OSTERN 2008 : Schneiden, hacken, kneten

So schmeckt der Frühling: Zu Ostern kommen viele Hobbyköche auf den Geschmack – Kochschulen haben Hochkonjunktur.

Katja Gartz

Während Karola das Backblech mit Eigelb einpinselt, füllt Uwe mit seiner Tochter Laura Teigdreiecke mit Schafskäse und Petersilie. Wie daraus Rollen werden, zeigt ihnen Roya, die Köchin. Gleichzeitig fischt Peter fertig gebratene Reibekuchen aus der Pfanne, Silke kümmert sich um den Abwasch. Andere schneiden Zwiebeln, hacken Basilikum und schauen dabei zu wie die ersten orientalischen Köstlichkeiten entstehen. Alle Sinne sind im Einsatz: Unbekannte Gewürzmischungen werden in Augenschein genommen und mit der Nase erkundet, Zutaten mit den Händen bearbeitet – es wird probiert und abgeschmeckt.

In der Küche der Kochschule Kochlust in Mitte herrscht Hochbetrieb und das fünf Mal die Woche vier Stunden lang mit jeweils bis zu zehn Teilnehmern. An diesem Abend lautet das Thema des viergängigen Menüs: orientalisches Fingerfood. Roya Vaheli-Stolp versteht Kochen als Kulturvermittlung, deshalb informiert sie ihre Gäste auch über das Herkunftsland der Speisen, den Iran. Karola gefällt das Konzept, sie ist bereits nach thailändischer, indischer und vegetarischer Küche zum vierten Mal dabei. „Man erfährt etwas über verschiedene Kulturen“, sagt die Teilnehmerin, der Kochen in der Gruppe auch mehr Spaß als mit einem Kochbuch macht. Zur Begrüßung gibt es Prosecco und vorbereitete Vorspeisen.

Roya gibt die ersten Anweisungen und dazu Tipps beim Schneiden und Hacken der Zutaten, alle duzen sich und kommen schnell ins Gespräch. Silke ist Teilnehmerin der ersten Stunde und seit einem halben Jahr als Assistentin fester Bestandteil des Kochlust-Teams. „Kochen verbindet“, meint die Sozialarbeiterin. Für die 45-Jährige ist Kochen ein Ausgleich zum Beruf, sie genießt es, bei guter Atmosphäre verschiedene Leute kennenzulernen. Auch Laura nimmt bereits zum zweiten Mal an einem Kochkurs teil. „Das Leben ist zu kurz, um schlecht zu essen“, erklärt die 17-jährige Hobbyköchin.

Die Liebe zu gutem Essen treibt die meisten Teilnehmer zu den Kochkursen. „Meine Frau kocht nicht, dafür bin ich zuständig“, berichtet Peter, der den Kurs von seiner Frau geschenkt bekommen hat. Auch Gregor bekam den Kurs geschenkt. Der 23-Jährige kommt beim Kochen so langsam auf den Geschmack. Kochen ist angesagt. Das Angebot an Kochkursen wächst und wird immer vielfältiger, unzählige Kochbücher erobern den Markt und zudem flimmern fast täglich Kochshows über den Fernsehbildschirm.

Die Geschäftsführerin von Kochlust hält das Ganze für eine Modeerscheinung. „Mir ist wichtig, dass Kochen nicht verlernt wird“, sagt Brit Lippold. Gemeinsames Kochen mache mehr Spaß und sei gesünder als nur dabei zuzusehen. Ihr Konzept geht auf. Lippolds Kochschule samt Kochbuchladen feiert im April siebenjähriges Jubiläum. Anke Meiswinkel, Leiterin der Cookeria, freut sich über die große Nachfrage an ihren Kochkursen, die sie sich mit verloren gegangenen Fähig- und Fertigkeiten erklärt. Besonders beliebt seien mediterrane und asiatische Kochkurse und – vor den kommenden Feiertagen – auch Ostermenüs. Unternehmen haben das Angebot ebenfalls für sich entdeckt. Restaurantbesuche werden gegen Kochkurse getauscht, die zusätzlich noch zur Teambildung genutzt werden können. Koch Dirk Wissinger, Kursleiter des Kulinarischen Salons, hält Kochen für einen begehrten Luxus, weil es Zeit braucht und gute Zutaten teuer sind. Stephan Marquart von der Kochschule Kochbox hat noch eine Erklärung: „Selber kochen ist heute keine lästige Pflicht, sondern ein Zeichen von moderner Lebensqualität.“ Nicht nur das kulinarische Ergebnis zähle, sondern die Entspannung bei der Zubereitung und das Erlebnis in geselliger Runde. Damit das Ergebnis nicht zu kurz kommt, werden an diesem Abend bei Kochlust nach etwa eineinhalb Stunden die ersten orientalischen Leckereien verspeist. Auf einer langen gedeckten Tafel mit gelben Frühlingsblumen weichen die dunkelroten Servietten den Tellern mit duftenden Kartoffel-Apfel-Reibekuchen mit Ingwer und Chili und den gebackenen Teigrollen mit Schafskäse und Petersilie. Die sieben Hobbyköche kosten, schmecken – und sind zufrieden. Nachdem der erste Hunger gestillt ist, geht es weiter. Begleitet von persischer Musik wandern die Zutaten für Hauptgang und Nachtisch in die Kochtöpfe.

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