OSTSEE 2008 – Blauer Himmel, weiße Strände und mehr : Dem „Gold des Nordens“ auf der Spur

Der „Bernsteinzug“ durchquert auf einer 15-tägigen Entdeckungsreise Polen und das Baltikum – bis er die Endstation Sankt Petersburg erreicht

Klaus Thiele

Während der Fahrt am Schilfgürtel des Frischen Haffs im Nordosten Polens entlang schlagen immer wieder Äste gegen das Zugfenster. Auf dem Bahnhof von Frombork stapfen die Fahrgäste durch kräftig wucherndes Gras. „Der Bahnhof ist nur für Sie da“, strahlt Stadtführer Stanislaw beim Anblick von 75 Reisenden, denen er von Nikolaus Kopernikus und der „Stereo-Orgel“ in der Kathedrale erzählen wird. Die Bahnstrecke nach Frombork, dem früheren Frauenburg, wo Kopernikus 30 Jahre seines Lebens verbrachte, ist eigentlich stillgelegt.

Aber hin und wieder pfeift doch noch eine Lokomotive. Zum Beispiel die des Bernstein-Sonderzuges. Er fährt 2008 im sechsten Jahr mit sechs Schlafwagen und einem Speisewagen entlang der Bernsteinküste. Rund 5400 Kilometer legt er in 15 Tagen vom polnischen Rzepin durch Litauen, Lettland und Estland bis ins russische St. Petersburg und dann heimwärts durch Weißrussland zurück. Nur die russische Enklave um Kaliningrad-Königsberg muss er umkurven. Es gibt keine Durchfahrtmöglichkeit. Und noch ein Schlenker ist nötig. Die Bahngleise in den jungen EU-Mitgliedsländern Estland, Lettland und Litauen haben noch die Spurbreite der alten Sowjetunion. Deshalb geht es von Polen erst einmal nach Brest in Weißrussland, ins Umspurwerk. Für die wahren Bahnfreaks unter den Mitreisenden ist die nächtliche Prozedur ein Grund zum Wachbleiben. Fasziniert schauen sie zu, wie die Waggons angehoben und die Fahrwerke darunter ausgetauscht werden. Wer sich müde ins Abteilbett legt, wird heftig durchgerüttelt.

Bis Brest hat man schon einiges über das „Gold der Ostsee“ gelernt, die fossilen Harze, die schon in der Antike als „Tränen der Götter“ begehrt waren. Assyrer, Ägypter, Römer wussten die Schmucksteine zu schätzen. Schon vor über 2000 Jahren lief der Handel über eine Bernsteinstraße von der Ostsee bis Rom. Nero dichtete über das bernsteinfarbene Haar seiner Poppea. Tacitus schrieb, dass die Balten die Ersten waren, die Bernstein sammelten und bearbeiteten. Schliemann hat in Troja auch Bernstein aus dem Baltikum gefunden.

Danzig, heute die Hauptstadt des Bernsteins, ist erster Höhepunkt der Reise. Viele Werkstätten produzieren und jede Menge Läden in Langgasse und Frauengasse verkaufen Schmuck. Aber es gibt viele Fälschungen, Kunststoff-Imitationen. In einer Bernsteinschleiferei zeigt Stadtführer Zbigniew Krzystek den Unterschied: Echter Bernstein schwimmt in Salzwasser oben. Und er ist brennbar.

Die Marienburg, eine der mächtigsten Festungen des Mittelalters, Sitz des Deutschen Ordens, ist nächstes Ziel. Auch hier Erinnerungen an das „Ostsee-Gold“ in einem Museum: Die Kreuzritter beherrschten damals den Bernsteinhandel. Bei Todesstrafe war es verboten, am Strand gefundenen Bernstein nicht abzuliefern.

Bernstein ist zwar Leitmotiv der Reise, doch deshalb bleiben andere Schätze oder historische Sehenswürdigkeiten nicht links liegen. Immer wieder verlassen Gruppen den Zug für größere Exkursionen. Zur Dampferfahrt über die Masurischen Seen, zur Stakbootpartie auf dem Fluss Krutinna, einem Naturparadies in der Johannisburger Heide. Mehr ein Ausflug nach Absurdistan ist der Besuch der Wolfsschanze, dem Führerbunker, in dem Hitler unter einer neun Meter dicken Betondecke Schutz vor dem Endsieg suchte und am 20. Juli 1944 das Stauffenberg-Attentat überlebte. Dann geht es ins Hotel. Man genießt die Dusche, freut sich aber auch, wenn man wieder in seinem Schlafwagenabteil die melancholische Landschaft des alten Ostpreußen vorüberziehen sieht und im Speisewagen von Mariuz und seinen polnischen Kollegen Rustikales wie Königsberger Klopse, russische Pelmeni, ukrainischen Borschtsch, Minsker Gurkensuppe oder masurische Fleischklößchen serviert bekommt.

Die drei baltischen Hauptstädte warten auf den Bernstein-Zug, Vilnius, Riga und Tallinn. Alle drei wirken wunderbar jung mit ihren frisch aufgemöbelten Altstädten. Viel Mittelalter, Glanz aus der Hansezeit, Riga noch dazu mit wunderbarem Jugendstil. 800 Jugendstilhäuser gibt es. „Gemessen an Größe und Einwohnerzahl ist Riga die Jugendstilstadt Nummer eins“, sagt stolz Reiseleiterin Anda, die natürlich aus Riga stammt. Die Tradition wird seit der Unabhängigkeit geradezu liebevoll gepflegt, aber in mancher Hinsicht eilt der Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln durch das Baltikum. Unvergessen bleibt, wie begeistert Reiseleiterin Signe erzählt, dass man in Tallinn mit dem Handy parken kann, seine Steuererklärung in zehn Minuten am Computer abgibt, sogar den Ministerpräsidenten übers Internet wählt und Eltern mit Codewort erfahren können, ob ihr Kind die Schule geschwänzt hat.

Im litauischen Küstenort Palanga steht wieder das Gold der Ostsee im Mittelpunkt. Das Museum im Schloss besitzt die wertvollste Bernsteinsammlung der Welt, darunter ein paar Jahrtausende alter Schmuck und als Inklusen unter anderem eine im Harz eingeschlossene Eidechse und ein Stück, in dem 120 Mücken ihr edles Grab fanden.

Nicht weit von Palanga beginnt die Landzunge der Kurischen Nehrung mit Europas höchsten Dünen. Im 19. Jahrhundert lag dort beim früheren Schwarzort ein Zentrum der Bernstein-Produktion. Heute suchen nur ganz wenige Fischer nach Sturmtagen im Seetang nach den gelb-braunen Steinen. Den Ausflug von Klaipeda hinüber macht man eher wegen der Künstlerkolonie Nida, wo Thomas Manns Sommerhaus mit „Italien-Blick“ heute Museum ist. Im Hafenstädtchen Klaipeda, dem früheren Memel, der ältesten Stadt Ostpreußens, gibt es noch einen sentimentalen Halt. Das „Ännchen von Tharau“ steht seit 1989 wieder auf dem Brunnen, der den Namen des unglücklich verliebten Dichters Simon Dach trägt.

Schöne Tage warten schließlich in St. Petersburg mit Peterhof, dem Versailles der Zaren, Kanaltouren, den Schätzen der Eremitage – und endlich dem absoluten Meisterwerk der Bernsteinkunst, dem restaurierten Bernsteinzimmer im Katharinenpalast. Das Original, ein Geschenk von Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter den Großen, hatten die Deutschen während der Belagerung von St. Petersburg/Leningrad in Kisten nach Königsberg gebracht, wo es spurlos verschwand. Vielleicht, weil es vergraben wurde? Oder verbrannte? Zeit darüber nachzugrübeln bleibt reichlich, wenn der Zug am Ende der Reise durch die Weite Weißrusslands fährt – mit Minsk als Zugabe.

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