Zeitung Heute : Osterbräuche: Enzian pflücken bringt Unglück

Helga Panten (dpa)

Die Farben des Osterfestes sind das Gelb der Narzissen, die vielen Nuancen der Tulpen und das zarte Birkengrün. Einige Frühjahrsblüher haben zu dem religiösen Fest durch Aberglauben oder Mythen sogar auch eine besondere Bedeutung erlangt – etwa die Osterglocke. Von den alten Griechen stammt der Mythos vom selbstverliebten Jüngling Narziss, der beim Betrachten seines Spiegelbildes ertrinkt und von den Göttern zu einem Leben zwischen oberer und unterer Welt, zwischen Winter und Sommer, begnadigt wird. Seither erscheint die Narzisse nur ein paar Monate lang an der Erdoberfläche, läutet das Frühjahr und das Osterfest ein, und verschwindet wenige Wochen später wieder in der Erde.

Über einigen Frühjahrsblühern scheint sogar ein Fluch zu liegen. Küchenschelle, Märzenbecher und Lerchensporn kommen in Ostersträußen praktisch nicht vor. Die Hühner legen keine Eier mehr, wenn jemand Küchenschellen pflückt, hieß es früher. Eine Tradition als Vasenblume konnte so nicht entstehen. Ähnliches gilt für Märzenbecher und Lerchensporn. Sommersprossen und kranke Nasen drohen dem Pflücker. Besonders drastisch fiel der Aberglauben beim Frühlingsenzian aus. Wer ihn pflückt, riskiert den Tod eines nahestehenden Menschen, hieß es. Das war ein wirksamer Naturschutz in keltisch-germanischer Zeit.

Bei Primeln ist die Haltung unterschiedlich: Einerseits werden sie als Heilkraut gepflückt und zu Schlüsselblumenwein und als Gicht-, Kopfschmerz- und Herzmittel verarbeitet. Andererseits glaubte man, den Pflückern bleibe das Himmelreich versperrt. Heute stehen die Primeln am Feldrand unter Naturschutz. Aus dem Garten oder aus der Gärtnerei lassen sie sich aber ohne weiteres zu Sträußen binden.

Bei Sträuchern und Bäumen stammen die abergläubischen Verbote, Zweige zu pflücken oder zu schneiden, aus neuerer Zeit. Die ersten reichen Pollen- und Nektarquellen sollen so geschützt werden. Früher durften, ja mussten sie rund ums Osterfest Zweige liefern. Als „Lebensruten“ weckten Ebereschen-, Wacholder-, Hasel-, Birken- oder Weidenzweige in alten Fruchtbarkeitsriten die Natur auf. Mensch und Vieh, Wiesen und Felder wurden damit geschlagen, auf dass es ein fruchtbares Jahr werde.

Das Christentum verwandelte den heidnischen Zauber in die Palmzweige oder Palmbuschen, die am Palmsonntag in die Kirche getragen und gesegnet werden. Im Herrgottswinkel, in der Stube, der Schlafkammer und im Stall werden sie noch heute aufgehängt.

Immergrüne wie Wacholder, Tanne, Eibe (Taxus), Buchsbaum oder Stechpalme (Ilex) gehören in den Palmbuschen. Letztere weist schon mit ihrem Namen auf die Zugehörigkeit zu den Palmzweigen hin, genauso wie die Palmkätzchenzweige, die die Salweide liefert. Aber auch Haselnuss und Kirsche, Hainbuchenzweige mit Laub vom Vorjahr, Erle und Vogelbeere dürfen in den Palmbuschen gewunden werden. Am besten wirken die Zweige, wenn sie zu neunt zusammengestellt werden. Neun gilt als göttliche Zahl, weil in ihr dreimal die Drei steckt, die wiederum für die Dreifaltigkeit steht.    Helga Panten (dpa)

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