Osteuropa : Von einer Krise zur anderen

Die Finanz- und Wirtschaftskrise trifft osteuropäische Länder besonders hart. Wie schlimm ist die Lage?

Kilian Kirchgeßner[Warschau] Prag[Warschau] Knut Krohn[Warschau] Juliane Schäuble
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Fotos: Spiekermann-Klass, dpa; Montage: Damm

Die Hoffnung war groß, dass sich Osteuropa der internationalen Finanzkrise weitgehend entziehen könnte. Hohe Wachstumsraten über mehrere Jahre sollten ein Garant sein, so die Überzeugung der meisten Experten noch im vergangenen Herbst, dass die Staaten der Region auch 2009 zulegen könnten – wenn auch in geringerem Ausmaß. Doch die Globalisierung, also die Vernetzung dieser Länder mit der Weltwirtschaft, ist zu weit fortgeschritten, als dass sich die Hoffnung erfüllt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet inzwischen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Region 2009 um 0,4 Prozent schrumpfen wird.

Die Weltbank, der IWF, die Osteuropabank und die Europäische Investitionsbank wollen den finanziell angeschlagenen Ländern daher Kapital zur Verfügung stellen. Osteuropa, so sagte Weltbankchef Robert Zoellick der „Süddeutschen Zeitung“, brauche 120 Milliarden Dollar, um die Banken zu rekapitalisieren. Ohne Hilfe von außen sei dies aber nicht zu schaffen. Bisher habe der Westen die Krise jedoch eher noch verschlimmert. Viele Banken hätten ihr Geld aus Osteuropa abgezogen. So werde den Ländern der Geldhahn zugedreht.

RUMÄNIEN

Bislang hat der IWF osteuropäische Ländern, darunter Ungarn, Weißrussland und Serbien, bereits mit rund 38 Milliarden Dollar (29 Milliarden Euro) unterstützt. Als fast sicher gilt, dass auch Rumänien in diesem Jahr auf internationale Hilfe zurückgreifen muss. Möglicherweise kann das Land seinen Staatshaushalt nicht mehr selbst ausgleichen. Der Staat ist hoch verschuldet, der Bankensektor ist fast vollständig in ausländischer Hand – was das Land in dieser Krise besonders verwundbar macht – und die Währung ist massiv unter Druck geraten. Seit Jahresbeginn hat der Leu zum Euro mehr als sechs Prozent verloren. Das südosteuropäische Land verhandelt nun mit der EU-Kommission über einen Notkredit von sechs bis sieben Milliarden Euro. Ein Darlehen vom IWF lehnt aber Rumänien ab, da dies immer mit harten Auflagen verbunden ist.

POLEN

In der Krise gibt es auch Gewinner. Die polnischen Supermärkte in der Grenzregion zu Deutschland werden von Kunden aus dem Nachbarland regelrecht bestürmt. Bis zu 20 Prozent mehr Umsatz können manche Geschäfte verzeichnen. Grund dafür ist der schwache Kurs des Zloty, der im vergangenen halben Jahr rund 30 Prozent seines Wertes gegenüber dem Euro verloren hat. Auch die polnische Währung war unter Druck geraten, da das Vertrauen in die osteuropäischen Länder rapide gesunken ist.

Da half es auch nichts, dass Polen auf sein stabiles Wirtschaftswachstum verweist. Erst in diesen Tagen hat Thomas Laursen, der für Polen zuständige Manager der Weltbank, erklärt, dass auch 2009 eine Steigerung von bis zu zwei Prozent des BIP möglich sei – während andere Länder einer Rezession entgegen taumeln.

Allerdings haben die Politiker in Warschau lange geglaubt, dass ihr Land von der Krise unberührt bleibe. Schließlich hatten sich die polnischen Banken nicht an der globalen Kreditraserei der großen Häuser beteiligt, sondern vor allem das klassische Kundengeschäft bedient. Das war jedoch zu kurz gedacht: Die meisten Banken in Polen befinden sind in ausländischer Hand und die Mutterhäuser ziehen nun das Kapital von ihren Töchtern ab, da sie es selbst benötigen. Dieses Geld fehlt in Polen für Investitionen. Schwer zu schaffen macht dem Land auch der Absatzeinbruch der Automobilindustrie. Fast alle großen Konzerne haben große Produktionsstraßen in Polen oder beziehen Teile von polnischen Zulieferern. Die Regierung in Warschau hat vor einigen Wochen ein Konjunkturpaket von rund 25 Milliarden Euro geschnürt. Über zehn Milliarden Euro werden in Bürgschaften der Regierung für Interbankenkredite fließen, um so den Handel zwischen den Geldinstituten wieder anzukurbeln. Der Schuldenberg soll aber nicht weiter wachsen, denn Polen will 2012 den Euro einführen.

TSCHECHIEN

In Tschechien rächt sich jetzt die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre. Einseitig hatte man vor allem auf die Automobilindustrie gesetzt und Dutzende Firmen mit millionenschweren Subventionen ins Land gelockt. Neben dem heimischen Hersteller Skoda produzieren inzwischen Hyundai, Toyota, Peugeot und Citroen in Tschechien – ganz zu schweigen von den weit mehr als 50 Zulieferbetrieben, die sich in der Nähe der großen Autobauer angesiedelt haben. Sie alle leiden unter der wegbrechenden Nachfrage, tausende Arbeitsplätze sind bereits verloren gegangen. In der Folge darben auch viele Dienstleistungsunternehmen, die bislang vom Erfolg der Autoproduzenten profitiert haben. Experten hatten schon frühzeitig davor gewarnt, die tschechische Volkswirtschaft so einseitig auf die Automobilindustrie auszurichten. Aber nicht einmal sie hatten damit gerechnet, dass der Ernstfall so rasch über das Land hereinbrechen würde. Die Regierung hatte noch 2008 schlichtweg bestritten, dass die Krise überhaupt eine Auswirkung auf Tschechien haben werde. Das liegt auch an mangelnder Erfahrung – seit der politischen Wende geht es im Land wirtschaftlich steil nach oben, abgesehen nur von kleinen Turbulenzen in der Mitte der 90er Jahre. Bis vor wenigen Monaten gaben die tschechischen Unternehmen unisono an, ihr größtes Problem sei der Nachwuchsmangel.

Jetzt versucht Prag zu retten, was zu retten ist. Mit einer Senkung der Lohnnebenkosten, verbesserten Abschreibemöglichkeiten für Unternehmer und einigen Bürgschaften soll das Schlimmste verhindert werden. Hoffnung setzen die Tschechen vor allem darauf, dass die Verschrottungsprämien in vielen europäischen Ländern die Autokonjunktur wieder belebt.

UNGARN

Wie Tschechien bekämpft Ungarn die Krise der exportabhängigen Volkswirtschaft mit einem neuen Konjunkturprogramm. Die ungarische Regierung verkündete eine Mehrwertsteuererhöhung, um sich Spielraum zur Senkung der Arbeitskosten und für andere Schritte zum Anschieben der Wirtschaft zu verschaffen. Auch Ungarn spürt den Einbruch der Nachfrage nach Autos, Flachbildfernsehern und anderen Gütern aus seiner Produktion. Investoren betrachten die wirtschaftliche Talfahrt mit Sorge und ziehen ihre Gelder ab. Deshalb fiel der ungarische Forint am Montag zum Euro auf den tiefsten Stand aller Zeiten. Ungarn hat 2008 Hilfen in Milliardenhöhe von der EU, dem IWF und der Weltbank erhalten. Das Land gilt wegen seiner enormen Verschuldung als besonders verwundbar.

SLOWAKEI

Die Euphorie über die Einführung des Euro war in der Slowakei lange kaum zu bremsen, doch nun kämpft das Land gegen den Abwärtssog. Viele ausländische Investoren bauen Stellen ab. Die Arbeitslosenquote ist auf knapp neun Prozent gestiegen. So hat VW seine Produktion wegen Absatzproblemen vorübergehend gestoppt. VW beschäftigt in der Slowakei mehr als 8000 Menschen. Die Wiederaufnahme der Arbeit ist für den 25. Februar geplant. Vor einigen Wochen startete die Regierung unter Robert Fico einen letzten Hilfsversuch. Die Slowakei gewährte VW eine Steuerermäßigung von 14,3 Millionen Euro, um den deutschen Mutterkonzern zur Erhöhung der Produktionskapazitäten zu motivieren – vergeblich.

UKRAINE

Im Vergleich zur Ukraine stehen die meisten osteuropäischen EU-Staaten allerdings ausgesprochen gut da. Nur ein Kredit über 16,4-Milliarden Dollar des IWF hat das Land vor dem Bankrott gerettet. Doch die angemahnten Reformen wurden nicht in Angriff genommen. Nun weigert sich der IWF, die zweite Tranche des versprochenen Kredits auszuzahlen. Hauptkritikpunkt: Die Regierung von Premierministerin Julia Timoschenko habe keinen rigiden Sparkurs eingeleitet, sondern die Ausgaben im Haushalt 2009 noch aufgestockt und werde das Budgetdefizit weiter erhöhen. Die Osteuropabank kündigte nun an, die ukrainische Wirtschaft möglicherweise mit 1,3 Milliarden Euro zu unterstützen. Befürchtet wird, dass die Ukraine nicht in der Lage ist, ihre Schulden an den russischen Energiekonzern Gasprom zu bezahlen – was wohl einen neuen Gasstreit zwischen Kiew und Moskau zur Folge hätte. Und das will Europa auf jeden Fall vermeiden.

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