecken. Letztendlich sehen Häuser aus wie ihre Bewohner. Und der Bewohner eines Bungalows ist nun mal der Helmut-Kohl- Typ. Natürlich hatte der keine Lust, Treppen zu steigen. Und so ein Panoramafenster gibt noch jedem die Illusion, er habe den absoluten Überblick.

Was mich an den Bungalows jedoch am meisten störte, war: Die sahen so selbstzufrieden aus. Alles breit statt hoch. Es gibt keine Eleganz der Breite.

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