Zeitung Heute : Ostern: Rechtsprechung: Der Tag, an dem die Hühner befreit wurden

Der 6. Juli 1999 war ein historischer Tag. Es war der Tag, an dem das deutsche Haushuhn mit kräftigen Flügelschlägen die Gitterstäbe seines Käfigs verbog, aus dem Gefängnis herausflatterte und den Eierbaronen kräftige Schnabelhiebe verpasste.

In Karlsruhe verkündete das Bundesverfassungsgericht an jenem Sommertag sein Verdikt zur modernen Eierproduktion. Die Richter erklärten in ihrem Urteil, was jeder weiß und keiner hören wollte: Selbst die elementarsten Grundbedürfnisse der Gattung Huhn seien mit einer modernen Legebatterie unvereinbar. In der nüchternen Tonlage der Juristen liest sich das so: "Aus dem Produkt von Länge und Breite der Tiere ergibt sich ein Flächenbedarf für jede Henne in der Ruhelage, der die (im Käfig vorhandene) Mindestbodenfläche überschreitet." Die Tiere, so das Gericht, müssten "auf- oder übereinander schlafen". Sie könnten auch nicht gleichzeitig fressen oder saufen, weil ein Huhn 14,5 Zentimeter breit sei, die Futtertrog-Länge aber nur zehn Zentimeter Platz pro Henne lasse.

Über andere Bedürfnisse nach Tageslicht, Sonne, Scharren und Picken, nach Körperpflege und Sandbaden, nach Auslauf, Sex und Käferchen suchen, wollten die Richter nicht befinden. Ihnen genügte es, dass schon Schlafen und Fressen blockiert sind, um den alten Käfig als Tierquälerei einzukassieren. Das Urteil war eine Sensation, denn das Gericht hatte mit einigen komplizierten juristischen Windungen außerdem erklärt, dass wirtschaftliche Erfordernisse keine Rechtfertigung sei, Tiere zu misshandeln.

Das Urteil hatte dramatische Auswirkungen. Die bereits existierenden Batterien genossen zwar zunächst Bestandsschutz, aber mit dem Rückenwind der Agrarwende hat Verbraucherschutz- und Landwirtschaftsministerin Renate Künast eine neue Legehennenhaltungsverordnung vorgelegt, die den Hühnerkäfig auf dem Komposthaufen der Geschichte entsorgte. Auch EU-weit wurden neue Vorschriften eingeführt. Die Einzelheiten: Ab. 1. Januar 2003 müssen den Hühnern im Käfig europaweit 550 statt 450 Quadratzentimeter Platz zur Verfügung stehen. In Deutschland ist die Käfighaltung ab 1. Januar 2007 ganz verboten. Schon seit diesem Jahr ist der Neubau von Käfiganlagen nicht mehr möglich. In der EU dürfen die Käfige dagegen noch bis zum Jahresende 2011 weiterbetrieben werden.

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