Ostern : In Schwäche schön

Angst vor dem Tod, dem sozialen Abstieg - früher bauten die Menschen Kathedralen gegen die Angst, heute gibt es Pränataldiagnostik. Aber das Leben ist nicht perfekt. Schwäche gehört dazu, daraus kann sich Stärke entwickeln. Daran erinnert Ostern.

Von Claudia KellerDie großen Kathedralen von Paris, Chartres oder Reims sind Zeichen einer großen Angst. Getrieben von der Furcht vor dem Tod auf dem Schlachtfeld, in Turnieren, auf den Kreuzzügen küssten die Ritter des Mittelalters Reliquien, sie knieten nieder vor dem Kreuz und ließen Steine auf Steine schichten, immer höher hinauf, als wollten sie sich selbst überzeugen: Ja, Christus ist auferstanden. Ja, er hat den Tod besiegt.

Heute betrachten wir tote Knöchelchen allenfalls im Museum, das Bauen von Kathedralen ist aus der Mode gekommen. Die Angst ist geblieben. Die Angst vor dem sozialen Abstieg und vor den fremden Muslimen, die Angst, ein Leben mit Kindern nicht bewältigen zu können, die Sorge, dass es mit der Demokratie bergab geht, wenn sich das Parteienspektrum erweitert. Vertrauen, so scheint es, hat nur noch als Thema auf Büchertischen Konjunktur. Je weniger Vertrauen da ist, umso eifriger wird darüber geschrieben.

Dass Vertrauen schwindet, hat viel mit unserem Wahn zu tun, alles müsse perfekt sein. Je besser die Partnerschaft, das Kind und das Aussehen sein muss, je fester gezurrt die Politik, je leistungsversessener die Berufswelt, umso mehr wächst das Gefühl bei den Einzelnen, nicht mithalten zu können. Die vielen Beratungsangebote für alles und jedes Problem suggerieren zudem: Niemand muss heute schwach, hässlich, behindert oder alleine sein. Pillen steigern die Leistungsfähigkeit, Spritzen helfen gegen Falten, Paarbörsen gegen Einsamkeit. Mit der Pränataldiagnostik lässt sich bald jede Einschränkung feststellen. Heute braucht doch niemand ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, wird Eltern gesagt, die sich für das kranke Kind entscheiden. Es ist als Vorwurf gemeint. Aber so sehr wir uns auch anstrengen, Tod, Krankheit und Verzweiflung, Betrug, Lüge und alles Hässliche außer Sichtweite zu verbannen, all dies wird immer dazugehören. Das Leben ist nie perfekt. Selbst Jesus, der Sohn Gottes, war schwach und verzweifelt. Er hatte Todesangst und ist am Kreuz krepiert. Daran erinnert Karfreitag. Auf den Karfreitag folgt aber Ostersonntag. Und der erinnert daran, dass jeder schwach sein darf und trotzdem geliebt wird, trotzdem auferstehen kann. Aus der Schwäche kann sich sogar eine enorme, weltumspannende Stärke entwickeln, wie die Geschichte des Christentums zeigt.

Wir müssen heute keine Kathedralen gegen die Angst bauen. Es reicht, wenn wir von der Erwartung abrücken, alles müsse perfekt sein und einer bestimmten Norm entsprechen. Denn diese Erwartung ist nicht nur unmenschlich, sie ist auch gefährlich, weil sie unbeweglich macht im Denken und Handeln. Wer als Politiker ganz große Versprechen macht, kann nicht reagieren, wenn die Welt morgen anders aussieht. Wem der Gedanke fremd ist, dass Brüche, Krankheit und Fehler dazugehören zum Leben wie Essen und Sex, der sitzt starr und hilflos da, wenn etwas schiefgeht.

Sicher, jeder hofft, von Brüchen und Zweifeln verschont zu bleiben, aber wer mit Störungen leben lernt, sieht auch die Chance, die darin liegt, wenn etwas nicht wie geplant läuft. Neues kommt nur in die Welt, wenn das Gewohnte gestört wird. Der Direktor eines Hotels in einem abgelegenen Winkel in der Schweiz erzählt, dass große Firmen ihre Tagungen so gerne bei ihm abhalten, nicht obwohl, sondern weil bei ihm Kellner und Gärtner arbeiten, die aufgrund einer Einschränkung nicht so schnell sind wie andere. Aber sie geben sich umso mehr Mühe und verrichten ihre Arbeit mit Liebe, was eine besondere Atmosphäre schafft. „Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack in everything, that’s how the light gets in“, singt Leonard Cohen. Vergesst das perfekte Angebot, alles kann brüchig werden. Aber durch den Bruch kommt Licht herein und weist einen neuen Weg. Wir müssen keine frommen Menschen sein, um daran zu glauben. Wir müssen nur hinschauen.

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