Ostalgie : Was wirklich bleibt

Wie Frau Scheibe, Trainerin in Kati Witts Eislaufverein, die DDR als Fernsehshow findet

Torsten Hampel[Chemnitz]

Es ist dann noch ein guter Abend geworden. Ein Fremder hatte sich angekündigt, fernsehen wollte der mit ihnen, die „DDR-Show“. Sie haben sich den ganzen Tag Gedanken gemacht darüber, wie man sich da verhält. Sie haben ja die Ostalgie-Diskussion nicht so aufmerksam verfolgt, sie kennen die Stichworte nicht, und die Grundsatzfrage haben sie sich auch noch nie gestellt. Die Grundsatzfrage geht so: Darf ein Unrechtsstaat in eine Unterhaltungssendung? Sie haben den Gast dann einfach reingelassen, sich mit ihm vor den Fernseher gesetzt, RTL eingeschaltet und hingeschaut.

Herr und Frau Scheibe wohnen in Chemnitz, Sachsen, sie ist Jahrgang 1949, wie die DDR, er ist zwei Jahre jünger. Ihre Stadt hatte einen eigenen DDR-Namen, sie hieß früher Karl-Marx-Stadt, und die beiden kennen auch die Katarina Witt, die als Moderatorin der Sendung angekündigt ist. Katarina Witt war in jenem Karl-Marx-Städter Eislaufverein, in dem Monika Scheibe bis heute Schlittschuhläufer trainiert. Der Gast hatte sich gedacht, die Scheibes, so viele Anknüpfungspunkte, die wären bestimmt ideal, um herauszubekommen, wie die Ostdeutschen so eine Unterhaltungssendung finden. Und als er ins Wohnzimmer kommt und die alte DDR-Schrankwand sieht, weiß er, ja, hier ist er richtig. Hier stehen sie zu ihrer Vergangenheit.

Auch eine Diktatur

Die Einleitung ist schon sehr schön. Der Moderator Oliver Geissen kommt ins Studio, sein Publikum klatscht wie wild, und er sagt: „Letztendlich blicken wir aber auch auf eine Diktatur zurück.“ Frau Scheibe sagt: „Ich gehöre zu denen, die wenig Platz für schlechte Erinnerungen haben.“

Sie hat einen Tag in der Eishalle hinter sich, seit 30 Jahren fährt sie die sechs, sieben Kilometer dorthin, zurzeit hat sie acht Schüler. Bringt sie denen auch das richtige Hinfallen bei? „Nein, wir lernen das Stehenbleiben.“

Ihr Mann ist Physiker, promoviert, hat Computer-Software entwickelt für das Karl-Marx-Städter Strickmaschinenwerk. Die Firma gibt es nicht mehr, heute verkauft Herr Scheibe Versicherungen. Er sagt: „Diese Ostshows, das ist für viele eine willkommene Sache, um sich aufzuregen, zum Ablenken. Aber unsere wirklichen Probleme sind andere.“ Er freue sich schon richtig, wenn er bei seinen Hausbesuchen auf Familien trifft, in denen beide Eltern eine Arbeit haben.

Kati Witt tritt auf, blaues Jungpionierhalstuch, weiße Bluse, hinten am Kopf links und rechts zwei Zöpfe. Sie singt den Refrain des Aufbauliedes der FDJ. „Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf.“ Frau Scheibe wundert sich. „Möchte mal wissen, woher sie das Lied kennt.“ Im FDJ-Alter hatten sie an der Karl-Marx-Städter Sportschule doch gar keinen Musikunterricht mehr. Ist eben ein sehr bekanntes Lied, sagt der Gast. Dann kommt ein kleiner Film, Pioniere sagen darin „Seid bereit – immer bereit“. Katarina Witt sagt: „Ja, das war schön.“

Dann fährt der ehemalige Boxer Henry Maske in einem Trabant durch Frankfurt an der Oder. „Ja, natürlich hatten wir auch einen“, sagt Herr Scheibe. Katarina Witt im Fernsehen lächelt, als Maske von seinem Stolz auf das Auto erzählt, sie hatte von Anfang an bessere, ihr erster Wagen war ein Lada.

Vor der Werbepause wird die 5000Euro-Zuschauerfrage gestellt. Welche Sportart machte Katarina Witt zum Star? Antwort A: Tennis. B: Eiskunstlauf. Monika Scheibe ist gerade auf den Balkon gegangen, eine Zigarette rauchen, sie kann das jetzt nicht sehen. Sie hätte sich sonst bestimmt aufgeregt.

Es geht weiter, jetzt kommt der Gulag. Frau Scheibe ist wieder da, sitzt wieder im Ledersessel. „Die andere Seite der DDR“, sagt eine Stimme. Die andere Seite wozu? Zu den fröhlichen Menschen, die gerade eben an Wilhelm-Pieck-, Josef-Stalin-, ErnstThälmann-Porträts vorbeimarschierten? Die andere Seite ist die Geschichte einer Frau, die mit 15 Jahren wegen eines Schulstreichs für acht Jahre nach Sibirien kam. Sie hat den Schnurrbart auf dem Stalin-Bild im Klassenzimmer mit Lippenstift bemalt. Die Frau ist im Studio. „Wie muss man sich so ein Straflager vorstellen, gibt es da eine medizinische Versorgung?“, fragt sie der Moderator Oliver Geissen.

Frau Scheibe ist vom Fach, als Eislauftrainerin müsse man viel von Show verstehen, sagt sie. „Eiskunstlauf hat ja einen hohen Unterhaltungswert, das sollten sich alle bewusst machen. 80 Prozent der Leute sollte das schon fesseln.“ Und noch etwas ist wichtig: „Was beeinflusst die Emotionen der Preisrichter?“ Welches Kleid, welche Schminke, welche Musik und so. Frau Scheibe selbst unterhält sich gerade schlecht, ihr ist einfach ein bisschen langweilig. Sie schüttelt dauernd die Bubifrisur und sieht zu ihrem Mann.

Organisiertes Winken

Die Rockgruppe Karat ist jetzt im Bild, Aufnahmen davon, wie sie von Erich Honecker den Nationalpreis dritter Klasse bekommt. „Na ja, das war ja auch niveauvoll“, sagt Frau Scheibe. Katarina Witt zählt die Namen von ein paar anderen Bands in der DDR auf, nachdem Oliver Geissen gefragt hat, was es denn noch für andere Bands in der DDR gegeben habe. Und dann singt Karat, und Monika Scheibe hat doch noch Emotionen. Sie kriegt einen kleinen Anfall. „Organisiertes Winken“, das regt sie jetzt ein wenig auf, das Publikum dort im Studio, das wahrscheinlich auf Kommando ausgeteilte Leuchtstäbe hochhält und herumschwenkt. Wenn jeder von selbst sein Privatfeuerzeug aus der Hose geholt hätte, ja dann, das hätte ihr besser gefallen. Unrechtsstaaten abbilden, okay, aber Unrechtsstaaten nachmachen, das geht nicht.

Es ist die erfolgreichste DDR-Unterhaltungssendung geworden, bis jetzt, es kommen noch welche. Sechseinhalb Millionen Zuschauer hatte sie, fast doppelt so viele wie die von Sat 1. Über zwei Millionen Menschen haben in Ostdeutschland zugesehen. Es wird drei Fortsetzungen geben, das hat das Ehepaar Scheibe in der Programmzeitschrift gelesen. Wenn die nächste Folge läuft, wird Herr Scheibe sich wie fast jeden Abend vor den Computer setzen, und Frau Scheibe wird ein paar Videos schauen. Mit Eiskunstlaufen drauf.

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