Zeitung Heute : Osteria Maria

Steglitzer Kellerfütterung

Bernd Matthies

Osteria Maria, Leydenallee 79, Steglitz, Tel. 0170/300 00 80. Nur Abendessen freitags und sonnabends um 19.30 Uhr, Reservierung notwendig, keine Kreditkarten. Foto: Kitty Kleist–Heinrich

Lieblingsfrage an den Restaurantkritiker: Wie es denn mit Geheimtipps wäre? Lieblingsantwort des Restaurantkritikers: Wo sollen die denn herkommen, wenn doch heute keine Würstchenbude mehr ohne PR-Agentur eröffnet wird? Damit ließe sich die Sache abhaken, gäbe es nicht da und dort doch den Versuch, es mal ohne Reklame zu probieren. Die „illegalen" Berliner Restaurants waren ein solches, kurzlebiges Phänomen – und dann ist da seit etwa einem Jahr die „Osteria Maria". Flüster, flüster, tuschel, tuschel, nur am Wochenende, und e-wig-und-drei-Tage ausgebucht…

Es gibt zwar nicht den Hauch von Reklame, aber geheim ist das Ding auch wieder nicht. Von der Website (www.osteriamaria.de) erfahren wir, dass es sich um das „Privatrestaurant von Florian Sinnig“ handelt. Sinnig hat sein Geld mit Pizza gemacht, seeeeeeeeehr viel Geld, wenn man das Anwesen betrachtet. Hinter der Steglitzer Villa steht eine Remise, wir gehen an der Küche vorbei in den Keller – und staunen. Ein noch ganz braver Trattoria-Vorraum, dann ein hoher Saal mit Empore, Ornamenten, dunklen Holzvertäfelungen, Deckenmalereien, Weinflaschen ohne Ende, einem echten Kamin. Gleich wird Don Corleone die Orgel aufbrausen lassen…

Gut, dass das hier keine Architekturkritik ist, denn mein Geschmack ist das nicht. Aber die Leute strömen, fein aufgemacht, treffen sich in geselligen Runden, und innerhalb von 30 Minuten sind über 100 Plätze weg wie nix; offenbar hat hier einer einen Nerv getroffen.

Das Geheimnis ist offenbar das extreme All-inclusive-Konzept, das niemanden zu Entscheidungen über Menü oder, Gott bewahre, Wein zwingt. Wer hier Platz nimmt, hat sich dafür entschieden, 45 Euro pro Kopf zu zahlen und alles andere geschehen zu lassen. Es beginnt damit, dass sich die Tische schon vorab unter Vorspeisen biegen, Nudelsalat und Linsensalat und Kartoffel-Kürbis-Salat und Paprika-Wurst-Salat und Oliven und Roter Bete und Dips und werweißwas noch. In einem Tonkrug wartet rauer Roter aus der Chianti-Gegend, der offenbar den Glasballons auf dem Hof entstammt. Es schmeckt so, als habe es ein familiärer Gastgeber ganz besonders nett gemeint, und wer den Fehler macht, alles aufzuessen, kann den Abend für beendet erklären. Nach geraumer Zeit kommt der Service mit Aufschnitt: Schinken, luftgetrocknet und gekocht, dünn aufgeschnittene Salami feinster Qualität, alles profan auf ein großes Blatt Papier hingehaucht, sehr italienisch, sehr köstlich das alles.

Es gibt keine Wunder, auch in Geheimtipps nicht. Denn nun erscheint der Service mit großen Schüsseln und teilt Risotto aus, für jeden einen Schlag – allerdings nicht für uns, denn das Zeug riecht schon von weitem derart nach dem scheußlichen Trüffelöl, dass wir dankend abwinken. Dafür gelingt es uns, den Restaurantchef nach diskutablem Wein zu fragen. „Die Weinkarte bin ich!“, sagt er, und er hat durchaus was Besseres parat als den Stoff aus den Ballons, zum Beispiel vorzüglichen Cabernet Sauvignon aus dem Veneto zum bescheidenen Einkaufspreis. Es erscheinen ferner gut gemachte Muschelnudeln mit Fleischsugo, schön scharf, wir essen und warten ab.

Das war’s dann auch. Die geschmorte Lammschulter mit Bohnen, gut gewürzt, aber grob in zaddrige Scheiben gesäbelt, erreichte uns noch eben lauwarm, das ebenfalls abgekühlte Kartoffelpüree dazu erinnerte an die Konsistenz von Sanitär-Dichtmasse. Kaum war das abgeräumt, schob die Küche noch Roastbeef mit Rucolasalat nach, sehr unzureichend gegartes Fleisch, ebenso schwer zu zersäbeln wie zu kauen. Schließlich reichte der Service Löffel mit batzigem Milchreis und stellte ein sehr konfektioniert schmeckendes Amaretto-Mousse hin. Espresso? Im Preis enthalten, Schnaps dito.

Wir lernen daraus, dass hier niemand Feinschmecker-Abfütterung im Sinn hat, auch wenn die Website mit dem Versprechen „anspruchsvoller“ toskanischer Küche dies zumindest nahe legt. Hier geht es eher um eine kultiviertere Alternative zu Mittelalter-Gastmahlen und ähnlichen Lustbarkeiten. Wer genau das mag, der wird in diesem kuriosen Steglitzer Keller glücklich werden. Garantiert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar