Zeitung Heute : Osteuropa in Berlin

Die Technische Universität wird zur zweiten Heimat für Spitzenforscher aus Russland und Tschechien

Ina Helms

Seit dem Mauerfall nutzen immer mehr Wissenschaftler aus Osteuropa die Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen. Das aktuelle Ranking der Alexander von Humboldt-Stiftung zeigt, dass die TU-Berlin dabei hoch im Kurs steht: 99 Forschungsstipendiaten und Preisträger der Stiftung kamen zwischen 1998 bis 2002 jährlich an die TU. Unter ihnen waren zahlreiche Wissenschaftler aus Osteuropa.

Einer von ihnen ist Igor L. Fedushkin. Der 37-jährige Chemieprofessor hat einen der zehn begehrten Friedrich Wilhelm Bessel-Forschungspreise bekommen. Damit erhielt er die Möglichkeit, ein halbes Jahr lang in Berlin zu forschen. Der in Nischni Nowgorod lebende Juniorprofessor setzt eine bestehende Kooperation fort. Seit seinem ersten Gastspiel im Winter 1992 am Institut für Chemie der TU Berlin steht er mit seinem Wissenschaftlerkollegen Herbert Schumann in engem Kontakt. Drei bis vier Arbeiten veröffentlichen sie pro Jahr gemeinsam. Derzeit schreiben sie zusammen an einem Artikel für ein Handbuch der anorganischen Chemie. Diese Zusammenarbeit soll in der Zukunft noch ausgedehnt werden. Fedushkin schickt regelmäßig seine besten Mitarbeiter nach Berlin.

Der russische Chemiker beschäftigt sich mit metallorganischen Verbindungen. Das sind Stoffe, in denen ein Metall-Atom mit einem organischen Molekül eine komplexe Struktur bildet. Eine Gruppe unter ihnen, die metallorganischen Verbindungen der Lanthanoide und der Erdalkalimetalle, sind besonders reaktiv. Sie gelten als extrem schwierig herzustellen und zu handhaben. Allerdings sind sie begehrte Katalysatoren für die Produktion von speziellen Kunststoffen. Den Durchbruch in der industriellen Produktion haben sie aufgrund ihrer Empfindlichkeit jedoch noch nicht geschafft. Igor Fedushkin sucht deshalb nach neuen Ligandensystemen und nach Verbindungen, in denen billige Erdalkalimetalle wie Magnesium und Calcium die Rolle des zentralen Metallions einnehmen. In Berlin gelang es ihm, schon mehrere solcher Stoffe zu synthetisieren.

Russischer Grenzgänger

Humboldt-Preisträger Oleg Vasyutinskii ist ein Grenzgänger zwischen der Physik und der Chemie. Er stammt ebenfalls aus Russland und wird für drei Monate an das Institut für Atomare Physik und Fachdidaktik kommen. Der 1951 im damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) geborene Physiker untersucht, wie Moleküle durch Lichteinwirkung in ihre atomaren Bestandteile zerlegt werden. Fachleute nennen diesen Vorgang Fotodissoziation. Vasyutinskii ist einer der weltweit führenden Experten auf diesem jungen Gebiet.

Wenn er den Verlauf und die Energieumsätze solcher Prozesse untersucht, ist das in erster Linie Grundlagenforschung. Die Fotodissoziation spielt vor allem in der oberen Erdatmosphäre eine wichtige Rolle. Unter Einwirkung von Sonnenlicht werden dort chemische Moleküle zerlegt. Die entstehenden Fragmente bilden neue Moleküle, zum Beispiel Ozon. An der TU setzt er die seit mehr als fünf Jahren bestehende Kooperation mit Dieter Zimmermann vom Institut für Atomare Physik fort. Vor allem die exzellenten Geräte und Labore, an denen es am heimatlichen Ioffe-Institut in St. Petersburg mangelt, reizen ihn.

Ein Gast aus Prag, Roman Kotecky, weilte bereits von April bis Juni dieses Jahres in Berlin. Am mathematischen Institut der TU Berlin berechnete er Phasenübergänge, wie sie zum Beispiel auftreten, wenn Wasser siedet und verdampft. „Physiker messen Eigenschaften, die an der Oberfläche zu sehen sind. Wir wollen beispielsweise verstehen, wie sich die makroskopische Form eines Kristalls herleiten lässt – ausgehend von einem Modell mit mikroskopischen Kräften, die zwischen den Atomen wirken und sie zusammen halten“, beschreibt sein Berliner Kollege Jean-Dominique Deuschel das Interesse der Mathematiker. Die Methoden dafür stammen aus der Wahrscheinlichkeitslehre.

Kochendes Wasser im Stau

„Die Gesetze des Phasenübergangs“, erläutert Roman Kotecky, „sind nicht nur bei physikalischen Phänomenen relevant. Auch im Straßenverkehr, wenn flüssiger Verkehr in einen Stau übergeht, wirken ähnliche mathematische Gesetze.“ Die Mathematiker suchen Ähnlichkeiten: „Der einzige Unterschied ist, dass der Phasenübergang beim Sieden von Wasser auf Grund der riesigen Menge der involvierten Atome abrupt erfolgt“, erzählt er. „Bei der Bildung eines Staus geschieht das weniger abrupt, da die Anzahl der Fahrzeuge wesentlich geringer ist."

In Berlin haben Kotecky und Deuschel berechnet, wie sich ein elastischer Kristall verhält, wenn man ihn durch Druck oder Zug verformt. Diese Überlegungen fließen in ein Formelwerk ein. Ziel ist die Berechnung der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kristall eine bestimmte Form einnimmt.

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